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Interview mit Andreas Prechtel (Bäckereieinheit)

  Name: Andreas Prechtel
  Rang: ---
  Einheit: Bäckerei Kompanie 200 und 33
 
Würden Sie bitte kurz Ihre militärische Laufbahn vor der Versetzung nach Afrika beschreiben?

Am 02.10.41 wurde ich wie alle vom Jahrgang 1922 zum Kradschützen - Ers.- Bat. 9 nach Sondershausen eingezogen.

Wurden Sie abkommandiert oder haben Sie sich freiwillig gemeldet?

Nach Rekrutenzeit und erweiterter Ausbildung - auch mit Skikurs in Klingenthal - wurde ich ende März, als einzige der Kompanie kurz vor der Verlegung nach Russland, abkommandiert zur Verwaltungstruppen Ers. - Abt. 1 nach Berlin, sie war in einer Schule in der Nähe des S- u. U- Bahnhof Gesundbrunnen in der Böttgerstraße untergebracht.Außer einigen praktischen und theoretischen Informationen über Arbeitsweise einer Feldbäckerei gab es keine Schulung. Wir waren alle gelernte Bäcker. Wir erfuhren erst einige Tage vor der Versetzung dass es nach Afrika ging.

Wie erfolgte der Transport nach Afrika?

Um den 19.04.42 wurde 30 Mann (darunter auch ich) versetzt in eine Schule in der Nähe des Schlesischen Bahnhofs, und für Afrika eingekleidet. Hier erfuhren wir auch, dass wir zur Bäckerei Komp. 33 ( 15. Panzer Division) nach Nordafrika kommen. Am 23.04.42 ging es über Hof - München - Innsbruck - Rom ging es nach Neapel. Von dort über Brindisi nach Lecce. Nach einigen Tagen mit einem italienischen Transportflugzeug nach Tatoi bei Athen. Wir sollten nach Kreta fliegen, aber das Flugzeuge hatte Probleme daher ging es nur nach Griechenland. Von hier mit einer JU 52 nach Probleme Malemes auf Kreta, Übernachtung, und am nächsten Tag weiter mit der JU 52 nach Derna.

Können Sie sich noch an Ihre ersten Erlebnisse nach der Ankunft in Afrika erinnern?

Afrika empfing uns mit einem Sandsturm. Per LKW erreichten wir unser Einheit in die in der Oase EI Koefia nördlich von Benghasi lag. Die Bäckerei Komp. 33 musste beim Rückzug 1941 vor Tobruk alles Gerät liegen lassen und hatte dadurch keine Ofen mehr. Gebacken wurde in drei ehemaligen Privatbäckereien in Benghasi.

Schildern Sie kurz, wie lange und in welchen Einheiten Sie in Afrika eingesetzt waren.

Im Juli 1942 wurde ich mit anderen abkommandiert zur Bäckerei Komp. 200. Sie lag zu dieser Zeit direkt im Hafen in Marsa Matruh. Die Wasserversorgung war zuerst schwierig. Oft gab es nur Wasser für den Sauerteig, das übrige Wasser für den Brotteig pumpten wir mit einer Handpumpe aus dem gleichen neben uns liegenden Hafen, auch wenn nicht weit davon einige versenkte Schiffe lagen. Bald gab es auch für uns genügend Wasser. Durch Luftangriffen bekam ein Backofen durch Splitter mehrere Löcher. Wir wurden daraufhin in ein Wadi westlich von Marsa Matruh verlegt. Kurz vor der Abzweigung der Wüstenstrasse zur Oase Siwa lagen wir in unseren Zelten weit verstreut in einem Wadi, um den Tieffliegern, mit denen immer zu rechnen war, den Angriff schwerer zu machen.Am 5. November 1942, wir sollten noch 26.000 Brote backen und darin den Rückzug antreten, dies wäre um Mitternacht gewesen. Abends kam der Befehl zum sofortigen Rückzug. Wir ließen etwa 22.000 Brote in der Wüste liegen. Stellten ein Schild an die Strasse und hofften, dass viele Landser sich bedienten.Wir verlegten zurück in den Raum bei Gambut. Hier waren wir nur kurze Zeit, ließen einige 1.000 Brot liegen und es ging zurück über Benghasi in der Nähe von Syrte.Die Bäckerei Komp. 33, bekam neues Gerät und wir kamen zurück zu ihr. Sie lag in einer ehemaligen italienischer Baumschule bei Misurata. Nach monatelanger Zeit in der Wüste, wieder Bäume und Wasser in einem großen Becken. Wir waren begeistert. Hier haben wir vor Weihnachten 1942 ca. 6.000 Stollen VA 33 gebacken.Am 2. Januar 1943 ging es zurück in eine Oase in der Nähe von Gabes. Mitte Februar in einem Olivenhain bei Sfax und im März in einen Hain nördlich von Grombalia, auf der Halbinsel Bone. Wahrscheinlich sollte die 15. PD in den Raum westlich von Tunis verlegt werden, denn am Morgen des 7. Mai bekamen wir Marschbefehl in diesem Raum. Ungefähr um die gleiche Zeit begannen die Engländer den Angriff auf Tunis. Waren ein paar Lkws beladen fuhren los. Am Nachmittag fuhr ich und ein zweiter LKW unserer Einheit durch Tunis, niemand war zu sehen eine Ruhe lag über die Stadt. Wir waren das letzte Fahrzeug unserer Kompanie das Tunis passierte. Hinter uns muss bald der Tommy gekommen sein, so blieb der Rest der Kompanie auf Cap Bone und ging dort in Gefangenschaft. Der größere Teil, mit den Backöfen und anderem Gerät sammelte sich in einem Hain nordwestlich von Tunis. Hier kam am 8. Mai abends der Befehl die Waffen, Fahrzeuge und das Gerät vernichten, heute Nacht wird der Abschnitt westlich von Tunis übergeben. Die LKW wurden mit Benzin übergossen und angezündet und die Feuerung der Backöfen wurden durch Handgranaten zerstört. Die Bäckerei Kompanie 33 hatte aufgehört zu bestehen.

Heutzutage wird das Afrika-Korps immer in Verbindung mit dem Mythos Rommel genannt. Wie dachte und sprach man bei bei den Soldaten?

Mit Hochachtung und wir waren stolz unter seiner Führung zu sein.

Hatten Sie jemals Kontakt zu Generalfeldmarschall Rommel?

Nein.

Fühlte man sich damals als "Afrikakämpfer" als etwas Besonderes oder war es aus der damaligen Sicht ein Kriegsschauplatz, wie jeder andere?

Als was Besonderes fühlten wir uns nicht, aber Afrika und die Wüste war schon was Besonderes.

Rommel genoss bei den alliierten Soldaten großen Respekt. Wie dachte man bei Ihnen über den Befehlshaber der gegnerischen Seite "Bernard Montgomery" und die Gegner im Allgemeinen?

Wir achteten sie als faire Gegner.

Wie wurde man über die kriegerischen (und politischen) Ereignisse unterrichtet?

Über die Feldzeitung "Oase".

Wie dachte man über die italienischen Soldaten bzw. die italienische Führung, bzw. wie war der Kontakt zu Ihnen?

Sie waren gute Kameraden. Wenn ich ihre Bewaffnung sah taten sie mir Leid. In Tunesien hatten sie noch leichten Panzer mit der kleinen kurzen Kanone, die man auf eine LKW Anhänger verladen konnte usw.

Wie sah der Alltag in Afrika aus? In Bezug auf Verpflegung, Kleidung, Freizeit, Urlaub, Kontakt zur Heimat, etc.

Verpflegung sehr eintönig.Kleidung die übliche Tropenausrüstung.Für Angehörige der Feldbäckerei: bei den 33er, je sechs Stunden Backen, Ruhezeit, Bereitschaft zur sonstigen Arbeit wie Brot verladen, Mehl abladen usw. sowie Holz für die Backöfen zerkleinern. Bei Marsa Matruh machten das Holzzerkleinern Kriegsgefangene und in Tunesien Araber die dafür bezahlt wurden. Bei den 200er war der achten Stunden Rhythmus. Am Sonntag Schichtwechsel. Kein freier Tag.Urlaub? Am 8. Mai 1943 gingen 22 Angehörige der Kompanie die zwei Jahre in Afrika ohne Urlaub waren in Kriegsgefangenschaft. Nach einem Jahr bei der Kompanie stand ich auf dem Urlaubsplatz 72.Kontakte zur Heimat: die Feldpost

Gab es Kontakte zu alliierten Kriegsgefangenen?

Bei Marsa Matruk hatten wir südafrikanische Kriegsgefangene zum Holzzerkleinern, sie arbeiteten sehr gerne bei uns. Es gab manches Gespräch mit ihnen. Einmal sagte einer zu mir: wenn der Krieg zu ende ist, wird Rommel ihr Präsident! Sie hatte immer mittags in der größten Hitze zwei Stunden Pause. Wir nicht.

Wie veränderte sich im Laufe der Zeit die Nachschublage in Bezug auf Munition, Treibstoff, Lebensmittel, etc.?

Bei Marsa Matruh klappte öfters der Mehlnachschub nicht. Manchmal konnten wir daher kein Brot backen. Oft bekamen wir italienischen Weizenmehl zum Mischen mit dem Roggenmehl. Da das Kommisbrot aus Roggenmehl gebacken wurde, gab es immer Umstellungen der Rezeptur und der Sauerteigführung.

Wie und wann gerieten Sie in Gefangenschaft?


Nach der Kapitulation der westlich von Tunis gelegenen Truppenteile, am 9. Mai 1943 nordwestlich von Tunis von den Amerikanern.

Beschreiben Sie den Verlauf Ihrer Gefangenschaft und das Leben im POW-Camp.

Nach dem ersten Lager westlich von Bizerta ging es nach Bone, nach einiger Zeit per Schiff nach Oran. Mit dem LKW in ein Lager in der Wüste südlich von Oran. Französische Wachmannschaften waren schon gekommen um das Lager zu übernehmen, ging es zurück zum Hafen von Oran und am nächsten Tag mit dem Schiff nach New York. Von Jersey City mit der Bahn über St. Louis, Kansas City, Dallas. Austin in das PoW Camp Swift. Nach Arbeitseinsatz in der Offiziersmesse des Amerikanischen Lazarett, Baumwollhacken, Ziegelei usw. kam ich im Sommer 1943 in die Bäckerei des Truppenübungsplatzes. Im Camp Swift wurden die Divisionen zusammengestellt, für ihren Einsatz in Übersee ausgebildet und dann in die Verschiffungshäfen gefahren. Die Bäckerei wurde erst 1943 gebaut und mit modernsten Gerät eingerichtet. Für uns Bäcker sehr interessant mit Maschinen und Öfen ausgestattet die wir damals nicht kannten, denn sie gab es bei uns noch nicht. Zwei grosse Teigmaschinen ganz anders wir bei uns üblich, mit Thermometer und Hohlraum im Stahlbottich, wenn man sah der Teig wird zu warm, konnten man diesen mit gekühlten Wasser füllen lassen. Da das Wasser aus in großen auf Stahlgerüsten stehenden Hochbehälter kam, war es im Sommer oft sehr warm, so konnten wir dieses Wasser auch kühlen, damit der Teig nicht zu warm wurde. Der Teigruheraum (90 Minuten) hatte 28°. Teigteiler, Rundwirker, Zwischengärraum und Wirkmaschine, mit anschließendem Gärraum und zwei gasbeheizte Backöfen vervollständigten die Ausstattung. Wir haben nur Brot in Kästen gebacken. Einmal in der Woche gab es Grahambrot, es hatte 20% Weizenschrot und einmal Roggenbrot, hatte 20% Roggenanteil oder Rosinenbrot. Die Rezeptur war bei allen Sorten gleich. Durch unser Fachwissen waren wir Bäcker bald sehr geachtet. Nach ende des Krieges kam als Leiter ein Feldwebel, sein Vater hatte eine Bäckerei in Chicago und gab sehr an. Wir hörten wie der andere Amerikaner einmal zu ihm sagte: Lass doch die in Ruhe, die verstehen doch mehr von der Bäckerei als du. Kurz bevor es aus der Armee entlassen wurde, Oktober 1945, frug er mich (wir waren einmal fachlich hart an einander geraten) ob ich nicht zu seinem Vater nach Chicago kommen wolle, dieser würde alle Einreiseformalitäten erledigen, zahlt die Überfahrt und alle Gebühren. Ich wollte heim und sagte nein. Im Januar 1946 verabschiedete sich der Inspektor für Armee - Bäckerei und sagte zu uns: Er hat schon viele Bäckerei gesehen und kontrolliert, in Südafrika, Europa und in den USA, aber so ein sauberes Arbeiten wie der deutschen PoW hier, noch nicht. Am Ostersamstag 1946 ging es per Bahn über Kansas City, St. Louis, an den Schlachthäusern von Chicago vorbei über Detroit Port Huron nachts durch Canada, westlich der Niagarafälle zurück in die USA über Syracus an Hudson entlang nach Camp Shank nördlich von New JOR. Am Mittwoch Mittag waren wir schon auf dem Schiff das uns nach Europa gebracht hat. Auf dem Atlantik hatten wir Sturm Windstärke 12. Die meisten wurden Seekrank. In Le Havre ausgeladen und in das dortige Camp gebracht. Anfangs Mai Übergabe an die Franzosen. Amerikanische Kleidung abgeben und alte deutsche Uniformstücke erhalten. Über Paris und Metz ging es in das Lager St. Avold. Von dort in das Lager der Kohlengrube Merlebach. Ich wurde für den Holzlagerplatz eingeteilt. Holz abladen, es kam meistens aus dem Schwarzwald, das Holz für die Grube passend zersägen und stapeln, war nun unsere Aufgabe.Das Lager lag in einer abgebauten Sandgrube unweit der Grenze zum Saargebiet, das von Frankreich verwaltet wurde. Wegen der Nähe zur Grenze flohen immer Kameraden. So reifte bald der Entschluss zu fliehen.Nach langer Planung und Vorbereitung mit meine Freund Heiner Pflaum aus Pegnitz wagten wir am 8. September 1946 abzuhauen. Bei Trechtingshausen ging es über den Rhein in die Amerikanische Zone. Bei einer Kontrolle der Amis vor Assmannshausen, konnte ich die Amis ablenken und Heiner Pflaum konnte in Assmannshausen verschwinden. Über Frankfurt war er am nächsten Tag zu Hause in Pegnitz. Mich nahmen sie mit nach Bad Schwalbach. Im dortigen Polizeigefängnis landete ich am Abend. Es hiess wir würden innerhalb drei Tagen den Franzosen übergeben. Da ich eigentlich ( auf dies pochte ich) amerikanischer Gefangener war, wusste man nicht was sie mit mir machen sollen. Ende Oktober kam der Bescheid der Amerikanischen Militärregierung in Berlin ich sei zu entlassen. Durch deutscher Polizei wurde ich in das Lager nach Marburg gebracht und dort 4. November 1946 entlassen.

Wie war die Behandlung durch die Alliierten?

Durch die Amerikaner immer gut und fair. Nach der guten Behandlung der Amerikaner war die Behandlung in Frankreich eine eiskalte Dusche.

Wie erfuhren Sie vom Ende des Krieges?

Durch die Zeitung und Radio. Wir konnten uns in Amerika Zeitungen kaufen. Abgedruckt war oft die Wehrmachtsberichte vieler Länder und auch der Deutsche abgedruckt. Wir waren daher gut informiert.

Sind Sie nach dem Krieg noch einmal zum Kriegsschauplatz Afrika zurückgekehrt?

8. Sonderreise 18.10. - 28.10.82. Frankfurt - Kairo - Sollum - Marsa Matruh und Gedenkfeier in EI Alamein - Kairo - Frankfurt.15. Sonderreise 11.10. - 24.10.95. Frankfurt - Tunis - Djerba - Tripolis - Syrte - Benghasi - Derna- -Tobruk - Marsa Matruh - Gedenkfeier in EI Alamein - Alexandrien - Kairo - Frankfurt.

Ich danke Herrn Prechtel für das Interview.