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Interview mit einem Angehörigen der 4. Fallschirmdivision in Italien

Name: Hans Adolf M.
  Rang: ---
  Einheit: 4. Fallschirmdivision, Angaben unbekannt
 
Wie wurden Sie in den Krieg erstmals involviert?

Ich war damals sehr jung, 13 Jahre alt. Wir haben den Beginn des Krieges mitbekommen, natürlich war das ganze damals sehr patriotisch. Zu dieser Zeit bin ich in die Flieger HJ eingetreten. Bei uns zu Hause gibt es einen Berg und dort hatten wir Segelflugschule. Damals war die Segelflugausbildung als vormilitärische Ausbildung ausgelegt.

Wie haben Ihre Eltern auf den Krieg und die anfänglichen Erfolge reagiert?

Na ja, als es die ersten Gefallenen gab, wurden manche schon pessimistisch. Man war nicht mehr mit so einem "Hurra" Gefühl beseelt.

Wie ging es weiter nach der HJ?

Zuerst beendete ich meine Lehre und wurde dann zum Reichsarbeitsdienst gezogen. Meine Lehrzeit sollte 3 ½ Jahredauern, da ich aber eingezogen werden sollte, mussten wir nur 3 Jahre machen.

Wann kamen Sie in die Wehrmacht?

Im April 1944. Es ging erst mal auf einen Fliegerhorst im Allgäu - Kaufbeuren. Dort wurden wir eingekleidet und aufgeteilt - entweder Fliegertechnisches Personal, Fliegerpersonal oder Luftnachrichten. Ich entschied mich für Fliegendes Personal und kam so nach Frankreich zur Rekrutenausbildung. Während der Ausbildung hat uns die Invasion überrascht. Der Amerikaner drückte schon mächtig von Norden und wir mussten zurück. Ich war noch auf einem Fliegerhorst in Frankreich als technisches Personal - Flugzeugelektriker. Dann wurden wir zurück verlegt an die deutsch-französische Grenze an einen Feldflugplatz. Eines Tages war ich gerade in einem leichten Hangar, als der Amerikaner mit Tieffliegern angriff. Der ganzer Hangar stürzte zusammen und ich brach mir einen Halswirbel an. Ich wurde von Kameraden befreit und kam in ein Sammellazarett nach Heilbronn und weiter nach Oberhof ins Heimatlazarett. Es war mittlerweile bereits September und ich kam nach Nürnberg-Fürth zu unserem Ersatzgeschwader. Dort wurden wir vor die Wahl gestellt ob wir zur Infanterie, Waffen SS oder zu den Fallschirmjägern wollten. Ich entschied mich für die Fallschirmjäger und wurde nach Stendal zur Ausbildung verlegt. Später kam ich noch nach Wittstock zur weiteren Ausbildung.

Was wurde in der Ausbildung gemacht?

Erst mal Infanterie/Gefechtsausbildung und dann ein paar Sprünge - vier aus einem Fesselballon und zwei aus einer amerikanischen Maschine.

Wie ging es dann weiter?

In Wittstock wurden dann später Marschkompanien zusammengestellt und nachts wurde man in Züge verladen. Viele wurden nach Ostpreußen gebracht, weil dort der Russe durchgebrochen war. Eines Tages war ich auch dran und wir dachten alle, es geht gen Osten. Wir sind die ganze Nacht gefahren. Draußen war alles verdunkelt, so dass wir nicht wussten, wo wir waren. Am nächsten Morgen lasen wir "Bayrisch Eisenstein". Wir waren also im bayrischen Wald und alles dachten "Nach Osten kann es nun nicht mehr gehen". Wir wurden weiter via Kufstein - Innsbruck nach Italien gefahren.

Wohin in Italien?

Unsere erste Station war bei Bologna. Dort wurden wir der 4. Fallschirmjägerdivision zugeteilt. Bologna selbst war eine freie Stadt, d.h. es wurden keine Soldaten in die Stadt gelassen, damit die Amerikaner diese nicht bombardierten. Bei San Marino und Florenz war es das gleiche.

Was passierte dann?

Nun zu Beginn war ich erst einmal Infanterist. Der Amerikaner drückte ziemlich stark und wir mussten uns auf den letzten Gebirgszug in den Appeninnen zurückziehen. Hier konnte man die ganze Po Ebene überblicken und die Riviera sehen. Man sah ganz deutlich amerikanischen Kriegsschiffe, die unsere Stellungen beschossen.

Wie lief solch ein Rückzug ab?

Dort, wo vermutet wurde, dass der Amerikaner durchbrechen wollte, bezogen wir Stellung. Das war aber eigentlich nutzlos, wenn man dessen Taktik kennt. Er hat angegriffen und wenn wir uns gewehrt haben, hat er den Angriff gestoppt und wir bekamen erst mal Bomben und Artilleriefeuer zu spüren. Wenn er dachte, dass er uns weichgeklopft hat, versuchte er es wieder. Dieses Prozedere wiederholte sich solange, bis er keine Gegenwehr mehr hatte. So zogen wir uns Schritt für Schritt zurück. Bei einem großen Militärflughafen am Gardasee wurden wir versprengt. Der Amerikaner stieß derweil schon bis zum Brenner durch. In unserer kleinen versprengten Gruppe hatten wir einen aus Berchtesgaden, und der meinte, dass er einen Nebenpass kenne. Bei solch einem Marsch dauerte es nicht lange, dass unsere 7 Mann Durst und Hunger bekamen, aber tagsüber durfte man sich nicht blicken lassen. Auf der einen Seite wegen der Amerikaner und auf der anderen wegen der italienischen Partisanen, die viel schlimmer waren. Die bekamen nämlich Kopfgeld, wenn sie einen deutschen Gefangenen brachten. Ich kann mich noch erinnern, dass wir eines Tages auf Wassersuche waren in einem kleinem Dorf. Dort kletterte ich über einen Zaun und stehe vor einem amerikanischen Panzer. Nun ging alles sehr schnell - ein scharfes "Hands up" und wir waren gefangengenommen und in einen Raum gesperrt. Die Amerikaner waren sehr freundlich und machten uns Kaffee. Es dauerte 2 -3 Tage ,bis sie uns in ein Sammellager abgeliefert hatten, in der Zwischenzeit nahmen sie uns auf ihren Panzern mit.
In dem Lager wurden wir auf Sattelschlepper verladen und nach Pisa gebracht. Diese hatten alle Planen und wir wurden versteckt verlegt, da es Anschläge von Partisanen auf deutsche Gefangenenkonvois gab.

In der Gefangenschaft...

Dort suchte man sich eine Beschäftigung um die Langeweile zu vertreiben. In dem Lager waren 2000 Gefangene. Ich habe mich zu einem Arbeitskommando gemeldet und wurde Filmvorführer.
Zuerst hat man die Soldaten der Westzonen entlassen. Dies hatte einen Grund, die Amerikaner wussten nämlich, dass heimkehrende Soldaten in der russischen Zone aufgegriffen wurden und nach Russland in Arbeitslager kamen.
Eines Tages (fast ein Jahr später) wurde ich in einen Entlassungszug in die russische Zone gebracht.
Ich kam bei Eisenach/Varta über die Grenze und dort in ein Zwischenlager. Auf dem einen Gleis war unser Zug, auf dem anderen einer aus Russland. Die Soldaten sahen fürchterlich aus, alle kahl geschoren mit Wasserkopf und einem starren Blick, nur mit Lumpen bekleidet und keine Schuhe an. Wir gaben Ihnen dann unsere Kekse und Zigaretten und sie stürzten sich drauf wie Stiere, dass hat einen zutiefst gerührt. Dann kam ich nach Hermsdorf ins Quarantänelager. Wir hatten überhaupt nichts- keine Flöhe - nichts. Ich wache am nächsten Morgen auf und das ganz Ohr war angeschwollen durch Wanzen - diese hatte ich zum ersten Mal!. Zum Glück hatte ich Insektenvernichtungsmittel von dem Amerikanern.

Wie war die Ankunft zu Hause?

Das erste Erlebnis mit den Russen hatte ich, als ich in Zella Mehlis auf dem Bahnhof ankam. Dort musste ich aussteigen und nach Viernau in meinen Heimatort laufen. Aber wie gesagt, auf dem Bahnhof traf ich das erste Mal auf ein paar Russen. Es waren drei und alle waren sturzbetrunken.. Sie haben mich aber in Ruhe gelassen, trotz meiner amerikanischen POW Uniform. Aus der Hose dieser Uniform hat übrigens meine Frau ein Krabbelhöschen für unsere Tochter genäht. Wo wir entlassen wurden aus amerikanischer Haft durften wir uns in der Kleiderkammer noch mal neu einkleiden. Ich hatte die Sachen noch sehr lang, besonders die Schuhe mit angesetzten Gamaschen.

Ich danke Herrn Hans-Adolf M. für das Interview.