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Bericht des Werner Hundt in Afrika Oberleutnant, später Hauptmann, Chef der 2./Pz.-Pi. 200 (21. Panzer-Division)

Angriff auf Tobruk am Abend des 30. 4. 1941
Über den Angriff Auszüge aus dem Kriegstagebuch des Rgt.-Stabes, dem wir unterstanden:
...30. 4. 41. Der Stuka-Angriff setzt um 18.15 Uhr ein. Die Bombenwürfe liegen gut in den befohlenen Zielräumen.
Um 18.45 Uhr erreichen die vordersten Teile des MG 2 mit den Pionieren die Sturmausgangsstellung, etwa 250 m vor dem Drahtverhau, ohne wesentliche Störung oder Abwehr. Um 19.00 Uhr Beginn der eigenen Artillerievorbereitung. Das Feuer erreicht bald eine eindrucksvolle Stärke. Die feindliche Stellung hüllt sich in dichtem Rauch, Qualm und Staub, der sehr bald auch die ganze Mulde diesseits des Drahtverhaus einhüllt. Das eigene Feuer liegt gut in den Zielräumen, bis auf einige Lagen, die zu kurz geschossen im eigenen Bereitstellungsraum einschlagen.
Ab 18.45 Uhr arbeiten sich die Sprengtrupps des für die Gassensprengung vorgesehenen Pionier-Zuges an das Drahthindernis heran. 18.55 Uhr - also mit Einsetzen der eigenen Art.-Vorbereitung - erfolgt die Sprengung des Drahthindernisses. ...Das Herangehen an das Drahthindernis vor Beginn der eigenen Art.-Vorbereitung ist kühn. Bei der Leitung der Sprengung zeichnete sich Lt. Toll besonders aus."
Befehlsgemäß soll die Einbruchstelle im Raum zwischen den Werken R 1 - R 3 liegen, infolge einer Linksabweichung beim Vorgehen der Sprengtrupps entsteht jedoch die Einbruchstelle hart westl. R 1. Diese Tatsache bleibt der angreifenden Truppe zunächst noch unbekannt...
...Bald nach dem ersten Einbruch gerät ein 2-cm-Geschütz auf Selbstfahrlafette dicht vor dem Drahtverhau auf eine Mine und brennt unter heftigen Detonationen der Munition aus. Die Einbruchstelle wird hierdurch plötzlich hell erleuchtet. Das Abwehrfeuer des Gegners richtet sich nunmehr konzentrisch auf diese Stelle. Auch Granat-Werfer beginnen auf die klar erkennbare Einbruchstelle zu feuern..."
"Während dieser Zeit schiebt sich die in zweiter Welle angesetzte Pionier-Komp. Hundt (ohne Zug Toll) mit Teilen nach vorn, bis in Höhe des Btl.-Stabes. Der Kp.-Chef drängt der zunehmenden Dunkelheit wegen vorwärts, um noch bei einigermaßener Helligkeit gegen die ihm zum Angriff zugewiesenen Werke vorstoßen zu können. Pioniere und MG-Schützen geraten auf engstem Raum durcheinander, was sich bei der nunmehr völligen Dunkelheit und dem Feuerwirrwarr bei und hinter der Einbruchstelle sehr nachteilig für den Zusammenhalt der Truppe auswirkt."
"Pi-Komp. Hundt gelangt bis in Höhe beiderseits des Werkes 2, ohne dieses noch in der Nacht nehmen zu können. Die Verbindung zwischen Stab Pi-Btl. und Komp. Hundt ist vorübergehend während der Nacht vorhanden, geht jedoch dann wieder verloren... "
"Nach Sammlung seiner Kräfte im Fort Ras el Mdauuar tritt Major Voigtsberger (Kdr. MG-Btl. 2) um 22.30 Uhr erneut an, um das ihm befohlene Angriffsziel zu erreichen. Pi.-Komp. Hundt nimmt Verbindung mit ihm auf. Sie meldet, dass sie ihr Angriffsziel nicht habe erreichen können, und sich am nächsten Morgen dem Angriff des MG-Btl. 2 nach Osten anschließen wolle... "
01. 05. 41: "Im Raum der Einbruchsstelle hat sich unterdessen folgendes abgespielt: die in der Morgendämmerung vorfahrenden Panzer sammelten sich nördlich und nordostw. R l. Unter dem Eindruck der dort auffahrenden Panzermasse hat das Werk R 1 seinen die Nacht hindurch fortgesetzten Widerstand aufgegeben. Die Pioniere können das Werk besetzen und die Besatzung gefangen nehmen. Ähnlich verläuft die Besetzung von R 2 und R 3; jetzt erst wird von der Truppe erkannt, welcher Art die Befestigungswerke sind. Panzer und Pioniere müssen sich plötzlich darauf umstellen, regelrechte Stoßtruppenangriffe auf Bunker durchzuführen, deren Bauart völlig neuartig ist, und deren Erkennen im Gelände sowie Bekämpfungs- und Aushebungsform der Truppe große Schwierigkeiten macht. Ebenso wird offenbar, dass sowohl Stuka-Angriffe wie Art.-Vorbereitung keinerlei zerstörenden Einfluss auf die Werke ausgeübt haben..." Der erreichte Einbruchsring (Pi-Komp. Hundt am rechten Flügel des MG-Btl. 2) musste wochenlang gegen hartnäckige Angriffe der Australier verteidigt werden. Über die Bedingungen im Einbruchsring schreibt A. v. Taysen in seinem vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt herausgegebenen Buch "Tobruk 1941":
"Nicht nur das massierte Artilleriefeuer der Verteidiger machte den deutschen Truppen zu schaffen, sondern ebenso die Tatsache, dass nächtliche Bewegungen - und nur diese waren in dem offenen, ungedeckten Gelände möglich - immer wieder mangels jeglicher Orientierung an Festpunkten scheiterten. Angreifende Stoßtrupps verirrten sich und fanden ihre nur wenige hundert Meter entfernten Angriffsziele nicht.
Aber noch etwas anderes gab dem Einsatz in der Einbruchstelle das Gepräge: Die gewonnenen Stellungen lagen in der Mehrzahl im freien Gelände am Osthang des Ras el Madaur. Auf dem felsigen Untergrund konnten nur flache Mulden gescharrt werden, um die Steinplatten und Geröll aufgeschichtet wurden, was die Splittergefahr bei dem ständigen Beschuss erhöhte. Man durfte sich in diesen Mulden wegen der Einsicht durch den Gegner, der oft auf Gewehrschussweite gegenüber lag, nicht rühren - der erbarmungslosen Sonne ausgesetzt mit mittäglichen Temperaturen von 40 Grad und mehr, bei sehr schneller abendlicher Abkühlung auf 10 Grad.
Die Versorgung mit Wasser, Verpflegung und Munition, das Zurückbringen der Verwundeten und Toten, die Fürsorge für die Kranken und die Durchführung der Ablösungen konnten nur bei Dunkelheit geschehen.
Infolge der unhygienischen Verhältnisse, der Fliegenplage und der allabendlichen raschen Abkühlung litt fast jeder Soldat unter ruhrartigen Erkrankungen - musste seine Notdurft tagsüber in seinem Deckungsloch verrichten, was die ohnehin schreckliche Fliegenplage ins Unerträgliche steigerte. Zu dem bald einsetzenden Kräfteverfall trug die gänzlich unzureichende und unzweckmäßige Ernährung erheblich bei. In den 15 von den deutschen Truppen genommenen Stützpunkten waren die Zustände durchaus ähnlich, in mancher Beziehung infolge der drangvollen Enge sogar noch schlimmer. Selbst Feldmarschall Rommel schrieb später: . . . es herrschten wahrhaft entsetzliche Verhältnisse. - "

Noch einmal ein Auszug aus dem KTB (Kriegstagebuch) des Rgt.-Stabes vom 27. 5. 41: ,
" Bei der Verlegung von Minen im Raum vor dem MG-Bti. 2 gerät ein Trägertrupp der Komp. Hundt auf Minen. Durch die Explosion der Minen und durch das alsbald einsetzende MG- und Granatwerfer-Feuer entstehen Verluste: 1 Toter, 6 Verwundete, die von Männern des MG-Btl. 2 geborgen werden; außerdem 4 Vermisste. Teile der Komp. Hundt werden im nächtlichen Wirrwarr versprengt und stoßen erst im Verlauf des nächsten Tages wieder zu ihrer Einheit."
Auszüge aus den Tagebuch-Aufzeichnungen eines Angehörigen meiner Kompanie von diesen Tagen, geschrieben im Juni 1941:
Großangriff auf Tobruk
30. 4. 41: . . . An uns vorbei rasen Pak- und leichte Flakeinheiten. Es scheint allerhand los zu sein. Das kann ja heiter werden. Und über uns die Stuka. Jetzt, sie stürzen; da, dort und da vorn. Deutlich sehen wir die fallenden Bomben. Riesige Staubwolken nehmen die Sicht - armer Tommi. Noch sind die letzten "Vögel" über uns. Da setzt schon die Artillerie ein. Pulverschwaden ziehen auf uns zu.
Der Tanz kann beginnen. Ruhig kommen wir nach vorn. Die Nacht bricht an. Ganz vorn bellen die ersten englischen MG. Also ist anscheinend unser 3. Zug (Lt. Toll) schon beim Sprengen der Drahtverhaue. Immer noch gehen wir ungestört vor. Da, eine heftige Detonation in unmittelbarer Nähe vor uns links. Ein heller Feuerschein, schon instinktiv zur Seite gesprungen und runter. Eine Zwillings-Flak-Selbstfahrlafette ist beim Zurücksetzen auf eine Mine geraten. Dann bricht die Hölle los! Rasendes MG-Feuer von rechts, die detonierende Leuchtspurmunition der Selbstfahrlafette von links, es ist unmöglich; hochzukommen und nach vorn zu kommen. Ein Vorankommen, das zusätzlich durch die im Gelände massenhaft verstreut liegenden Steine und Gesteinsbrocken erschwert wird.