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Bericht des Leutnant Werner Kromer Teil 1

An meinem 22. Geburtstag, am 28.2.43, überraschte mich K. Priemer aus der Schreibstube mit der Nachricht, ich würde mit einigen Kameraden nach Deutschland auf die OffzSchule abgestellt. Bevor wir am 4.3. zum Flugplatz nach Sfax gefahren wurden, beförderte uns Maj Ploch noch zu Uffz’en. Wir neun waren: H. Kornberger, V. Erhard, O. Plangg, F. Junge, W. Kleine, K. Göttmann, F. Halblaib, H. Schank und ich. Den Krieg überlebt haben nur O. Plangg und ich.

Wir flogen nach Sizilien. Dort überlegten wir, ob wir nach Neapel das Flugzeug oder die Bahn nehmen sollten. Mit dem Zug sehe man mehr vom Land, meinten einige. Aber wir flogen dann doch. In Neapel bei der Frontleitstelle sagte man, wir könnten drei Tage bleiben. Kornberger war ein hervorragender Pianist, auch sonst hochbegabt, besonders in Sprachen. Er lernte in Afrika aus Büchern italienisch, später russisch. In kurzer Zeit war er so weit, dass er sich verständigen konnte. In Neapel gingen wir zuerst in ein Musikgeschäft. Heinz setzte sich an einen Flügel und fing an, Beethoven zu spielen. Er hatte seit 1 1/2 Jahren an keinem Klavier gesessen. Er spielte großartig und alle hörten begeistert zu. In Italien gab es eine Warenhauskette, UPIM. Diese durchstreiften wir jeden Tag, ohne etwas zu kaufen. Das Personal waren hübsche, junge Mädchen. Dazu spielte in den Räumen Musik. Die Mädchen lachten uns an und wir lachten zurück. Es war schön, nach langen Monaten wieder so etwas zu sehen. Bei Fliegeralarm, wenn die Sirenen heulten, ging man in einen U-Bahnhof. Manche Neapolitaner hatten ihre Betten dort und verbrachten jede Nacht unter der Erde. Das Anfliegen von Neapel war für die Engländer von Malta aus einfach. Sie sahen schon von weitem den qualmenden Vesuv, nachts leuchtete die rote Lava.

Von Neapel fuhren wir mit nach Magdeburg zu unserer ErsAbt. Neben meinem Rucksack hatte ich einen Seesack mit 48 Konserven und Zigaretten für meinen Vater dabei. Alles erbeutet bei den Engländern. Der Seesack wog über 60 kg. In Magdeburg reichten wir zunächst Urlaub ein. Den hatten wir verdient. In 1 1/2 Jahren unseres Einsatzes in Afrika gab es nie Urlaub. Zwei Wochen wurden genehmigt. Ich wollte zuerst meine Großmutter in Göppingen besuchen. Mehrmals musste ich umsteigen, immer mit dem umfangreichen Gepäck. Das war natürlich für meine Großmutter, deren einziger Enkel ich war, eine Riesenfreude. Danach fuhr ich nach Ravensburg zu Eltern und Schwester. Ich packte meinen Seesack im Esszimmer aus. Vater, Mutter und Doris saßen im Wohnzimmer. Ich brachte die 48 Dosen einzeln zu ihnen. Das war ein Hallo. Leider passten meiner Schwester die Bemberg-Strümpfe nicht. Zufällig zog unsere Familie am letzten Tag meines Urlaubs um. Für die Umzugsleute kamen die vielen Zigaretten, die ich mitgebracht hatte, gerade recht. Ich schickte an meine Einheit ein Telegramm, vom Bürgermeisteramt bestätiget, dass wir umzögen. Ich bat um drei Tage Sonderurlaub und bezahlte auch die Rückantwort. Aber es kam keine. Ich musste daher wieder zurück. In Magdeburg sagte mir der HFw, mein Urlaub sei genehmigt, aber man hatte vergessen, das Telegramm abzusenden.

Wir neun waren als Funker und Fernsprecher ausgebildet. Aber wir kamen nicht auf die NachrSchule nach Halle, sondern auf die OffzSchule der Inf nach Hannover. Denn die Inf hatte in Russland wesentlich größere Verluste. Die Schule war ein moderner Komplex an der Autobahn nach Langenhagen. Wir wurden auf vier Inspektionen verteilt. Wir standen in einer Schlange, am Ende ein Tisch mit Offizieren. Einzeln mussten wir vortreten und wurden nun einer Insp zugewiesen. Wir neun wollten zusammenbleiben. Aber das ging leider nicht. Warum Kameraden in der Wehrmacht immer getrennt wurden? Ich kam in die 1. Insp, Hptm von Kalm (Zug OLt Steffen). Ich teilte mein Quartier mit W. Warnke aus Hamburg und K. Mönkemeier aus Hameln. Es bestand aus einem Arbeitszimmer mit Schreibtischen und Spinden und ein Schlafzimmer mit drei Betten, Waschbecken und Kleiderspinden. Die Schule war großzügig eingerichtet; so dass man sich wohlfühlen konnte: Kasino, Schwimmbad, Sportanlagen, Reithalle, selbst einen Billardraum gab es. Der Dienst war hart. 6 Uhr Wecken, Essen im Casino. Dann ging es Schlag auf Schlag: Unterricht, Turnen, Geländeübungen, Schwimmen usw. bis zum Abend. Einige waren Nichtschwimmer. Das hatte Folgen. Bei der ersten Schwimmstunde mussten alle auf das Dreimeterbrett. Dann hieß es: „Schwimmer springen links ins Wasser, Nichtschwimmer rechts." Der Schwimmlehrer hatte eine Art Angel. Wenn die Nichtschwimmer unter Wasser waren, holte er sie heraus. Er kündigte an, Nichtschwimmer müssten beim nächsten Schwimmen vom 10-m-Brett springen. Klar, dass sie abends ins Schwimmbad gingen und schwimmen lernten. Jeden Do war zusätzlich Nachtübung im Gelände bis 2 Uhr. Kein Wunder, wir waren dauernd müde. In der 2. Woche schlief Freund Willke bei einer Geländeübung in der Vahrenwalder Heide ein. Beim Abmarsch fehlte er. Wir schwärmten aus, um ihn zu suchen. Ausgerechnet unser Hptm fand ihn schlafend. Er hatte aber Verständnis und verdonnerte ihn nur, er solle ein Gedicht über den Schlaf machen. "Jawohl, Herr Hauptmann". Zu uns sagte Klaus, er könne so was nicht. „Ich mache das für Dich", erwiderte ich hilfsbereit. Mir ist nur der Anfang in Erinnerung:

Der Schlaf soll uns vor allen Dingen

Erholung nach der Arbeit bringen.

Und geh’n wir abends spät zur Ruh,

Deckt Morpheus uns mit Träumen zu ....

Es fand Anklang und hatte Folgen. Kurze Zeit später feierte der Taktik-Lehrer, Hptm Tilenius, Geburtstag. Unser Chef kam zu Willke und forderte ihn auf, für das Geburtstagskind ein Gedicht zu machen. Nun ging Klaus in die Offensive und bekannte, das Gedicht hätte ich gemacht und nicht er. Also erhielt ich den Auftrag. Da alle vier Wochen ein Abteilungsabend stattfand, musste ich dafür immer ein Gedicht über lustige Vorkommnisse fabrizieren. Als der Hptm mich einmal erinnerte, es sei wieder ein Gedicht fällig, sagte ich ihm, durch den vielen Unterrichtsstoff käme ich kaum zum Dichten. Darauf meinte er, ich dürfe einen halben Tag Urlaub nehmen. Das tat ich und legte den Urlaub immer auf den Do. Dadurch fiel für mich einmal im Monat die Nachtübung aus. Es hat mich aber bei einer Nachtübung doch erwischt. Ich musste gegen Mitternacht dringend austreten. Jeder Soldat hatte bei dieser Übung auch eine Gasmaske. Ich hängte meine an einen Baum und vergaß sie. Beim Heimmarsch merkte mein Hintermann, dass meine Maske fehlte. In der Dunkelheit rannte ich in den Wald zurück, fand tatsächlich meinen Behälter wieder, spurtete den Kameraden nach und reihte mich, vor der Kaserne, wieder in der Kolonne ein. Gemerkt hat es von den Vorgesetzten niemand.

Ein Lichtblick war der Besuch der Oper in Hannover. Einmal in der Woche konnten wir eine Aufführung besuchen. Ich als Musikbegeisterter ging natürlich hin. Die Hin- und Rückfahrt war sehr einfach. Ein Straßenbahnwagen wurde extra für die OffzSchule abgestellt. Er fuhr dann quer durch Hannover bis zur Oper. Einmal saß neben mir ein AusbOffz, Maj von der Kammer. Er hatte beide Unterschenkel verloren und ging auf Prothesen. In der Pause sah ich ein nettes Mädchen. Ich sprach sie an. Wir verabredeten uns nach der Oper. Als die Oper beendet war, sagte der Maj, ich könne mit ihm in seinem Pkw mit zurückfahren. Er wollte mir eine Freude machen. Ich wagte nicht, zu sagen, ich würde mich mit einem Mädchen treffen. So habe ich leider meine schöne Unbekannte nie wieder gesehen. Und noch etwas gab es: Der Schule gehörten am Steinhuder Meer zwei Häuser mit Segelbooten. Ich sah eines Tages einen Anschlag am Schwarzen Brett: Interessierte für Segeln, bitte melden bei ... Am nächsten Sa wurden wir mit einem Bus nach Steinhude verfrachtet. Mit von der Partie mehrere Offze. Uns erwartete ein Paradies. Zunächst gingen wir in ein Lokal Fisch essen. Das Wetter war gut und Wind wehte auch. Wir konnten nach Herzenslust segeln. Die Rückfahrt in die Kaserne geschah erst am Montagmorgen. Jedes Wochenende meldete ich mich wieder. So verbrachte ich einen herrlichen Sommer. Nach zwei Monaten wurde ich zum Fw befördert und zum Ende des Lehrgangs zum OFähnr. Ich bekam noch einmal Urlaub, den ich bei den Eltern verbrachte. Am Ende des Lehrgangs kamen wir auf den TrÜPl Bergen, um das in der Theorie Gelernte in die Praxis umzusetzen. Am 1.10.43 wurde ich Lt und unmittelbar danach ging es nach Russland. Wir von der NachrAbt 190 waren noch drei Tage in der Fallerslebertor Kaserne in Braunschweig, von dort ging es nach Odessa. Aber, ich hatte noch ein nettes Erlebnis: Was macht man am letzten Abend? Im Frühjahr lernte ich Inge kennen, als ich, aus Afrika kommend, drei Wochen in Magdeburg war. Also fuhr ich dorthin und wir besuchten ein Kino. Mit dem letzten Zug wollte ich nach Braunschweig zurück. Gerade als ich den Bahnhof betrete, heulen die Sirenen: Fliegeralarm. Im gleichen Augenblick erlischt die Beleuchtung. Es war 23 Uhr und stockdunkel. Ich tastete mich zu meinem Zug. Als Offz durfte man 1. Kl fahren, es gab aber nur 2. Kl. Kaum saß ich, als die Türe geöffnet wurde und eine Mädchenstimme fragte: „Ist hier 1. Klasse?" „Der Zug führt keine 1. Klasse", sagte ich „setzen Sie sich zu mir." Hilfsbereit tastete ich mich an die Türe, nahm das Mädchen an der Hand und führte es zu meinem Platz. „Wo fahren Sie hin?", wollte ich wissen. „Nach Niederndodeleben." „Wo ist das?" „Die nächste Station, 12 Min Fahrzeit". Kurz darauf fährt der Zug. Als wir an einem Licht vorbeifahren, blicke ich das Mädchen an und es schaut mich an; es ist bildhübsch. Ich denke an meinen Vater. Er sprach manchmal von der Sünde und zwar von der Unterlassungssünde. Was er damit meinte, steht in einem kleinen Gedicht:

Die Tugend will nicht immer passen,

Im Ganzen lässt sie etwas kalt,

Und dass man eine unterlassen

Das vergisst man bald.

 

Schmerzlich denkt manch alter Knaster,

Der von vergang’nen Zeiten träumt,

An die Gelegenheit zum Laster

Die er leider hat versäumt.

 

Damit mir dies nicht passierte, habe ich das Mädchen in die Arme genommen. Sie machte mit. Wir küssten uns 12 Min ohne Pause, bis der Zug in Niederndodeleben einfuhr. Dort sprang ich die Treppe des Wagens hinunter, reichte ihr die Hand, half ihr herab. Sofort nahmen wir uns wieder in die Arme und küssten weiter. Der Zugführer nahm an, wir seien ausgestiegen. Er pfifft und fuhr los. Mit einem Auge schielte ich nach dem Zug. Als der letzte Wagen vorüber kam, riss ich mich los und sprang mit einem Satz auf das Trittbrett. Ein letztes Winken, dann verschwand sie in der Nacht. Sie hieß Erika. Wir haben uns nie wieder gesehen.

Am anderen Tag fuhren wir „Afrikaner" dem Abenteuer Russland entgegen, drei Tage nach Odessa. Dort kamen wir zur FührerRes der HGr Süd. Dutzende Offz aller Dienstgrade warteten auf ihren Einsatz. Wenn an der Front viele Verluste waren, wurden sie aus unserem „Haufen" wieder aufgefüllt. Odessa gefiel uns. Wir hatten wenig Dienste, nachmittags meist frei. Wir besuchten das deutsche Kino oder das Soldatenheim. Das Essen dort war reichlich und billig. Als Opernliebhaber war es für mich großartig, dass für uns dort immer eine Loge reserviert war. Oft besuchte ich die Aufführungen. Herrliche Inszenierungen ließen mich den Krieg vergessen.

Kornberger, mein Freund, ging in die Musikhochschule und konnte dort auf einem Flügel spielen. Ich besuchte ihn öfter. 2 ½ Wochen blieben wir. Vier Tage vorher lernte ich Ursula kennen. Es war immer das Gleiche: Kurz vor einer Versetzung traf man ein hübsches Mädchen. Ich ging an einem Abend ins Kino, etwas verspätet. Fast alle Plätze waren besetzt. Ich fand noch einen Platz, neben einer Rote-Kreuz-Schwester, die mir gut gefiel. Wir kamen ins Gespräch. Sie war Buchhändlerin und jetzt OP-Schwester bei einem Augenarzt. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag zum Essen ins Soldatenheim. Dann führte ich sie zu Heinz ins Konservatorium. Wir hörten ihn spielen. Ursula war genau so verzaubert wie ich. Spät am Abend brachte ich sie zu ihrer Unterkunft. Sie küsste wunderbar. Drei Tage immer die gleiche Reihenfolge: Abendessen, Heinz und der Garten bei Ursulas Lazarett. Am letzten Abend hatte ich mich gegen 2 Uhr verabschiedet. Ich kam in die Unterkunft und fand die Kam beim Packen. „Was ist los?" fragte ich. „Um 4 Uhr geht unser Zug an die Front", war die Antwort. Ursula zu benachrichtigen war nicht möglich. Zum Glück kannte ich ihre FPNr. Aber es dauerte 10 Tage, bis mein Brief sie erreichte. Sie schrieb, als ich zum Treffpunkt nicht gekommen wäre, sei sie zur Musikschule gegangen. Dort fragte sie nach den dt Offz. Aber es hieß: "Nix Offiziere." Da wusste sie, dass ich nicht mehr in Odessa war.

Ein Leutnant in Odessas Mauern,

Beschloss, um nicht zu versauern,

Am Abend in die Stadt zu geh’n,

Um einen Film sich anzuseh’n.

Da er jedoch zu lang gesessen

Im Speisesaal beim Abendessen,

Bot sich ihm solche Fülle dar,

Dass nicht ein Platz zu finden war.

 

Vergebens schweift sein Blick im Saale.

Da plötzlich hat mit einem Male

Ein Mädchen nun sein Aug entdeckt,

Die gleich sein Interesse weckt.

 

Und noch ein Umstand sehr von Nutzen

Lässt unsern Leutnant nicht lang stutzen.

Denn neben ihr, da lädt wie fein,

Ein freier Platz zum Sitzen ein.

 

Als die Erlaubnis er bekommen,

Hat er auch gleich dort Platz genommen.

Und alsbald fängt er ohne Zaudern

Ganz harmlos an, mit ihr zu plaudern.

 

Man spricht von Filmen, Büchern, Reisen,

Von Afrika, dem fernen, heißen,

Und nicht zuletzt wird dann genannt

Das alte schöne Schwabenland.

Den Namen einer kleinen Stadt,

Die es besonders in sich hat,

Es hört man immer wieder klingen,

Der Bodensee und Überlingen.

 

Das Licht geht an, der Film ist aus,

Die Menge strömet nun nach Haus,

Der Leutnant sich durch Landser zwängt

Wird von der Schwester weggedrängt.

Als vor der Tür sie ihn erwartet

Er sogleich nen Angriff startet.

Mein Fräulein, spricht er, wird es geh’n,

Dann bitt ich um ein Wiedersehen.

 

Am andern Tag stand er allein

Um Viertel Sechs beim Stelldichein.

Der Werner war ganz pünktlich da,

Doch wer nicht kam, war Ursula.

 

Als er um Halb wollt wieder gehen,

Sah er sie plötzlich vor sich stehen.

Und lächelnd sagt sie ihm ins Ohr,

Ich glaube, Ihre Uhr geht vor.

 

An diesem Tag sah man die beiden

Durch Alt-Odessas Straßen schreiten.

Und Werner, der die Stadt erklärt,

Als Fremdenführer sich bewährt.

 

Am Flügel Heinz, der Pianist,

Wie immer Meisterklasse ist.

Er zaubert nun in unserm Ohr

Die Wunderwelt der Töne vor.

 

Beschwingt und froh von der Musik

Kehrt man am Schluss nach Haus zurück.

Und leise lächelnd schläft man ein.

Der Abend konnt’ nicht schöner sein.

 

Es war ein trüber Tag, als wir über Nikolajew ins Landesinnere fuhren. In Kriwoi Rog hatten wir ein paar Std Aufenthalt. Wir waren vier Offze und lernten Ludmilla kennen. Sie nahm uns mit nach Hause und bot uns Tee an. Dann fing sie an zu singen. Einen Schlager, der damals überall zu hören war: „Ich tanze mit Dir in den Himmel hinein." Aber sie sang nicht Himmel, sondern Kimmel. „Ludmilla", sagten wir „das heißt nicht Kimmel, sondern Himmel." Aber sie glaubte uns nicht. Ihre Antwort: „Ich hatte einen Fw-Freund., der hat mir das Lied gelernt. Der sang immer Kimmel, nicht Himmel, ihr wollt mich nur ärgern."

Wir bestiegen am anderen Morgen einen Bus, der sollte uns nach Apostolowo fahren. Für die 28 km benötigten wir einen ganzen Tag. Die Straße war durch Regenfälle aufgeweicht, immer wieder mussten wir aussteigen und den Wagen schieben. Ein Vorgeschmack für unseren Einsatz,. In Apostolowo verbrachten wir eine Nacht und wir aus Afrika waren zum letzten Mal zusammen. Heinz, Erhard und ich kamen für drei Wochen als AusbOffze in die ArmeeWaflfSchule nach Ingulez. Ich übernahm die 2. Kp, zu der gehörte ein Soldat, der später sehr bekannt wurde: Peter Frankenfeld. Theoretisch war ich sein Chef, aber nur theoretisch. Denn er war von Gen Ranft freigestellt. Er kam vom Kabarett der Komiker in Berlin und hatte die Aufgabe, jeden Sa einen Bunten Abend auf die Beine zu stellen. Das machte er hervorragend. Er war ein Multitalent, führte Sketche auf, brachte Parodien, sang und zauberte. Besonders in Dialekten war er einzigartig. Es wurde immer ein 2-Std-Programm. Eine Glanznummer war eine bildhübsche Sängerin: Nadja Ivanova. Sie sang nicht nur gut, sondern spielte auch in Peters Sketchen seine Partnerin. Natürlich waren alle scharf auf das Mädchen. Aber unter der Woche sah man sie nie. Niemand wusste, wo sie sich aufhielt. Sicher war sie Peters Freundin und er sorgte dafür, dass er sie mit niemand teilen musste. In den 70er Jahren brachte Frankenfeld die Fernsehsendung "Vergissmeinnicht". Und einmal tauchte darin seine frühere Freundin auf. Er kündigte sie an als Nadja Ivanov. Also ohne "a" am Schluss: Unverkennbar, es war die gleiche wie in Ingulez. Ich wollte Peter schreiben, verschob es aber immer wieder. Er starb relativ jung. Dann war es zu spät für einen Brief. Aber ein Gedicht von Frankenfeld bewahre ich heute noch auf. Er gab es mir in Ingulez:

"Der Infanterist"

Die höchste Gunst im Publikum,

Die hat der U-Bootfahrer.

Bei dem gemeinen Infanterist

Da ist die Gunst schon rarer.

 

Auch preist man sehr der Flieger Schar,

Die hoch die Luft durchkreisen.

Doch den gemeinen Infanterist

Will keiner richtig preisen.

 

Da steht er, das Gesicht verschmiert,

Zwölf Tage nicht gewaschen,

Die Wangen hohl, der Magen leer,

Kein Vorrat in den Taschen.

 

Dazu trägt er noch sein Gepäck,

Im Koppel Handgranaten,

Das Schanzzeug und 2 Taschen dick

Mit Munition beladen.

 

Kurz, alles was der Mann gebraucht

Das trägt er auf dem Rücken.

Und hat er einmal schlapp gemacht,

Dann heißt’ s, er will sich drücken.

 

Er fährt auf keiner Protze mit

Und Flügel hat er keine.

Er ist ja nur ein Infanterist,

Ihn tragen seine Beine.

 

Hut ab vor diesem Held im Dreck,

Ihr braucht Euch nicht zu schämen.

Mit Stolz könnt Ihr, reicht er sie Euch,

Die schmutz`ge Pfote nehmen.

 

Nach Wochen kam ich in den heftig umkämpften Brückenkopf Nikopol, am Dnjepr. Bei Schewschenko übernahm ich eine Einheit, die durch die Kämpfe der vergangenen Tage total zusammengeschlagen war. Man drückte mir eine Stärkemeldung in die Hand: 2 Uffze und 23 Mann waren von einem Btl geblieben, also 25 von 600. Ich merkte bald, dass zwischen Afrika und Russland gewaltige Unterschiede waren. In Afrika gab es keine Front in Form von Grabenbefestigungen. Nur Tobruk hatte ein Grabensystem. Sonst war es wie im Krieg auf dem Meer. Die Kampfgruppen kurvten in der Wüste umher. In Russland war Stellungskrieg. Ich blieb zwei Monate im Brückenkopf. In der ersten Nacht schaufelte ich mit Hilfe eines Soldaten ein Loch, so gut es ging. Viel Handwerkszeuge hatten wir nicht. Der Boden war ziemlich hart. Das Loch blieb für die nächsten Tage meine Behausung. Meine Männer gruben ihre Löcher 50 m vor mir. Tagsüber konnte man aus seinem Loch nicht heraus. Der Russe hatte sich gegenüber eingegraben und schoss auf alles, was sich bewegte. Eines Tages, bei Dämmerung, wollte ich mich ein wenig ausstrecken. Kaum hatte ich den Kopf aus meinem Loch heraus, pfiff eine Kugel haarscharf vorbei. Ping machte es. Man konnte die Kugel deutlich hören. Ich wartete einige Min und versuchte dann wieder, mein Loch zu verlassen. Weder machte es Ping. Ich beschloss zu warten, bis es dunkler war. Dann hörte ich eine Stimme: "Herr Leutnant, leben Sie noch?" Was war geschehen? Ich hatte einen außergewöhnlich tüchtigen Uffz, Harms aus Hannover, der war Amateurboxer. Er wollte auch bei Dämmerung aus seinem Loch. Da sah er, wie ein Soldat in seiner Nähe auf mich zielte. Harms rief ihm zu: „Was machen Sie denn da?" Und erhielt zur Antwort: „Herr Unteroffizier, kommen Sie schnell, da hinten ist ein Russ." Der angebliche Russe war also ich. Der Schütze, ein Oberschlesier, wir nannten ihn Prokop. Harms rannte zu Prokop, riss ihm das Gewehr aus der Hand und sagte: „Sie schießen ja auf unseren Leutnant." Dann rief er mir zu, ob ich noch lebte. Mir war nichts passiert. Aber Prokop hatte tatsächlich auf mich gefeuert. Als ich ihn zur Rede stellte, meinte er treuherzig: „Ach, Herr Leutnant, ich treff ja nicht bei jedem Schuss."

Wochen später hatte ich mit Prokop noch ein Erlebnis: Mein Abschnitt war durch ein kleines Flüsschen getrennt. 3/4 der Kp waren auf der einen, der Rest auf der anderen Seite. Die Russen versuchten mehrfach, uns auszuheben. Pi verminten dann diesen Abschnitt. Da dies vor der Front bei Nacht durchgeführt wurde und sie nicht gefährdet werden sollten, ließ ich in die Erde Pflöcke hauen, die den Gewehrschützen signalisierten, links oder rechts von diesen Pflöcken dürft ihr auf nichts schießen. Prokop richtete sich nicht nach Pflöcken. Er schoss nach allem, was er sah, auch nach den Pi. Ich musste ihm das Gewehr abnehmen und ihn zum Tross schicken.

Ein gewaltiger Unterschied gegenüber Afrika: dort hatten wir meist angenehme Temperaturen. In Russland fiel das Thermometer unter –30°. Was uns fehlte, war Winterbekleidung. Wir wurden ohne Winterausrüstung nach Russland geschickt. Natürlich hatte jeder einen Mantel. Aber der war feldgrau. Er hob sich vom Schnee gut ab. Ich erhielt dann einen weißen Tarnanzug. Mein Spieß brachte ihn mir. Woher er stammte, habe ich nicht gefragt. Vermutlich von einem Gefallenen. Es kam laufend Nachschub von neuen Soldaten. Nach zwei Wochen erschien ein weiterer Lt namens Probst. Ich führte dann die 1./GR 117, Lt Probst die 2. DivKdr war Gen Recknagel, RgtKdr Oberst Oppermann und mein Btl führte Maj Manzer. Die Pi bauten einen „schmalen“ Steg über den Fluss, 50 m breit, ohne Geländer. Jeden Abend, wenn ich meine Kp inspizierte, musste ich darüber. Bei Schneefall oder Eisregen war es sehr glatt und ich musste aufpassen, nicht ins Wasser zu fallen. Russ Stoßtrupps versuchten immer wieder, in unsere Stellung einzudringen. Dann war die Hölle los. In Grabenkämpfen warfen wir den Gegner wieder hinaus. Einmal kam der Gegner-Angriff nachts. Wir bemerkten es rechtzeitig, am Morgen lagen dann sechs tote Russen im Wasser. Verpflegung erhielten wir erst gegen 22 Uhr. Unser Tross lag 14 km rückwärts. Sie fuhren nach Beginn der Dunkelheit mit einem Panjewagen los. Nach Std erreichten sie uns. In einer kleinen Senke, 200 m von meinem Gefechtstand, war Halt und die Essensträger gingen los. Die Verpflegung war dürftig. Durch den langen Weg war es kalt. Es gab meist Suppe mit Dörrgemüse, Wursteinlage und Kartoffeln. Zum Trinken gab es eine Feldflasche dünnen Kaffee. Mehrere Mann teilten sich ein Brot, dann noch etwas Marmelade, Käse oder Wurst. Hunger hatten wir immer.

Ein KpChef braucht einen KpTrupp. Sehr bald konnte ich diesen Trupp zusammenstellen. Vom Urlaub zurück kam Uffz Thomas. Ein Pfundskerl. Dann kamen aus Urlaub bzw Lazarett die OGfr Kuhfuß und Behrendt. Die Drei bildeten meinen KpTrupp. Thomas und Behrendt sind später gefallen. Kuhfuß war ein heiterer Mensch. Jeden Morgen sagte er, nachdem er die Lage erkundet hatte: „Die Sonne scheint und schießen tun die auch wieder." Dass die Sonne schien, war für ihn das Wichtigste. Einmal krachte eine Granate neben mir in das zerschossene Haus, riss ein Loch in den Boden und detonierte. Ich kroch in das Loch und gelangte in den Keller des Hauses. Zu meiner Freude fand ich einen Sack Mehl. Wir haben es mit Wasser angefeuchtet und ohne sonstige Zutaten einen Teig geknetet und gebacken. Es schmeckte wunderbar. Weihnachten sollte jeder einen Christstollen bekommen. Während der Essensausgabe fing die russ Art an zu schießen. Der Verpflegungswagen erhielt einen Volltreffer. Zum Glück gab es nur Leichtverletzte. Aber die Christstollen waren weg. Mit der Verpflegung erhielten wir auch die heiß ersehnte Post. Der Briefverkehr in die Heimat funktionierte. Wenn man die FPNr wusste, konnte man auch Kam an der Front schreiben. So konnten Kornberger und ich Briefe wechseln. Er lag ebenfalls im Brückenkopf. Den genauen Ort durfte er nicht mitteilen. Heinz, mit dem ich in der NachrKp 190 über 14 Monate in Afrika verbrachte, fiel im Febr 44.