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Bericht des Leutnant Werner Kromer

Nach vier Wochen erhielt ich einen Lt als Zugführer, F. Grafe. Am gleichen Abend kam mein Spieß, Fw Wiedemann, mit dem Verpflegungswagen. Er wusste, dass Grafe zu uns kommt und hatte seine Personalakte dabei. Grafe war mein Jahrgang. Wiedemann, sechs Jahre älter, sagte zu mir: „Dieser Leutnant ist ja erst 22; die schicken aber junge Offz an die Front." Dass ich auch erst 22 war, wusste er nicht. Als ich ihn fragte, wie alt er mich schätze, meinte er: 28. Ich ließ ihn bei diesem Glauben. Mein älteres Aussehen kam daher, weil ich einen Bart trug. Grafe und ich verstanden uns auf Anhieb. Er hatte mit mir den gleichen Lehrgang in Hannover besucht. Wir hatten begonnen, ein Grabensystem anzulegen. Als dies fertig war, bauten wir Unterstände; eine Riesenarbeit, weil der Boden tief gefroren war. Der erste Unterstand war 4 x 4 m. Wir legten Baumstämme darüber und bedeckten das Ganze mit 1 m Erde. Nun ließ ich beim Tross einen Ofen bauen. Er wurde in den Unterstand gestellt und los ging das Heizen. Die Baumstämme über uns hatten aber eine dicke Eisschicht, die fing an zu tauen. Das Resultat: Es regnete vier Tage, bis die Stämme trocken waren. Die Russen sahen den abziehenden Rauch und begannen sich auf den Unterstand einzuschießen. Dauernd lagen Granateinschläge in der Nähe. Wir hatten Verwundete dadurch. Ich beschloss daher, das Heizen einzustellen. Dann erschien eine PropagandaKp. Sie stellte Lautsprecher auf. Plötzlich ertönte eine Stimme, welche die Russen aufforderte, sich zu ergeben. Natürlich fing darauf die russ Art an, meinen Abschnitt einzudecken. Während die Granaten flogen, habe ich die Kabel zu den Lautsprechern durchschnitten. Dann war Stille; allmählich hörte die Schießerei der Art auf. Ein Granatw hatte sich auf uns eingeschossen. Am 3. Tag entdeckte ich, wo er stand. Ich rief die Art an. Es meldete sich eine bekannte Stimme: „2. Bttr, Lt Häusler". Ich konnte nur sagen: „Ja, Eberhard, wie kommst denn Du hierher?" Es war mein Freund aus Freiburg, mit ihm war ich 1939 im RAD in Biberach. 1942, als ich in Afrika zur ArtAbt 361 abgestellt war, schickte mich eines Abends Maj Kaul zur Div. Ich sollte einen neuen Lt abholen. Noch ehe ich ihn in der Dunkelheit sah, hörte ich seine Stimme. Es war Eberhard. Und nun traf ich ihn in Russland wieder. Ich habe ihn dann zufällig in Stuttgart 1952 wieder getroffen. Er war zu einem Lehrgang nach Stuttgart berufen. Am Bahnhof sieht er ein Plakat, auf dem Killesberg sei ein Afrikanertreffen. Es war so, er fragte, wie man auf den Killesberg komme. Mit der Straßenbahn! Eberhard stieg nicht in den Motorwagen, sondern in den Anhänger. Dort saß ich. Seitdem sehen wir uns regelmäßig.

An der Front sorgte ich mich um das Wohlergehen meiner Leute. Damit sie sich waschen und ausruhen konnten, schickte ich jeden Abend mit dem Verpflegungswagen zwei Soldaten zurück zum Tross. Dort mussten sie keinen Dienst tun und blieben, bis sie der Wagen am anderen Tag wieder zur Front zurückbrachte. Auch Urlaubscheine stellte ich reichlich aus. In meiner Feldbeurteilung stand ein Satz: „Lt Kromer führt seine Leute nicht durch militärische Strenge, sondern durch sein Vorbild." Wenn mein BtlKdr nicht da war, konnte ich mich im Btl-Gefechtsstand waschen. Sein Adj, Lt Glöckner, gab mir durchs Telefon den Termin mit einem Codewort bekannt. Ich robbte dann durch das offene Gelände, das vom Russen stellenweise eingesehen werden konnte. Die Folge war, dass auf mich aus allen Rohren geschossen wurde. Aber ich kam immer heil zurück. Einmal kamen drei blutjunge Soldaten als Ersatz, 17 Jahre. In der Nacht kamen sie mit dem Verpflegungswagen und meldeten sich. Ich überlegte, wie ich sie einsetzen sollte. Da kam mir eine Idee. 200 m rückwärts gab es ein alten Stollen. Ich ordnete an, dass sie in den Stollen gehen und dort zu bleiben hatten. Am anderen Tag knallte eine Granate in den Stollen und meine drei jungen Leute, denen ich etwas Gutes tun wollte, waren tot! Wegen drei anderer Soldaten hatte ich Scherereien. Sie waren befreundet: Olgemann, Schaper und Krinke. Wegen jedem von ihnen musste ich einen Bericht einreichen und das kam so: Olgemann kam zu mir und meldet sich zur Kp. Ich stellte mich auch vor. Darauf Olgemann: „Angenehm." Ich sagte: „Ob ihr Eintreffen für mich angenehm ist, wird sich noch zeigen." Wir hatten damals keinen Unterstand, sondern lebten in Löchern. Zwei Wochen später kommt Sadebaum zu mir und berichtet: er habe ein Paket bekommen und jetzt sei es weg. Ich fragte, mit wem er sein Loch teile. Mit Olgemann. Der wurde zu mir geschickt. Kaum ist er bei mir, erscheint Söderbaum und zeigt die Reste seines Pakets. Er fand es unter Olgemanns Sachen. Ich fragte den, ob er das Paket geklaut habe. Er gab es gleich zu. Also Kameradendiebstahl. Das musste ich melden. Ich fragte, ob er vorbestraft sei. „Kaum, Herr Lt," gab er zur Antwort. Ich erwiderte, wenn er nicht die Wahrheit sage, müsse ich an den Bürgermeister seines Heimatortes schreiben. Nun gab er zu, wegen Bettelei und Hehlerei drei Monate bekommen zu haben. Mit Schaper hatte ich Wochen später ein merkwürdiges Erlebnis. Unsere Unterstände waren fertig. Alle Angehörigen der Kp lebten, sofern sie nicht Wache hatten, in den Unterständen. Geheizt wurde nicht. Einmal war Schaper nachts als MG-Schütze eingeteilt. 30 m davor war sein Freund Krinke postiert. Plötzlich ruft Schaper Krinke zu, es sei saukalt. Er würde kurz in den Unterstand gehen, um Schnaps zu trinken. Krinke sagte, das ginge nicht, er könne nicht das MG verlassen. Er würde in den Unterstand gehen, selbst etwas trinken und dann zu ihm kommen, um ihn abzulösen. Krinke geht also in den Unterstand, trinkt und wärmt sich etwas auf. Später erzählt er mir, er sei 10 Min weg gewesen. Als er wieder in den Graben kommt und Schaper ablösen will, sieht er, dass der nicht da ist. Krinke nimmt an, er sei zum Austreten, postiert sich am MG und wartet, aber Schaper lässt sich nicht mehr blicken. Krinke wird es unheimlich. Er kommt in meinen Unterstand und meldet den Vorfall. Ich gehe in den Graben von Posten zu Posten und frage, ob jemand vorbeigekommen sei. Fehlanzeige. Es hatte leicht geschneit. Ich untersuche nun mit Uffz Thomas den Grabenrand. Mein Abschnitt war etwa 350 m lang. Wir gehen ihn mehrfach ab. Durch den hellen Schnee kann man auch bei Nacht Abdrücke sehen. Nichts! Er ist nie wieder aufgetaucht. Wäre er aus dem Graben zum Russen übergelaufen, wir hätten seine Fußabdrücke sehen müssen. Er ist wie von Geisterhand verschwunden, also Tatbericht. Zwei Tage später höre ich gegen 5 Uhr Geschrei: „Hätte ich doch das verdammte Ding liegengelassen." Ich bin sofort hellwach. Im gleichen Augenblick kommt Krinke in meinen Unterstand mit dem linken Bein voraus. Er blutet am Fuß. Es stellt sich heraus, Schaper hatte eine Pistole im Unterstand gelassen. Krinke nahm sie an sich, als sich ein Schuss löste und ihn am Fuß traf. Die Sache sah nach Selbstverstümmelung aus. Also wieder einen Bericht. Schon einmal hatte ich einen solchen Fall. Ein Soldat erhielt kurz vor Weihnachten 43 einen Oberarm-Durchschuss. Nichts Schlimmes. Ihn ins Lazarett zu schicken, hielt unser Sani nicht für nötig. Also kam er zum Tross. Silvester wurde kräftig gefeiert und er war angetrunken. Nun spielte er sich auf. Er habe doch erreicht was er wollte, Weihnachten beim Tross! Die anderen wurden hellhörig. Sie erfuhren, er habe sich eine Scheibe Brot vor den Oberarm gehalten, damit man später keine Schmauchspuren sähe und geschossen. Ein Fw hörte mit und unser Mann war „dran".

An einem Morgen wachte ich in meinem Unterstand auf und sah über mir den Lichtstrahl der Sonne. Das gibt es doch nicht, fuhr es mir durch den Kopf: wir haben doch 1 m Erde über dem Dach. Ich fuhr mit dem Finger nach oben. Da war eine Öffnung. Meine Leute waren genau so fassungslos wie ich. Also raus und nachgeschaut. In der Nacht war eine Granate über meinem Kopf eingeschlagen. Man sah einen Krater. Hätte die Erdüberdeckung weniger betragen, wäre ich tot gewesen.

Bei den Soldaten kursierte ein Witz: Was ist der Unterschied zwischen einem verbrannten Brot und den Soldaten im Brückenkopf von Nikopol? Keiner, alle wurden zu spät herausgezogen. Dass der Brückenkopf nicht schon längst aufgegeben wurde, lag an GFM Schörner. Er verteidigte Nikopol mit äußerster Härte. Dort war der letzte Übergang über den Dnjepr. Entsprechend stark waren die Angriffe der Russen. Am 3.2.44 werde ich zum Btl-Gefechtsstand gerufen. Maj Manzer gibt bekannt, dass der Brückenkopf am 5.2. geräumt wird. „Einer muss die Nachhut führen und zwar der, der den Abschnitt am Flüsschen hat. Wer ist das?" Natürlich weiß er genau, wer dort liegt. Er hat mir ja selbst den Abschnitt zugewiesen und oft besucht. Als er fragend in die Runde blickte, legte ich die Hand an die Mütze und sagte: „Das ist mein Abschnitt, Herr Major." „Gut", erhielt ich zur Antwort, „dann führen Sie die Nachhut." Ich erfuhr dann noch: Alle verlassen um 19 Uhr ihre Stellung und rücken ins Hinterland. Die Marschroute wird in Karten eingezeichnet, die jeder KpChef erhält. Die Art rückt ebenfalls um 19 Uhr ab. Wir haben daher keine Feuerunterstützung mehr. Dann sagt mein Maj: „Herr Kromer, Sie übernehmen ab 18 Uhr 30 die Stellungen, halten diese noch 6 Std und rücken um 1 Uhr nachts ab."

Statt 350 m übernahm ich nun ein Gebiet von 1,5 km und das mit 50 Leuten. Diese Std waren die schlimmsten meines Lebens. Der Russe merkte natürlich, dass etwas nicht stimmte, die Art schoss nicht mehr. Er schickte Stoßtrupps. Ich hatte alle Hände voll zu tun, um diese abzuwehren. Es war ein Inferno. Alle 5 Min sah ich auf die Uhr. Ist es noch nicht 1? Und wusste doch, dies konnte nicht sein. Ich jagte von einem Brennpunkt zum anderen. Dauernd forderte eine neue Situation meinen Einsatz. Die Verpflegung war schon um 18 Uhr gekommen, hatte schnell abgeladen und machte sich sofort auf den Rückweg. Für mich waren Briefe dabei. Ich hatte keine Zeit, sie zu lesen. Nach 6 endlosen Std zog ich meine Leute zusammen zum Abmarsch. Marschieren konnte man unsere Fortbewegung jedoch nicht nennen. Wir waren in den letzten zwei Mon nur in unseren Gräben gestanden. Unsere Beinmuskeln waren eingerostet. Jetzt mussten wir km um km mit Gewehr, MG und anderem Gerät im Schlamm der russ Landschaft nach rückwärts. Ich hatte zwar wenig zu schleppen, hatte aber die Füße erfroren. Das sagte ich niemandem. Ich ging auch nicht zum Arzt, denn mir war klar, dann müsste ich ins Lazarett, hätte die Kp abgeben müssen. Ich wollte aber bei meinen Männern bleiben. Wir hatten kaum 800 m zurückgelegt, da wurde gefragt, ob man nicht Pause machen könne. „Alles hinlegen" befahl ich. Im Nu lag die ganze Kp auf dem Boden. Nach einigen Min ließ ich weitermarschieren. Alle 500 m machten wir eine Pause. Wir warfen uns einfach in den Schnee. So ging das Std um Std. Unser Weg führte am Dnjepr entlang. Man hörte Flugzeuge. Ich ließ meine Leute im Gänsemarsch gehen, mit Abstand. Ein Flugzeug hatte uns entdeckt. Es kurvte auf uns ein und fing an zu schießen. Zum Glück wurde niemand verwundet. Dann kamen wir zu einer Pontonbrücke. Dies war unser vorgegebenes Ziel. Auf der anderen Seite erwartete uns der RgtKdr. lch ließ antreten und meldete: „Lt Kromer mit 1./GR 117 als Nachhut vom Brückenkopf Nikopol zurück. Keine Verluste." Dass ich alle durchgebracht hatte, beeindruckte ihn. Auf einer Höhe über dem Fluss fand in einem Haus eine Besprechung statt. OLt Fickert, der RgtAdj, stellte mir ein Pferd zur Verfügung. Wir befanden uns in Michailowska. Der Oberst sagte, das Rgt würde nun, nachdem wir 2 Mon an vorderster Front waren, in Ruhestellung kommen. Aber wir hatten nur einen Tag Zeit uns auszuruhen. Dann war uns der Russe wieder auf den Fersen. Das merkte zunächst niemand und plötzlich war die Hölle los. Sie stürmten die Pontonbrücke und schossen wie wild auf uns, die wir im Gelände lagen, Zu allem Unglück hatte das Gelände vom Fluss weg eine Steigung. Wir rannten um unser Leben. Ich schrie meinen Leuten zu, sie sollten zickzack laufen. Trotzdem hatten wir einige Verwundete, die liegen blieben. Nicht weit von mir erhielt ein Offz mehrere Granatsplitter ins Bein. Er fiel hin, blieb liegen und blutete stark. Ein Freund wollte helfen. Aber der Verwundete rief ihm zu, er solle weiter rennen. Er könne ihm doch nicht mehr beistehen. Das war furchtbar, aber er hatte recht. Man hätten ihn nicht wegtragen können. Der Russe war uns auf den Fersen. Wir rannten den Hügel hinauf, sammelten uns und bildeten wieder eine Linie. Am anderen Morgen wieder ein Angriff. Es gelang ihnen, eine Höhe in unserer Nähe zu nehmen. Oppermann ließ mich kommen und befahl, mit allen verfügbaren Männer einen Gegenstoß zu machen. Mit 35 Mann zogen wir los und warfen die Russen wieder herunter.

Die Ukraine war die Kornkammer Russlands mit großen Kolchosen. Von der Ernte waren riesige Strohhaufen übrig. Die hatten eine Länge von 7-8 m, eine Höhe von 10 m und gleiche Breite. In einen solchen Haufen steckten Teile meiner Kp. Am zweiten Tag zündete einer unachtsam eine Zigarette an. Das Stroh fing Feuer, und bald stand der Riesenhaufen in Flammen. Natürlich begann die Art sich auf diesen Haufen einzuschießen, ein Inferno. Wir lagen im Schnee, es war bitter kalt. Um meine Leute aufzuwärmen, ordnete ich an, dass sich immer zwei Mann nebeneinanderlegen sollten. Ich legte mich neben meinen Melder Behrendt. Plötzlich hörte ich einen Ruf. „Lt Kromer zum Btl." Also zog ich los. Maj Manzer machte ein erstauntes Gesicht und sagte, er habe mich nicht gerufen. Nachdem ich aber einmal da war, bot er mir einen Schnaps an. Ich blieb etwa 10 Min, dann ging ich zurück. Ich kam gerade dazu, wie Behrendt, neben dem ich noch vor kurzem gelegen hatte, beerdigt wurde. Eine Granate schlug genau an der Stelle ein, wo wir gelegen hatten. Wer hatte mich zum Btl gerufen? Eine höhere Macht? Wenn ich dem Ruf nicht gefolgt wäre, hätte die Granate auch mich getötet. Nach wenigen Tagen wurden wir doch noch von der Front abgezogen. Bei einer ärztlichen Untersuchung stellte man meine Erfrierungen fest. Ich sollte ins Lazarett, bat aber, bleiben zu dürfen. Oberst Oppermann entschied, ich solle zum Tross, um mich dort auszukurieren. Aber der Tross war weit entfernt. Ich sah mir die Karte an. Es gab eine Eisenbahnlinie. Ob allerdings Züge fuhren, wusste ich nicht. Bis zur Eisenbahn waren es mehrere km. Ich nahm ein Pferd und ritt hin. Nach einigem Warten kam eine Lokomotive ohne Wagen. Ich stellte mich auf die Gleise und stoppte die Lok. Mit dem russ Lokführer und seinem Heizer konnte ich mich nicht verständigen. Also deutete ich in ihre Fahrtrichtung und kletterte auf die Lok. Die beiden lachten und fuhren los. Es wurde dunkel. Wir kamen zu einem kleinen Bahnhof. Der Lokführer deutete an, sie wollten hier übernachten und morgen weiterfahren. In einiger Entfernung sah man ein Dorf. Wir marschierten los. Es dauerte ½ Std, bis wir ankamen. Sie gingen ins nächstbeste Haus. Ich ging mit, sah ein Bett und legte mich hinein. Die Familie staunte. Man gab mir auch Essen und Trinken. Die Familie schlief, wie in Russland üblich, auf dem Kachelofen. Am anderen Morgen wollten wir zu unserer Lok zurück. Da hatte der Heizer eine Idee: Er ging in ein Haus und verhandelte. Worum es ging, wurde mir klar, als ein junger Bursche ein Pferd an einen Schlitten spannte. Und uns zur Lok fuhr. Dort verlangte der Bursche Geld für den Transport. Ich fand in meiner Tasche eine Kinokarte von Odessa. Diese gab ich und sagte "Kommandantura". Der Junge nickte. Meine Begleiter heizten die Lok und wir fuhren los. Auf Umwegen erreichte ich dann doch noch den Tross. Der Arzt meinte, ich hätte Phlegmone. Ich solle die Beine baden. Das machte ich und es bildeten sich Fünfmarkstück große Stellen. Dann kam der Befehl, den Tross in Alexanderstadt in Richtung Odessa zu verladen. In einem Vorort wurden wir am 10.3.44 ausgeladen. Quartier sollten wir in Dalnik, 16 km von Odessa, nehmen. Am anderen Tag erhielt ich Befehl, zu Oppermann nach Odessa zu kommen. Ich ließ zwei Pferde satteln, nahm einen Pferdeburschen und ritt los. Unterwegs verlor mein Pferd ein Hufeisen. Ich nahm das Pferd meines Burschen und schickte diesen mit meinem Gaul zurück. Am Abend kam ich in Odessa an. Der Oberst schlief schon. Die Ordonanz wagte nicht, ihn zu wecken. Ich suchte ein Hotel; aber auf Pferde waren die nicht eingerichtet. Ich verlangte ein Zimmer im Parterre. Dort sei nur Küche, Speisesaal und Verwaltung wurde mir gesagt. Also nahm ich ein Zimmer im 1. Stock, mein Pferd zog ich hinter mir her. Es benahm sich erstaunlich manierlich, mistete und strahlte nicht. Aber für die Treppe hinab am anderen Morgen musste ich vier Mann holen, um das Pferd zu schieben. Als ich Oppermann erreichte, befahl er, ich solle den RgtTross übernehmen und, wenn ich wieder gesund sei, nach Rumänien überführen. Nun begannen für mich die schönsten Wochen meines Russlandeinsatzes. Den Oberst habe ich erst am 6.5. auf der Krim wiedergesehen. Auch keine anderen Vorgesetzten waren in Nähe, ich war oberster Chef. In Odessa konnte ich Ursula wiedersehen. Ich ritt zum Lazarett, in dem ich sie vor 4 1/2 Mon getroffen hatte. Aber ich erhielt Auskunft, die Augenabteilung sei nach Tiraspol versetzt.. Ich schaute die Karte an. Tiraspol ist 96 km entfernt. Wenn man die 16 km bis Dalnik abzieht, blieben noch 80. So ließ ich am anderen Morgen vier Pferde satteln. Zwei für mich, zwei für meinen Burschen. In der Frühe ritten wir los. Alle halbe Stunde wechselten wir die Pferde. Am Abend waren wir in Tiraspol. Dort erwartete mich eine große Enttäuschung. Ich fand das Lazarett, aber der Augenspezialist war in Urlaub und Ursula hatte sich für diese Zeit versetzen lassen. Wohin wusste niemand.

Nach dem Krieg begann ich ein Studium an der Uni Tübingen. Ich wusste, Ursula war früher in der Buchhandlung Osiander tätig. Man gab mir ihre Adresse in Kiel. Ich schrieb und bekam postwendend Antwort. Es tue ihr heute noch leid, dass wir uns in Tiraspol nicht getroffen hätten. Sie habe während des Urlaubs ihres Chefs in Tiraspol in einem anderen Lazarett ausgeholfen. Sie schrieb auch, wir hätten gut zusammengepasst. Im übrigen gab sie bekannt, dass sie in zwei Wochen heiraten würde. - Wir haben uns nie wieder gesehen.

Zurück in Dalnik begann ich mich um meinen Tross zu kümmern. Ich hatte 35 Mann und 300 Pferde, darunter 31 Reitpferde; auch eine große Zahl von Wagen. Ein gutes Reitpferd hatte ich mir schon ausgesucht: „Blücher". Der Befehl des Oberst lautete, den Tross in die Gegend von Buzau zu bringen. Eine Zeitvorgabe wurde nicht gegeben. In der Umgebung von Odessa gab es mehrere Dörfer mit deutscher Besiedlung: Selz, Kandel, Straßburg, Baden. Am Dialekt konnte man feststellen, dass ihre Vorfahren aus der Heilbronner Gegend stammten. Diese Dörfer sollten nun evakuiert werden. Die Leute packten ihre Sachen, verluden alles auf Leiterwagen,  um in einem großen Konvoi nach Deutschland zu gelangen. Ein Bürgermeister hörte,  dass ich 300 Pferde hätte. Er ließ fragen, ob ich ihm Pferde leihen könne. Ich ritt in die Dörfer, sprach mit den Bürgermeistern und stellte als Vorspann Pferde zur Verfügung. In den Dörfern blieb viel zurück: große Mengen Wein, Lebensmittel. Auch eine Kuh, die schlecht laufen konnte. Ich hatte unter meinen Leuten einen Metzger, so gab es etwas Frischfleisch. Und Wein hatten wir mehr als wir trinken konnten. So haben wir in den nächsten zwei Wochen täglich Vorspann für die Dörfer gestellt. Dann fing ich an Richtung Rumänien zu marschieren und zwar so: am Morgen ritt Uffz Smolen mit zwei Mann los, um Quartier zu machen. Das Tagesziel sagte ich ihnen. Eine Std später sammelte sich mein Tross. Das dauerte eine Weile, bis alle aus den Quartieren kamen. Jeder Wagen war mit zwei Pferden bespannt. Da wir eine große Überzahl an Pferden hatten, wurden hinten an jedem Wagen noch mehrere angebunden. Aus Vorsicht gegen Tiefflieger ließ ich Abstand halten, so war die Kolonne über 1 km lang. Wenn wir im neuen Ort ankamen, wurden wir von den Quartiermachern empfangen. Bei Ovidiopol überquerten wir auf einer Pontonbrücke den Dnjestr. Ich hatte 6 Fw und Uffz dabei. Sie lud ich abends zum Feiern ein. Wir veranstalteten in den Dörfern Tanzabende. Wir hatten ein altes Grammophon mit acht Platten. Wir haben auch die Dorfschönen eingeladen und mit ihnen wunderbare Abende erlebt. In einen Dorf gefiel es uns besonders gut, Wasnisenowka. Die Mädchen dort waren besonders hübsch. Wir tanzten stundenlang. Nachts um 1 Uhr kam ein Fw im Auftrag der anderen zu mir und fragte: „Herr Lt, können wir nicht noch einen Tag bleiben?" „Das machen wir", sagte ich und schickte meinen Burschen los, um dies überall zu verkünden. Die Trennung von Wasnisenowka war schwer. Wir blieben eine ganze Woche. Beim Abschied gab es Tränen.

Wir kamen dann nach Ferchatpennas und wieder blieben wir eine Woche. Der nächste Ort war Krinitschka, dann Karakurt. Das war schon in Rumänien. Ich war bei einer dicken Bäuerin einquartiert. Sie wollte deutsch lernen und ich sollte rumänisch sprechen. Das ging dann so: Sie nahm einen Löffel in die Hand und nannte den Namen in ihrer Sprache. Ich musste das deutsche Wort nennen. Aber ich übersetzte nicht wörtlich. Einmal deutete sie auf sich und sagte: „Romanski Caseica". Sie wollte damit sagen, dass Caseica das Wort für Hausfrau sei. Nun fragte sie: Germanski? Aber ich sagte auf sie deutend: „Germanski Teufelsweib". Sie war begeistert. Dauernd deutete sie auf sich und sagte: „Ich Teufelsweib". Wir hatten unseren Spaß.

Unsere Reise ging weiter: Kurtschi - Reni - Galatz - Cazasul - Amara.

Am 27.4. erreichte mich die Nachricht, den Tross Lt Wesche zu übergeben, der aus dem Lazarett zurück war, um möglichst rasch auf die Krim zu kommen . Man benötige mich als KpFührer. So einfach ging des aber nicht. Bei Buzau war eine Brücke wegen Hochwasser gesperrt. Ich musste einen Umweg über Barbaresti machen. Von dort kam ich nach Buzau, saß drei Tage fest, weil das Wetter keine Flüge zuließ. Erst am 4.5. flog ich mit einer He 111 ab. In meiner Begleitung OFw Grobe. Unterwegs überholten wir eine JU 52. Unsere He war viel schneller. Es sah aus, als würde die JU in der Luft stehen bleiben. Wir landeten auf der Krim und mussten gleich in Deckung gehen, weil der Russe den Flughafen mit Art beschoss. Am 6. traf ich beim Rgt ein und meldete mich bei Oppermann. Ich solle die 2. Kp übernehmen. Ich glaubte mich verhört zu haben und wiederholte: „Die 2. Kp, Herr Oberst, nicht die 1., meine bisherige?“ „Ja, Sie übernehmen die 2.“ Er ging mit mir an einen Kartentisch und zeigte mir meinen Bereich. Das war der blödeste Abschnitt, im Ingermantal bei Sewastopol. Hinten ragte eine Felswand in die Höhe. Die NachbarKp konnte sich nach hinten zurückziehen, wir nicht. Als es dunkel wurde, übernahm ich die Kp, die bisher von Lt Mölich, (20), geführt wurde. Der Großangriff begann am 7.5. Gegen 8 Uhr schlug eine Granate direkt vor mir ein. Ich wurde schwer verwundet. Schon einige Mal war ich dem Tod von der Schippe gesprungen, jetzt hatte es mich voll erwischt. Ich hatte zahlreiche Granatsplitter in Armen, Beinen und sonstigen Körperstellen. Ein Abtransport war nicht möglich. Ich konnte mich aber noch in einen nahen Unterstand schleppen. Vorher erwischte mich noch eine Maschinengewehrsalve am Rücken und am Gesäß. Ein Splitter durchbohrte auch eine Wange. Er blieb im Mund stecken. Mit der Zunge bearbeitete ich ihn einige Tage, dann spuckte ich ihn aus. Im Unterstand verband man mich so gut es ging. Dort lag ich den ganzen Tag und verlor viel Blut. Am Abend kam der Verpflegungswagen, der mich in ein Lazarett brachte. Am 9.5. werde ich in der Nacht operiert. Vorher bekomme ich eine Tetanusspritze. Die Schwester muss lange suchen, bis sie am Fuß eine Vene findet, in die sie stechen kann. Im Zelt brennt trüb eine Petroleumlampe. Zur Operation stülpt man mir eine Maske über die Nase. Die Schwester träufelt Äther hinein. Ich muss zählen. Wenn man aufhört, weiß der Chirurg, dass er anfangen kann. Ich wache aus der Narkose auf und merke, dass ich in einem Sanka liege. Er fährt zum Hafen. Dort muss ich lange warten. Alle deutschen Stellungen auf der Krim sind inzwischen in Reichweite der russ Art. Auch der Hafen wird beschossen. Man hört die Granaten heranheulen. Aber das sind wir ja gewohnt. Als erfahrener Krieger hört man am Ton des Pfeifens, ob die Granate in der Nähe einschlage. Am Abend trägt man mich in einen Frachtkahn. Mehrere 100 Verwundete werden dort abgelegt. Arzt oder Sani sind nicht an Bord. Ich habe Fieber. Außerdem kann ich weder Arme noch Beine bewegen. Neben mir liegt ein Soldat. Er trinkt aus einer Feldflasche. Ich bitte ihn, auch trinken zu dürfen. Er hält die Flasche an meinen Mund. Ich selbst kann sie ja nicht halten. Am Motorengeräusch merken wir, dass der Kahn losfährt. Es ist Nacht. Als Begleitmannschaft sind vier Matrosen anwesend. Essen, Trinken oder medizinische Versorgung gab es nicht. Ich wollte wieder etwas trinken und spreche den Kam neben mir an. Er antwortet nicht, er ist inzwischen verstorben. Die vier Matrosen haben nur eine Aufgabe: wenn jemand tot ist, öffnen sie an Deck eine Luke, lassen ein Seil herunter und ziehen ihn nach oben. Auch der neben mir wird hoch gezogen. Ihm folgen noch viele. Am 11. kommen wir in Constanza an. Ich bin praktisch nackt. Im Feldlazarett hat man mir die Uniform mit einer Schere vom Leib geschnitten, damit man operieren konnte. In einem Gang legt man mich ab. Nach einiger Zeit komme ich in ein Zimmer zu anderen Offz. Am nächsten Tag werde ich durch Stabsarzt Dr. Peter erneut operiert. Bevor ich die Äthernarkose erhalte, fragt er mich, während er das Röntgenbild meines linken Beins ansah: „Sind Sie einverstanden, wenn ich Ihr linkes Bein kürzen muss?“ Ich reagiere ruhig und sage: „Herr Stabsarzt, ich bin überzeugt, Sie tun Ihr Bestes.“ Nach Std wache ich in meinem Bett auf. Zufällig kommt gerade der Arzt zur Visite. Ich frage, was mein Bein macht. Er antwortet: „Sie haben Glück gehabt. Der Granatsplitter steckte kurz vor dem Kniegelenk. Das Bein bleibt Ihnen erhalten." Durch das Radio erfahren wir, dass der Russe die Krim überrannt hat.

Drei Jahre später schaue ich bei, Roten Kreuz die Vermisstenliste des Rgt 117 durch. Alle, die bei meiner Verwundung noch lebten, sind aufgeführt: Oberst Oppermann, Lt Mölig, auch der OFw Grobe, der mit mir auf die Krim flog, und A. Kiese aus Breslau. Der Herr vom RK meint: "Vermisst heißt nach so vielen Jahren tot." 50 Jahre lang glaubte ich, dass mir die Verwundung das Leben rettete, und alle anderen tot seien. Am 26.4.99 erhalte ich einen Brief. Absender Prof. Dr. Fickert. Noch ehe ich den Brief lese, weiß ich, das ist der ehem Adju Oppermanns. Durch diesen Brief erfahre ich, dass viele im Mai 44 nicht getötet wurden, sondern in Gefangenschaft kamen. Das blieb mir durch die Verwundung erspart. Aber tot sind Lt Mölig, Lt Katerbau, OFw Grobe, HFw Pawlowski, Fw Wiedemann und OGfr Kiese.

Drei Tage nach der Operation wechselt man meine Verbände. Vorher kommt Dr. Peter und bereitet mich vor: „Schauen Sie nicht auf die Wunden. Sehen Sie einfach an die Decke." Zuerst tue ich dies auch. Die Schwestern brauchen lange, bis sie die blutgetränkten Verbände entfernt haben. Aber dann will ich doch wissen, wie ich aussehe. Ich schaue zuerst meinen linken Arm an. Es ist schlimm, was ich sehe. Zahlreiche Wunden, in denen Gummischläuche stecken. Wunden und Schläuche auch in beiden Beinen und im rechten Arm. Das linke Knie ist besonders schlimm. Hier werde ich später mehrfach operiert, weil Granatsplitter rebellieren. Die Schläuche bleiben noch lange in meinem Körper. In Constanza blieb ich eine Woche. Ich diktiere einer Schwester einen Brief: „Liebe Eltern, ihr werdet euch wundern, dass ich euch nicht selbst schreibe. Aber ich habe eine kleine Wunde am rechten Arm. Ich bin auch nicht mehr an der Front, sondern liege in Rumänien im Lazarett.“ Am 18.5. werde ich in einen Lazarettzug verladen nach Neutitschein/Sud. Die Ordensschwester, die mich betreut, heisst Kallista und ist 33. Ich bleibe drei Mon in ihrer Obhut. Sie ist immer lustig und zu Scherzen bereit.

Die Schwestern schreiben mir immer noch die Briefe. Meine Eltern fragen natürlich, was mit meiner Hand ist, und ich lasse immer schreiben, die Wunde sei harmlos. Aber es dauere eben seine Zeit. Dass ich nur den Kopf leicht bewegen kann und sonst nichts, dass ich zahlreiche Wunden am ganzen Körper habe, erfahren sie erst nach Monaten. In Neutitschein werde ich immer wieder operiert und Granatsplitter herausgeholt. Die Chirurgen waren Dr. Blaschke und Dr. Elsner. Jeden zweiten Tag wurde neu verbunden, meist von den Schwestern Kallista und Hilaria. Diese hatten riesige gestärkte Hauben auf dem Kopf. Nicht nur die Haare waren darunter verborgen, auch die Ohren. Das Verbinden dauerte immer zwei Std und war ziemlich schmerzhaft. Am linken Arm gab es eine Wunde, die an einem Nerv lag. Die Schwestern stopften nun mit einer langen Pinzette Gaze hinein, damit diese nicht zuwachsen und der Eiter abfließen konnte. Ein etwa 60 cm langes Stück landete so in meinen Arm. Ich hätte in die Luft gehen können. Damit die Schwestern immer wieder Pause machten, erzählte ich lustige Geschichten aus der Schulzeit oder erfand etwas. Kallista und Hilaria knieten dann vor Lachen auf dem Boden. Sie sagten: "Herr Leutnant, wenn Sie nicht aufhören, Witze zu machen, können wir nicht verbinden." Ich begann, meine Arme wieder zu gebrauchen. Das war mühsam. Bis es mir gelang, meine Hände unter dem Deckbett hervor zu holen. Ich übte das immer wieder und zwar heimlich. Ich wollte Schwester Kallista überraschen. Und eines Morgens, als sie mit dem Frühstück kam, streckte ich ihr, zu ihrer großen Freude, die Hand entgegen. Das Aufstehen war beschwerlich und schmerzhaft. Zwei Schwestern setzten mich einmal im Bett auf und ließen meine Beine hängen. Nie hätte ich gedacht, dass es so weh tut, wenn das Blut wieder in die Beine schießt. Nach wenigen Sek bat ich mich wieder hinzulegen. Am 12.6. wurde ich durch Dr. Elsner operiert. Er holte weitere Granatsplitter aus meinem linken Arm. Drei Tage später nochmalige Operation durch Dr. Plaschke. Am 17.7. konnte ich endlich wieder allein gehen, es war zwar am Anfang sehr mühsam, doch ich übte täglich. Am 5.8. erhielt ich meine Uniform von meinen Eltern zugeschickt. Das war ein Ereignis. Ich konnte nun das reizende Städtchen Neutitschein besuchen. Schwester Kallista hatte schon bekannt gegeben, dass ich verlegt würde. Am 21.8. war es soweit. Wir werden in Glogau ausgeladen. Das Reservelazarett, eine alte Schule, war völlig verwanzt. Zum Glück wurde wieder in einen Lazarettzug verladen.

Es ist der 28.8. Diesmal ging es in die Nähe von Kassel, ins Schloss Wolfsbrunnen bei Schwebeda. Es wurde 1904 von Henschel, dem Lokomotivenkönig, für seine Tochter gebaut, hatte 64 Zimmer und einen riesigen Park. Mir gefiel es dort. Mit dem Arzt, Dr. Pieroth, freundete ich mich an, er war der einzige Arzt in diesem Lazarett. Es waren nur Leichtverwundete dort. Meine Verwundung war zu dieser Zeit so, dass ich in Schloss Wolfsbrunnen nur einmal operiert werden musste. Eines Tages schrieb mein Vater, in Ravensburg sei ein neuer Oberstabsarzt, Dr. Göckeler. Meine Eltern kannten ihn. Mein Vater ging zu ihm, um ihn um eine Verlegung zu bitten und so kam ich nach Ravensburg. Nach einer sehr strapaziösen Bahnfahrt fuhr ich zunächst zu meinen Eltern. Am Abend musste ich ins Elisabethen-Krankenhaus. Während der langen Bahnfahrt hatte sich die Wunde in meinem Knie entzündet, es war eine einzige rote Masse. Der Chefarzt, Dr. Oberhofer, hat mich am Tag darauf operiert. Das Krankenhaus war für die nächsten zwei Monate meine Bleibe. Dr. Oberhofer nahm mich noch einige Male unter das Messer. Im Jan wurde ich zum Lehrgang für genesene Offz nach Hildesheim berufen. Nach zwei Wochen ging ich auf das GenKdo in Hannover und stellte den Antrag, in den WKr Württemberg versetzt zu werden. Gleichzeitig reichte ich Urlaub ein, der genehmigt wurde. Die Fahrt ist endlos. Die Zerstörung durch Luftangriffe machen sich bemerkbar. Wir stehen immer wieder stundenlang auf Bahnhöfen oder auf der Strecke. Ich benötige zwei Tage. Bei Lohr wird der Zug von engl Fliegern angegriffen. Die Lokomotive wird getroffen und fällt aus. Nach drei Std kommt eine Ersatzlok und schleppt uns weiter. Endlich erreiche ich Ravensburg und meine Eltern staunen, dass ich wieder da bin. Zwei Verwundungen machten mir besonders zu schaffen: Am linken Knie hatte ich eine handtellergroße Wunde, die übel aussah. Am linken Oberarm eine Wunde, die sich nicht besserte. Wegen ihr musste ich noch im März 46 operiert werden. Ich blieb bis Aug 45 im Lazarett. Als die Franzosen Ravensburg besetzten, mussten sich alle Männer melden. Wer arbeiten konnte, wurde nach Frankreich gebracht. Auch ins Lazarett kam eine Kommission. Als die Franzosen meine Wunden sahen, wurde ich sofort entlassen. Damit endete meine Wehrmachtszeit. Operiert wurde ich danach immer wieder, zuletzt 1951. Auch heute stecken noch viele Granatsplitter in meinem Körper.