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Vormarsch am 21. Januar 1942 aus der Marsa el Brega-Stellung

Der Befehlshaber der H.G., 21.1.42
Panzergruppe Afrika: Tagesbefehl
Armee-Tagesbefehl. Deutsche und italienische Soldaten! Ihr habe schwere Kämpfe gegen weit überlegenen Feind hinter Euch. Euer Kampfgeist aber ist ungebrochen. Zur Zeit sind wir zahlenmäßig stärker als der Feind vor unserer Front. Zur Vernichtung des Gegners tritt daher die Armee heute zum Angriff an. Ich erwarte, daß jeder Soldat in diesen entscheidenen Tagen das Letzte gibt.
Es lebe Italien! Es lebe das Großdeutsche Reich!. Es lebe der Führer!
Der Befehlshaber Rommel General der Panzertruppe

Die italienischen Kommandostellen werden erst am 21. Jan. durch den Tagesbefehl informiert.
Für uns wird am 19./20. Januar Bereitschaft angeordnet. Da uns unsere Geschütze noch nicht erreicht haben werden wir als Infanterie eingesetzt. Bis auf das "kleine" Gepäck (Sturmgepäck) bleibt die sonstige Ausrüstung im Rucksack beim Troß. Am 20. Januar abends Transport mit Lkw in Richtung Marsa el Brega, anschließend in der Dunkelheit 9 km Marsch durch ein vom Gegner einschaubares Gelände. Eingraben. Am 21. morgens bei Hellwerden Bereitstellung. In den beginnenden Vormarsch antwortet der Gegner mit starkem Artillerie-Feuer. 9 Verwundete in unserer Abteilung im Bereitschaftsraum.
Pak- und leichte Fla-Geschütze werden im Mannschaftszug vorgezogen. Der Abtlg. wurden einige 3,7 cm Pak-Geschütze zugeteilt. Der Vorstoß geht bis auf Km 69 der Via Balbia vor Adjedabia. Die 1. Batterie ist dem I. Bataillion Infanterie 361 zugeteilt. Zwischenzeitlich verbessern 4 BeuteLkw unsere Ausrüstung und Transportmöglichkeiten.
22. Januar abends Eingraben und Verpflegungsempfang. Zwei engl. Jäger schießen eine He 111 über unserer Stellung ab. Nachts regnet es.
Am 23 Januar ist die Abtlg. bei km 44 ostwärts und westlich der Via Balbia wieder vollständig versammelt. Von der Division werden unter Führung von Hptm. Kaul und Ltn. Brust zwei Beute-Kolonnen zur Kampfgruppe Marcks in Marsch gesetzt. Am 23. Januar findet ein Spähtrupp unter Führung von Ltn. Brandt zwei verlassene, aber fahrbereite Lkw in den Dünen. Die Küchen haben inzwischen zur Abtlg. aufgeschlossen und bringen warme Verpflegung.
Am 24. Januar geht es zu Fuß auf der Via Balbia weiter. Einzelne Nachschubfahrzeuge nehmen kleine Gruppen auf und so kommen wir nach und nach vorwärts. (Veteran Quadflieg/Schweyher) Am 25. Januar wird nach Durchfahrt der Sammelpunkt bei km 45 nördlich Adjedabia erreicht. Zwischen dem 26. Januar bis zum 30. Januar in Stellung in der Wüste ca. 10 km östlich der Via Balbia zur Flankensicherung. Eine Gruppe der 1. Batterie auf einem Lkw mit 3,7 Pak unter Führung des Batterie-Chefs Oltn. Rave stößt zufällig auf eine kleine Nachhut (indische Truppe) von 2 - 3 Fahrzeugen, die in der Wüste übernachtet hatten. Die Gruppe zieht sich ohne Schusswechsel schnell zurück,
Am 1. Februar Rückmarsch zur Via Balbia und Übernachtung längs der Via Balbia. Nacht ist es empfindlich kalt. Restpfützen aus der Regenzeit haben manchmal dünne Eisschichten, die sich aber morgens kurze Zeit nach Sonnenaufgang wieder in Wasser verwandeln. (Veteran Schweyher)

Transport nach Barce:

1. Februar: Meldung von der Division:
Eine italienische Lkw-Transportgruppe transportiert die Abteilung in mehreren Fahrten nach Barce (östlich Bengasi auf der Hochebene: Djebel el Akdar).
Die ersten Transporte treffen am 3. Februar ein. Ein Transport aller ist nicht möglich, deshalb mehrere Fahrten. Am 5. Februar ist die Art.Abtlg. 1n Barce versammelt.

Unterbringung in Steinbaracken eines ehemaligen Polizei-Stützpunktes in der Nähe eines verlassenen Lazarettes am Ortsrand.
Wir hatten Matratzen auf Stahlbetten und haben die erste Nacht im Gebäude übernachtet. Da die Matratzen und das Gebäude mit tausenden von Wanzen, die in der Nacht tätig wurden, befallen waren, haben wir am nächsten Morgen alle Matratzen auf einem Scheiterhaufen verbrannt und dann außerhalb übernachtet. (Veteran Hoffmann)
Barce ist das Zentrum der italienischen Kolonisation in der Cyrenaika. Der Ort ist modern mit Siedlerhäusern ausgebaut. Felder und Obstplantagen wurden z. T. noch von den italienischen Siedlern bearbeitet. Kurz nach der Regenzeit blühte die Pflanzenwelt auf. Die vor dem Kriege gebaute Eisenbahnverbindung nach Bengasi war durch Kriegsschäden nicht mehr betriebsfähig.
Während des Krieges waren 1941 in Barce verschiedene höhere italienische Kommandostellen (u. a. Luftwaffe) stationiert, die allerdings noch nicht wieder zurückgekehrt waren.
Am 28. Januar war Bengasi wieder durch deutsche Verbände eingenommen worden. Die britischen Truppen zogen sich zum Teil mit hinhaltendem Widerstand auf eine Verteidigungslinie von Am el Gazala bis Bir Hacheim im Süden zurück. Diese Linie konnte von den Briten gehalten werden und wurde in aller Eile zu einer stark befestigten Verteidigungsstellung mit Igelstellungen - BoYes - zur Rundum-Verteidigung mit Minenfeldern ausgebaut.
Der Vormarsch der deutschen Einheiten kam am 7. Februar vor dieser Linie zum Stehen und die Fronten blieben - abgesehen von einigen örtlichen Vorstößen - bis zum 25. Mai - Beginn der deutschen Offensive - bestehen. In Barce werden beim Durchstöbern eines Autofriedhofes verwendbare Teile gefunden. Zuerst werden bei der Feldküche bei der 1. Batterie die Holzräder mit Eisenbandagen durch Vollgummi-Räder ersetzt.
Ein abgestelltes altes italienisches Polizei-Fahrzeug mit Allrad-Lenkung wurde wieder fahrtüchtig gemacht. Die Reifen waren allerdings stark abgefahren.
Ebenfalls ein alter italienischer Lkw (Marke Spa) wurde wieder fahrfähig gemacht. (Veteran Scherer)
Am 7. Februar Divisions-Befehl: Afrika Rgt. 361 mit Art.Abtlg. 361 Verlegung km 27 ostwärts (Feldlager) nach D'Annuncio. Transport mit vorhandenen eigenen Fahrzeugen ca. 65 km östlich von Barce.
Gefr. Quadflieg wird zur Ausbildung an der 2 cm Flak zu einer in der Nähe liegenden Fla-Einheit kommandiert. Die Fla-Einheit wird in der Nähe des Rgt.-Stabes 361 an der Via Balbia eingesetzt.
Abendmeldung 8. Februar: Durch eine englische Mine werden bei der Afrika-Art.Abtlg. 1 Offizier schwerverwundet und 1 Mann leicht (Lt. Wagner).

Transport der Abteilung von Barce in das Feldlager bei D'Annuncio

Die Transporte wurden im überschlagenden Fahrten mit den wenigen eigenen Fahrzeugen durchgeführt. Bei der 1. Batterie traten einige Schwierigkeiten auf. Zum Transport wurden Rucksäcke, Zelte, Feldküchengeräte auf das alte Fahrzeug verladen, die Feldküche angehängt.
Das reparierte Polizeifahrzeug war für den Mannschaftstransport eingesetzt und die 3,7 cm Pak wurde angehängt. Transportführer der kleinen Fahrzeugkolonne war Wm. Grothe. Die Fußkranken wurden auf das alte Polizeifahrzeug "verladen". Der Rest der Batterie versuchte unter Führung von OLt. Rave eine Mitnahme auf fremden Fahrzeugen.
Das reparierte Polizeifahrzeug war nach etwa 3 km in einen Straßengraben mit Wasser gestürzt. Einige wurden leicht verletzt einschl. Wm. Grothe. Zwangsläufig ging es zu Fuß weiter, das leichte Pak-Geschütz im Mannschaftszug. Nach einiger Zeit überholte uns ein schwerer Laster der Italiener, der vor uns stehen blieb. Oll. Rabe verhandelte mit dem Fahrer und die Truppe konnte aufsitzen. Das Pak-Geschütz wurde angehängt.
Nach einigen km Fahrt fanden wir unsere Feldküche auch transportunfähig. Die Achse war abgerissen. Sie wurde mit Mannschaft auf den Laster verladen.
Nach einigen km wieder Halt. Am Straßenrand stand der alte ital. Spa Lkw mit Reifenpanne. Der Rest der Mannschaft konnte ebenfalls auf dem italienischen Transporter aufsitzen und nach einiger Zeit wurde das neue Feldlager erreicht.
lm vorgesehenen Bereich des Feldlagers im Raum D'Annuncio, zwischen der Nord- und der Südstraße der Via Balbia, befand sich ein Wasserturm, der aber durch Kriegsereignisse noch nicht fertiggestellt war. In diesem Feldlager verblieb die Einheit bis Anfang Mai zur Ausrüstung mit Geschützen und Fahrzeugen. Die Verpflegung war schon in Barce eintönig und wurde auch schlechter. Diese Zeit zog sich bis zum Beginn der deutschen Offensive am 25. Mai hin. Unser Feldlager erhielt sehr schnell den Spitznamen "Am Hungenturm". Oft gab es nur Schokolade, ital. Bonbons und Knäckebrot neben der warmen Verpflegung.
In den ersten Tagen nach Ankunft int Feldlager wurde an den Zeltunterkünften gearbeitet und diese nach Möglichkeiten, die allerdings sehr beschränkt waren, verbessert.
In der Nähe des im Rohbau fertiggestellten Wasserturms waren noch zwei Baubaracken, die sofort von der Küche belegt wurden. Die "Batterie" verteilte sich in den umliegenden Buschwald.
Die Zahlmeisterei (Rechnungsführer) war in den Bodenräumen des Turmes untergebracht.
Sofort beginnt der allgemeine Tagesablauf mit Exerzieren, Unterricht, Waffenreinigen und Kleiderappell nach "preußischer" Vorschrift.
Die Reinigung von Körper und Kleidung ist mit einigen Schwierigkeiten verbunden. In der flachen Mulde ist ein kleines Bächlein vorhanden, aus dem wir Wasser entnehmen können.
Feldküche der 1. Batterie "Am Hungerturm"
Küchenchef war Uffz. Heiner Flick, von Beruf Metzger, und war sportlich als Ringer tätig. Die beiden Feldköche waren Österreicher. Der 1. Feldkoch Bilski war Oberkanonier, der 2. Feldkoch Wacha war Gefreiter. Mit dieser militärischen Stufenleiter gab es öfters Schwierigkeiten, da der "ranghöhere" 2. Koch vom 1. Koch keine "Befehle" ausführen wollte; u. a. morgens beim Kaffeekochen. Heiner Flick hat - nach den Erinnerungen einiger Kameraden - die Dienstrang-Probleme für die erforderlichen Arbeiten "tatkräftig" beseitigt.
Die Verpflegung ist knapp. Es gibt gekürzte Ration pro Kopf 1/4 Brot pro Tag, da die Versorgung mengenmäßig nicht ausreichend von Tripolis herangeschafft werden kann.
Das Feldlager hat auch gesundheitliche Probleme. In der 1. Batterie haben 3 ehemalige Legionäre die Ruhr. Sie werden sofort abtransportiert, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Das Schlafen auf dem kalten Erdboden, nachts ist es immer noch empfindlich kühl, verursacht Darmerkrankungen. Bei der 1. Batterie gibt es einen tödlichen Unfall beim Waffenreinigen. Beim Obgfr. Baust löst sich beim Waffenreinigen aus der Pistole ein Schuss und trifft das Bein. Er kommt sofort ins Kriegslazarett und ist etwa 4 Tage später an den Folgen gestorben.
Unsere Ausrüstung als Artillerie-Einheit hat uns immer noch nicht erreicht. Es ist auch nicht bekannt, ob sie noch in Italien, im Mittelmeer auf dem Meeresboden ist oder bereits Afrika erreicht hat. Gerüchte melden, dass die Geschütze beim Transport mit Schiff untergegangen sind. Wie später bekannt wird, treffen 4 Geschütze im April bei der 3. Batterie ein.
11. Februar: Besuch des Divisionskommandeurs General Veith im Unterkunftsraum Art.Abtlg. 361. Es werden Anordnungen zur Ausbildung gegeben.
"Die Leute beginnen wieder etwas Mensch zu sein, Ihre Sachen zu waschen und sich selbst in Ordnung zu bringen. Ein straffer, aber kurzer Exerzierdienst macht aus allen Leuten wieder Soldaten." Am 27.2. werden zwei englische Beutegeschütze angeliefert - 25pdr Hauwitzer - Kaliber 8,76 cm, auch "Ratsch-Bumm" in der Landsersprache. Der Ausdruck ist entstanden, weil der Explosions-Knall ("Ratsch") der Granate vor dem Abschussknall des Geschützes zu hören ist ("Bumm"). Die Geschütze haben, wie die 4 weiteren Beute-Geschütze, die am 10. März angeliefert werden, keine deutsche Richtkreisoptik. Schusstafeln sind auch nicht vorhanden. Zwischenzeitlich wird ein Werkstattwagen einer Waffen-Meisterei abgestellt. Aus Gründen, die wir nicht kennen, bewegt sich wenig.
Täglich Geschützexerzieren an den Beutegeschützen. Schließlich ist die Feuerbereitschaft mit Auffahren auf den Spurkranz in 10 sec - ohne Einrichten nach dem Richtkreis - erreicht.
Die Versorgungslage scheint sich etwas gebessert zu haben. Mitte März wird die Brotration auf 1/2 Brot/Tag erhöht (etwa 450 gr.).
Mitte März wird bekannt, daß laut Div.-Befehl die Art.Abtlg. 361 und die Fla-Batt. mit sofortiger Wirkung aus dem Regts-Verband 361 ausscheidet und als selbständige Truppenteile der Division unterstellt werden (siehe Div.Befehl vom 12.03.42)
Am 1. April wird die im Aufbau befindliche "Division z. B. V. Afrika" als "90. leichte Afrika-Division" geführt.
Die bisherige Div. z. B. V. hatte bisher keine eigene Divisions-Artillerie. Unsere Art.Abtlg. bleibt bis zum Mai 1943 die einzige Div.-Artillerie-Einheit, über die die Division selbst verfügen kann.
Laut Division verbleibt die Art.Abtlg. bis 25.03. im bisherigen Unterkunftsraum (Feldlager "Hungerturm") und wird nach Einsatzbereitschaft im Rahmen der Neugliederung der Tmimi-Front südlich der Via Balbia herangezogen.
Am 3. April meldet der Abtlgs-Kdr. Hptm. Kaul die 1. Batterie mit 4 englischen Beutegeschützen einsatzbereit, nachdem zwischenzeitlich auch einige Beute-Lkw als Zugfahrzeuge für die Geschütze und für den Munitransport eingetroffen sind.
Im Laufe der 2. Hälfte März wurden in Italien im Hafen Brindisi einige unserer Feldkanonen mit Transportprotze auf den Transport-Dampfer "Bellona" verladen - wahrscheinlich 4 Geschütze. Diese treffen etwa Ende März/Anfang April im Feldlager bei der 3. Batterie ein. Für die Geschütze war allerdings keine Munition vorhanden und somit ein artilleristischer Einsatz nicht möglich. Beim Geschütz-Exerzieren dauerte es minutenlang - trotz früherer Übungen auf dem Truppen-Übungsplatz in Wahn - bis die Geschütze feuerbereit waren.
Die deutschen Feldgeschütze sind noch im Laufe des Monats April an Infanterie-Einheiten abgegeben worden.
Die 3. Batterie wurde im Laufe April mit russischen Beutegeschützen ausgerüstet.
Die russischen Beutegeschütze waren in großer Anzahl beim Russland-Feldzug erbeutet worden. Dieses Geschütz mit dem Kaliber 7,62 cm und einem langen Geschützrohr gab es in verschiedenen Ausführungen - als Kanone, die gegebenenfalls. auch als Flakgeschütz (Rohrerhöhung 75°) verwendbar war und als Geschütz zur Panzerabwehr. Die Infanterie-Rgter der Division waren zum Teil schon mit diesem Geschütz ausgerüstet. Im Gegensatz zu den englischen Beutegeschützen hatte das Geschütz "Patronen"-Munition, d h. Treibladung und Geschoss bestanden aus einer Einheit. Die maximale Schussweite betrug ca. 13.000 m.

Einschießen englischer Beutegeschütze

Hptm. Kaul meldet der Division für den 17. März ein Probeschießen mit 2 engl. Beutegeschützen in einem Bereich zwischen nördlich und südlich Via Balbia, westlich der Piste, die in Richtung Süden nach Maraua führt.

Das Schießen erläuft erfolgreich. Ende des Monats findet ein weiteres Versuchsschießen mit den weiteren, inzwischen mit deutschen Richtmitkreisoptik ausgestatteten, engl. Beutegeschützen statt (21. März und 29. März).

Quelle: LIBYEN - AEGYPTEN - TUNESIEN von KARL SCHWEYHER