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Besondere Faktoren & Gegebenheiten ...

Ein Referent der Heeres-Sanitätsinspektion hat nach einer vorausgegangenen Informationsreise durch Nordafrika im Herbst 1941 das dortige Auftreten der Hepatitis epidemica zu beurteilen. Danach wird die Krankheit, beginnend im Spätfrühjahr 1941, unter den Truppenteilen der Panzergruppe Afrika ziemlich gleichmäßig beobachtet. Ihre Häufigkeit steigt dann kontinuierlich an und überschreitet ihren Höhepunkt etwa im September. Bis Mitte Oktober 1941 diagnostizieren Truppenärzte insgesamt etwa 2 500 Fälle von Hepatitis epidemica. Hinzu kommen rund 2 100 Lazarettdiagnosen sowie die bei der Truppe verkannten Erkrankungen. Insgesamt werden mindestens 5 000 Fälle von Hepatitis epidemica angenommen, was ungefähr 10 Prozent der Truppenstärke entspricht. Von diesen Hepatitiskranken hat, teils wegen einer leichten Verlaufsform, teils wegen der Undurchführbarkeit einer ausreichenden Lazarettversorgung die Hälfte die Erkrankung bei der Truppe durchgemacht. Für sie gilt ein durchschnittlicher Dienstausfall von vier Wochen als Schätzwert. Bei den in das Lazarett eingewiesenen Kranken ist die Dienstunfähigkeit wesentlich länger.
Seit Beginn des Afrikafeldzugs wird seitens der Ärzte die Eintönigkeit der Verpflegung und ihre geringe Anpassung an die klimatischen Voraussetzungen des Landes beanstandet. Die ursprünglich vorgesehene Truppenverpflegung erweist sich als zu kalorienreich. Nach Herabsetzung der zunächst überreichlichen Fleischzuteilungen bleibt sie zu vitaminarm. Die Auswahl des Angebots beschränkt sich auf Ölsardinen, Thunfisch, Käse, Leberwurst, Schweinefleisch und schließlich, nachdem Thunfisch, Käse und Schweinefleisch ausbleiben, auch noch auf die wenig schmackhafte, sehr trockene italienische Rindfleischkonserve mit erheblicher Knorpelbeimischung. Die auf der Dose eingeprägten Initialen AM, was alimento militare bedeutet, erfährt im Soldatenjargon manche verspöttelnde Auslegung. Durch die Ölsardinen wiederum sollen Eiweiß und Fett, die man als Schwerpunkte der unter afrikanischen Verhältnissen gebotenen Ernährung betrachtet, in einer Form verabreicht werden, die den Nachschub mit seinem beschränkten Transportraum am wenigsten belastet. Das Überangebot an Ölsardinen erzeugt jedoch Widerwillen und entwickelt sich nachgerade zu einem Ärgernis.
Wegen der Infektionsgefahr durch den Genuss von frischem Obst, Gemüse und Salaten bleibt die Zufuhr an Vitamin C zumeist auf künstliche Gaben beschränkt, abgesehen von der zeitweiligen und seltenen Zuteilung von Zitronen. Nur ganz ausnahmsweise werden Marmeladen und Obstkonserven italienischer Herkunft ausgegeben. So gut wie immer fehlt es an Graupen, Grieß und Reis sowie an Butter und damit an Grundlagen der üblichen Krankenkost. Frisches Fleisch steht nur ausnahmsweise zur Verfügung. Der Einsatz eines Schlächtereizugs im Juli 1941 ändert daran wenig. Der Versuch, eine "Kühlkette Afrika" einzuführen, um Frischgüter nach Afrika gelangen zu lassen, scheitert nach einer ganz kurzen Phase der Realisierung am mangelnden Lufttransportraum. Frische Kartoffeln fehlen ebenfalls in aller Regel.
Schwerpunkt der Verpflegungsfrage bleibt die Versorgung mit Getränken. Trinkwasser wird ja überhaupt nicht ausgegeben. Die Haltbarkeit der vorbereiteten Getränke ist aber noch mehr begrenzt als die des in Kanistern aufbewahrten Wassers, was die Getränkezuteilung erschwert.
Die Bäckereikompanien beliefern die Truppe mit Kommißbrot. Die Erfahrungen mit der Brotherstellung unter Verwendung von Meerwasser sind positiv. An der Versorgung mit Brot mangelt es am wenigsten. Außerdem wird Knäckebrot ausgegeben sowie dunkles Dauerbrot.
In manchen Epochen des Feldzugs sorgt Beutegut für Abwechslung. Alles in allem aber bleibt die Kost einseitig und nimmt keine Rücksicht auf diätetischen Bedarf der gesundheitlich schwer belasteten Truppe. Schließlich arbeitet der Beratende Internist der Panzergruppe Afrika gemeinsam mit dem Kochlehrstab der Heeres-Sanitätsinspektion eine Reihe von Krankenkostrezepten und sonstige Anregungen aus, um im November 1941 die Herausgabe eines Kochlehrbuchs für Afrika vorzubereiten. Darauf und auf praktische Erfahrungen in Nordafrika aufbauend, entsteht der gedruckte Entwurf des Feldkochbuchs für warme Länder, sozusagen als Idealvorstellung dessen, was hinsichtlich der Beköstigung während des Feldzugs in Afrika zweckmäßig wäre. Das Kochbuch wird am 30. Juni 1942 als Anhang 2 zur Heeresdienstvorschrift 1 a vorgelegt und zum ständigen Gebrauch bei den Feldküchen sowie zur Unterrichtung der Kommandeure, Einheitsführer und Sanitätsoffiziere bestimmt. Diese Vorschrift befasst sich mit den speziellen Verhältnissen Libyens und wird durch eine bebilderte Beschreibung der essbaren Pflanzen und Früchte Nordafrikas ergänzt. Die Vorschrift geht davon aus, dass die verminderte Funktion der Verdauungsorgane in warmen Ländern eine appetitanregende und abwechslungsreiche Gestaltung des Speisezettels verlangt, wobei getrennten Gerichten recht vielseitiger Art der Vorzug vor Eintöpfen zu geben ist und trotz Hitze, Staub, Sandsturm, Fliegen und brackigem Wasser hohe Ansprüche an das Personal der Feldküchen zu stellen sind. Genaue Hinweise, wie man die Nahrungsmittel auf Frische und Genießbarkeit prüft, lassen sich dem Feldkochbuch ebenso entnehmen wie die Anleitung zur Errichtung eines optimalen Lagerraums für Lebensmittel nur sachgemäßen Aufbewahrung von Fleisch und Wurst und zu Maßnahmen, wie man Lebensmittel gegen Fliegen und Ameisen schützt. Den Methoden zur Errichtung behelfsmäßiger Feuerstellen und zum behelfsmäßigen Brotbacken sind ebenso Kapitel gewidmet wie der Entnahme von Nahrungsmittel aus dem Lande selbst und den damit verbundenen Sonderregeln. Weitere Abschnitte gelten dem Umgang mit Wasser und der Zubereitung von Getränken. Das Feldkochbuch für warme Länder gelangt tatsächlich nach Afrika, doch bis zu den Divisionen und Sanitätskompanien dringt es offenbar nicht vor. Seine Ratschläge lassen sich in der Praxis ja auch kaum anwenden. Bei den Stäben der Armee dient das Feldkochbuch als Richtlinie zur Abhaltung von Kochlehrkursen. Findige Feldköche wissen aber sowieso die Eintönigkeit der Zuteilungen abzuschwächen und beispielsweise aus dem gleichen Tubenkäse zahlreiche unterschiedliche Zubereitungsarten herzustellen. Von der generell misslichen Verpflegungslage ausgenommen sind überdies Lazarette. Sie verfügen über hervorragende Köche, die keiner Belehrung durch ein Kochbuch bedürfen. Auch gehört der systematische Einkauf von Gemüse und Obst bei den italienischen Siedlern zu den Gepflogenheiten der deutschen Lazarette auf dem Afrikaschauplatz. In der Cyrenaika bessert auch die Truppe selbst ihre Verpflegung durch Zulieferungen italienischer Siedler etwas auf, und der einzelne kann es hier und dort, indem er von Eingeborenen Geflügel und Eier ersteht. In Tunesien ist dann, die allerletzten Wochen des Feldzugs ausgenommen, die Verpflegung aus dem Lande weitaus reichlicher.
Der Panzerkampf in der Wüste schließt seinem ganzen Charakter nach ortsfeste Sanitätseinrichtungen auf dem Kampffeld aus. Die unmittelbare sanitätsdienstliche Betreuung der Panzerdivision übernimmt viel besser eine schnell bewegliche Sanitätsstaffel. Mit Krankenkraftwagen sollte sie gut ausgestattet sein. Die Funktion des zentralen Wagenhalteplatzes beim Divisionsgefechtsstand nimmt sie ebenso wahr wie die Aufgabe der Krankensammelstelle. Beim Gefechtsstand der Division übergeben ihr die Truppenärzte ihre Verwundeten. Der verantwortliche Sanitätsoffizier der Sanitätsstaffel muss zu Notoperationen, und zwar auch zu großen
Operationen befähigt sein. Bei Bewegungen der Division werden die Verwundeten von der Sanitätsstaffel auf ihren Fahrzeugen mitgenommen, gleichzeitig aber Gelegenheit zu ihrem Abtransport mittels Leerkolonnen ersucht. Über diese schnell bewegliche Sanitätsstaffel hinaus ist eine komplette Verbandplatzstaffel oder das Vorhandensein eines sogenannten leichten Zugs einer Sanitätskompanie immer dann erforderlich, wenn die Panzerdivision voraussichtlich längere Zeit keine Verbindung zu ihrer Versorgungsbasis hat. Damit bleibt auch im Bewegungskrieg in der Wüste die volle chirurgische Notversorgung gewährleistet. Bei dem leichten Zug einer Sanitätskompanie handelt es sich um eine bewegliche Sanitätsformation, die mit möglichst vielen Krankenkraftwagen ausgestattet und der kämpfenden Truppe direkt zugeordnet ist. Vom Führungsstab der Division eingewiesen, sichert dieser leichte Zug die vordringlichste Versorgung der Verwundeten, weswegen er im Wüstenkrieg unbedingt über einen Operationswagen verfügen muss, auf dessen gute Abdichtung gegen den Wüstensand es ankommt. Operationszelte sind wegen des Wüstenstaubs und wegen des Zeitaufwands, den ihre Errichtung und ihr Abbruch erfordern, schlecht geeignet.
Als die 15. Division am 19. November in die Wüste abmarschiert, ist sie von einer kompletten Verbandplatzstaffel begleitet, zu der noch eine kleine Feldküche und Krankenwagen gehörten. Diese Sanitätseinheit, Bestandteil der Sanitätskompanie 1/33, wird alsbald in abenteuerliche Situationen verwickelt, wobei der Wagen mit Sanitätsgerät und sieben von neun Kraftfahrzeugen, die mit 70 Verwundeten beladen sind, verloren gehen. Von gegnerischen Panzern und Spähwagen gejagt, entkommt lediglich ein Sanitätsoffizier mit zwei Krankenkraftwagen der britischen Gefangenschaft.
Am 20. November verlässt die 21. Panzerdivision ihren Bereitstellungsraum. Der leichte Zug der Sanitätskompanie 1/200 folgt ihr am Schluss der Kolonnen, um die auf dem Marsch anfallenden Verwundeten zu sammeln und sie schließlich dem Hauptverbandplatz der Sanitätskompanie zuzuführen. Die chirurgische Notversorgung erfolgt zuvor noch im Operationswagen des leichten Zugs. Am 21. November verliert der leichte Zug, als er unterwegs feindlichen Panzern ausweicht, vorübergehend den Anschluss an die Division.
Der schwere Zug der Sanitätskompanie 1/200 muss am Mittag des 22. November einem britischen Panzerangriff ausweichen und seinen Hauptverbandplatz westlich von Bardia überstürzt räumen. Die transportfähigen Verwundeten werden nach El Adem und zum Hauptverbandplatz 1 33 verlegt. Alles Gerät und alle Schwerverwundeten lässt er mit einem Sanitätsoffizier und vier Krankenträgern zurück. Das Fehlen jeglichen Sanitätsgeräts verbietet den weiteren selbständigen Einsatz des schweren Zugs. Sein Personal wird daraufhin teils dem leichten Zug zu dessen Ergänzung überstellt und teils der Sanitätskompanie 2/200. Am Abend des 23. November schlägt der mobile leichte Zug der Sanitätskompanie 1/200 einen neuen Verbandplatz auf und versorgt während der Nacht rund 120 Verwundete. Dann folgt er den Absatzbewegungen von Teilen der Division, mit denen er inzwischen wieder Verbindung fand. Die Verwundetenversorgung setzt er dabei fort, obwohl sein Operationswagen allein am 25. November 19 Durchschüsse erhält. Sämtliche Verwundete werden mitgenommen. Ihr Abtransport wäre sonst wegen der unklaren Feindlage nicht gesichert. Am Abend des 25. November werden 43 versorgte Verwundete auf fünf Krankenkraftwagen zum Hauptverbandplatz der Sanitätskompanie 1/33 überführt, wo sie nach einer Nachtfahrt mitten durch feindliche Linien zusammen mit einem Sanitätsoffizier des leichten Zugs am Morgen des 26. November eintreffen. Am 24. November 1941 durchstreift ein deutscher Truppenarzt den Kampfbereich seines Regiments. Neben ihm sitzt im Kraftfahrzeug als Kriegsgefangener ein britischer Sanitätsoffizier. Sobald eine große Panzeransammlung in Sichtweite kommt und als neuseeländische Einheit zu erkennen ist, meint der Brite, sein deutscher Kollege sei inzwischen wohl eher sein Gefangener als umgekehrt. Unterdessen ergibt sich die Dringlichkeit, schwerverwundete Deutsche lazarettmäßig zu versorgen. Aufgrund der militärischen Lage ist an ihren Abtransport in ein deutsches Feldlazarett oder zu einem deutschen Hauptverbandplatz nicht zu denken. Da erbietet sich der Brite von sich aus, die Verwundeten durch die Linie der neuseeländischen Panzerdivision hindurch in ein neuseeländisches Feldlazarett zu lotsen. So werden die Verwundeten auf vier Krankenkraftwagen verladen. Die Kolonne fährt auf die neuseeländischen Panzerverbände zu. Auf dem Trittbrett des ersten Fahrzeugs steht der englische Arzt und schwenkt eine Rote-Kreuz-Flagge. Der Transport passiert unbehelligt die gegnerischen Linien. Der deutsche Truppenarzt, der den Verlauf der Dinge im Fernglas beobachtet, weiß zwar die ihm anvertrauten Soldaten gut aufgehoben, sieht jedoch seine Sanitätsfahrzeuge verloren. Am 25. November entschließt er sich, das neuseeländische Feldlazarett, in das die Verwundeten gebracht worden waren, aufzusuchen und um Rückgabe seiner Krankenkraftwagen zu bitten. Durch seine vorausgegangenen Gespräche mit dem britischen Kollegen ist ihm der genaue Standort dieses Feldlazaretts bekannt, wo er in Begleitung von vier Sanitätsunteroffizieren eintrifft und erwartungsgemäß die Verwundeten seiner Einheit gut betreut vorfindet. Nach Unterredungen mit dem Feldgeistlichen und dem Chefarzt des Feldlazaretts erhält er nicht nur seine Fahrzeuge zurück, sondern er schafft es auch noch, einen seiner Krankenwagen gegen einen geräumigeren aus Neuseeland einzutauschen. Seine Rückfahrt durch die gegnerischen Linien bleibt unbehindert. Der deutsche Truppenarzt erklärt sich seinen Erfolg damit, dass niemand in dem Durcheinander der Kampfhandlungen so recht weiß, wer im Augenblick Sieger oder Besiegter ist.
Der leichte Zug der Sanitätskompanie 1/200 muss auch am 26. und 27. November immer wieder Feindberührungen ausweichen. Am 28. November wird abermals der Abtransport von Verwundeten zum Hauptverbandplatz der Sanitätskompanie 1/33 möglich, und am 30. November bringt der leichte Zug von einem englischen Hauptverbandplatz, der mit rund 80 englischen und 240 deutschen Verwundeten belegt ist, alle Deutschen trotz britischen Artilleriebeschusses zur Sanitätskompanie 1/33. Bei dieser Aktion wird er von Truppen der 15. Panzerdivision unterstützt. Seit dem 25. November hat allerdings der östlich von Tobruk gelegene Hauptverbandplatz der Sanitätskompanie 1/33 seinerseits die Verbindung zum rückwärtigen Gebiet so gut wie ganz verloren. Die Zuführung von Nachschub und der Abtransport der Verwundeten gelingen nur noch ausnahmsweise und letztmals am 3. Dezember. Am 4. Dezember geraten die verbliebenen 400 Verwundeten mit der gesamten Sanitätskompanie 1/33 zusammen in britische Gefangenschaft. Nachdem der in Bardia selbst stationierte Verbandplatz des 1. Zugs der Sanitätskompanie 1/200 ebenfalls von den im Wüstenviereck operierenden deutschen Divisionen abgeschnitten ist, bleibt ihnen jetzt einzig und allein der Hauptverbandplatz EI Adem der Sanitätskompanie 2/33. Alle drei Divisionen zusammen müssen sich überhaupt und zwar praktisch bereits seit dem 25. November mit den Versorgungseinrichtungen der 15. Panzerdivision behelfen.

Quelle: Ärzte im Wüstenkrieg von Rolf Valentin