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Feldmarschall Kesselring –   * November 1885 + 15. Juli 1960

Noch einmal rauschte der Präsentiermarsch auf, als die sterbliche Hülle des GFM Albert Kesselring am 19.7.60 der Erde übergeben wurde. Die Salven des Ehrensaluts und die feierlichen Klänge des Liedes vom Guten Kameraden aber wurden übertönt von entfesselten Elementen, die mit Blitz, Donner und schweren Regenschauern fast symbolhaft die Beisetzungsfeierlichkeiten begleiteten. Auf dem herrlich gelegenen Bergfriedhof von Bad Wiessee ruht der Feldmarschall neben seiner 1957 verstorbenen Gattin.
Seine lautere Persönlichkeit bedarf keiner Glorifizierung. Zu sehr liegt sein Leben und seine Lebensleistung für sein Vaterland wie ein offenes Buch vor uns – vor Hunderttausenden seiner ehemaligen Soldaten, wie vor der Mitwelt des In- und Auslandes. Zu sehr ist sein Name mit den Luftflotten und Heeresfronten, mit den Waffentaten der von ihm geführten Verbände im 2. WK verbunden.
Den wohlverdienten Ruhm, den er durch seine hervorragende und von höchstem Verantwortungsgefühl getragene Führungskunst unter schwierigsten Umständen erwarb, wird zwar nicht die Gegenwart aber die Nachwelt ebenso bestätigen wie die Kriegsgeschichte.
An einen unsichtbaren Marschallstab im eigenen Tornister hatte der in Marktsteft/Ufr. geborene Schulratssohn jedoch kaum gedacht, als er nach dem Abitur auf dem Humanistischen Gymnasium in Bayreuth 1904 Fahnenjunker im Kgl bayer 2. FußArtRgt wurde, dessen I. Btl in Metz in Garnison stand. Dort, in den da¬maligen Reichslanden, formten Offze und Uffze der bayerischen „Fuassa", denen der Feldmarschall sich stets verbunden fühlte, den 18-jährigen zum Soldaten.
Nach Absolvierung der Kriegsschule sowie der ArtSchule in München und einer Ausbildung als Ballon-Beobachter zog der qualifizierte Offizier 1914 mit seiner Truppe ins Feld. An den Fronten des 1. WK als Bttr-Chef, BrigAdju und Generalstabsoffizier gleichermaßen bewährt.
Bis zu seiner Übernahme in das 100 000-Mann-Heer wieder Bttr-Chef, erfolgte bald seine Versetzung in den Stab des Chefs der Heeresleitung, wo er unter Gen v. Seeckt die für seine Entwicklung wesentlichen Erkenntnisse über die großen Zusammenhänge von Heer, Politik und Wirtschaft gewann. Der übliche Wechsel zwischen Generalstabs- und Truppendienst brachte seine Verwendung als AbtKdr im ArtRgt 4 in Dresden.
Hier erreichte ihn die Aufforderung, zu der noch getarnt entstehenden neuen deutschen Luftwaffe überzutreten. Er lehnte ab. Doch man wusste, was und wen man wollte. So wurde aus der Aufforderung ein Befehl. Es ist bezeichnend für den Soldaten Kesselring, dass er, nachdem die Würfel gefallen waren, sich nunmehr mit ganzem Herzen und ganzer Tatkraft der neuen Aufgabe verschrieb. Am 1.10.33 aus Tarnungsgründen als Oberst „verabschiedet", wurde er zunächst Verwaltungschef im „Luftkommissariat", 1935 im Reichsluftfahrtministerium Amtschef des Lw-Verwaltungsamtes. In kurzer Zeit baute er die Verwaltung des neuen Wehrmachtteiles von Grund aus auf, schuf mit seinen Mitarbeitern die modernen Flugplätze und Truppenunterkünfte, für die er sich besonders einsetzte.
Längst war aus dem befähigten Generalstabsoffizier des Heeres nicht nur ein begeisterter Pilot geworden, der mit 50 noch fliegen lernte und später auch als OB im Kriege oft selbst seine Maschine steuerte, sondern vor allem ein Fliegergeneral, der die Probleme des Luftkrieges, der Technik und der Luftfahrtindustrie völlig beherrschte. Bei dieser erstaunlichen Leistung war es ganz natürlich, dass Gen Kesselring 1936 die Vertretung des abgestürzten GenLt Wever als Generalstabschef der Lw übernahm, 1937 KG im Luftkreis III (Dresden) und ein Jahr später OB der Luftflotte 1 wurde, die er im Polenfeldzug erfolgreich führte. Als OB der Luftflotte 2 wurde er für hervorragende Verdienste im Westfeldzug und im Kampf gegen die britische Insel im Juli 40 zum Generalfeldmarschall befördert. Mit den Ver¬bänden seiner Luftflotte 2 unterstützte er im Kampf gegen die Sowjets in besonders wirksamer Weise die hart kämpfenden Truppen der HGr des GFM v. Bock, immer in der Verpflichtung, dem Heer in treuer Waffenkameradschaft nach besten Kräften zu helfen.
Seine außerordentliche Führungsleistung aber begann eigentlich erst mit der Verlegung seiner Luftflotte 2 in den Mittelmeerraum im Herbst 41. In pausenloser Arbeit und persönlichem Einsatz unterstützte er das schwer ringende Afrika-Korps, bei dem er gut die Hälfte seiner Zeit in der Wüste verbrachte. Genau wie Rommel kannte er keine persönlichen Rücksichten. Ein Dutzend Mal wurde er selbst abgeschossen, ohne dass ihn dies hinderte, immer wieder im Brennpunkt des Kampfgeschehens zu sein. Daneben aber musste er sich mit stets unzureichenden Mitteln der Bekämpfung der alli¬ierten See- und Luftstreitkräfte widmen, die laufenden Angriffe gegen die feindlichen Geleitzüge und die Festung Malta koordinieren, die eigenen Konvois schützen und als OB Süd die militärischen Belange mit den Auffassungen der italienischen Oberkommandos abstimmen.
Noch schwerer wurde seine Aufgabe, als der Kriegsschauplatz sich nach Italien verlagerte. Als OB der Heeresgruppe C werden die großen Abwehrschlachten auf Sizilien, bei Anzio, Nettuno und Cassino für alle Zeiten mit seinem Namen verbunden bleiben. Gerade in der schwierigen Lage dieses Kriegsschauplatzes erprobte sich seine überragende Menschenführung. Seinem Verständnis und seiner Hilfsbereitschaft verdankt manche italienische Stadt, verdanken viele Kunstschätze, dass sie den Krieg überdauerten. Dem auf einer Fahrt zur Front im Herbst 44 durch einen Autounfall schwerverletzten FM übergab man nach seiner notdürftigen Wiederherstellung den Oberbefehl über die durch alliierte Überlegenheit auseinandergebrochene Westfront. Aber es ging über Menschenkraft, ohne intakte Reserven, ohne Nachschub und alle anderen Voraussetzungen noch einmal eine zusammenhängende Front herzustellen.
Auch FM Kesselring traf nach dem Zusammenbruch das schwere Schicksal, als „Kriegsverbrecher" angeklagt zu werden, nachdem man ihn zwei Jahre lang von Gefängnis zu Gefängnis geschleppt hatte. Er blieb auch in dieser Situation der aufrechte Soldat, dem selbst der hassblindeste Feind die menschliche Achtung nicht versagen konnte. 1947 stand er krank in Venedig vor dem britischen Militärgericht. Ungebeugt und würdevoll.
In menschlicher Größe stellte er sich hier vor alle Handlungen seiner Untergebenen, auch wenn sie sich nicht aus seinen Befehlen ergaben. Alle deutschen und italienischen Bekundungen aber wurden eben so wenig gewertet, wie das Gutachten des britischen FM Lord Alexander, der bezeugte, dass der Krieg in Italien von Kesselring stets fair geführt worden sei. Zum Tode verurteilt, lehnte der GFM es ab, ein Gnadengesuch einzureichen. Proteste aus den Reihen des brit Offizierkorps, in denen immer wieder die humane Kampfführung der deut¬schen Truppen unter Kesselrings Führung betont wurde, mögen mit dazu beigetragen haben, dass er zu lebenslänglicher Haft „begnadigt" wurde. Lange Jahre verbrachte er in dem alliierten Gefängnis Werl, bis er 1952 auf Grund schwerer Krankheit endlich die Freiheit wiedererlangte.
Einst vom Chef des Stabes bis zum letzten Landser verehrt und beliebt, genoss er auch nach dem Kriege in breiten Schichten des deutschen Volkes auf Grund seiner sittlichen Größe hohes Ansehen. Aber auch im Ausland wurde ihm ein seltenes Maß respektvoller Achtung entgegengebracht.
GFM Kesselring musste Höhen und Tiefen des Lebens ausloten und blieb sich doch stets selbst treu. Seinen Lebenserinnerungen gab er den für ihn so charakteristischen Titel „Soldat bis zum letzten Tag". Gerade das aber war er vorbildlich in des Wortes ganzer Bedeutung. In festem Glauben an den Herrgott und an sein Vaterland, in seinem klaren Bekenntnis zu den zeitlos gültigen Werten deutschen Soldatentums und in seiner ritterlichen Kameradschaft. Wie jeder Mensch war auch er sicherlich nicht frei von menschlichem Irrtum, aber er war eine warmherzige, Persönlichkeit von ungekünstelter Art, die Vertrauen ausstrahlte und empfing.

Dieser Nachruf auf GFM Kesselring stammt aus den Tagen seines Todes im Jahr 1960.