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Abschiedsbrief eines Unteroffiziers und Beobachters in Afrika

Vorwort:
Als ich diesen Brief das erste Mal las, war ich schockiert und überrascht zugleich. Schockiert über die Tatsache, wie klar dieser Mann seine Chance vor sich sah, als Flieger den Krieg zu überleben und überrascht über die Denkweise - lies er doch diesen Brief bereits in Amsterdam drucktechnisch aufsetzen. Dieser Brief zeigt deutlich, was damals gedacht, gefühlt und gesagt wurde und wie sich dieses im Laufe der Zeit änderte. Für die heutige Zeit sehr erschütternd wirkend, war es damals alltägliches Handeln.
"Nach dem Tode abzuschicken" Amsterdam, am Vorabend Maria Lichtmeß

Meine Lieben!

Nicht zu Beginn dieses Feldzuges schreibe ich diesen Brief - da war ich noch zu sehr in "romantischen" Denken und Träumen befangen - sondern nachdem eineinhalb Jahre Krieg als reales und aufrüttelndes Erlebnis mich geformt haben. Abschied will ich hierin nehmen von allem, was von Bedeutung für mich gewesen ist: Von lieben Menschen und Gedanken, Zielen und Sehnsüchten. Mein Leben vollzog sich in so großer Zeit, dass ich dem Herrgott nie genug für diese Gnade danken kann.

Als erstes, meine Lieben, meine Freunde und Kameraden, sollt ihr alle wissen, dass mein Tod mich nicht unvorbereitet und plötzlich trifft. Ich bin seit langem mit ihm einig geworden, und wenn er nun kommt, so kommt er als mein Freund und Vertrauter, der mir lange zur Seite ging und so oft Nachsicht übte, damit ich mich noch besser bereite. Wenn er Euch traurig und nachdenklich macht - ich versteh es wohl -, so seid doch gewiß, dass er mir nicht schrecklich war und dass ich in ihm die Krönung und Vollendung meines Lebens gefunden habe:

"Eine größere Liebe hat keiner, als wer sein Leben gern gibt für die, die er liebt!"

Liebe zu Gott und den Menschen war das Programm meines ganzen Lebens, und in Gott und für meine Freunde zu sterben, ist meine höchste Freude und Lebenserfüllung. Darum seid froh mit mir, und laßt die Freude die Trauer besiegen. Dankt dem Herrgott, dass Er mich den Kampf kämpfen ließ, und bittet für mich, dass Er mich in den Schoß Seiner alles umfassenden Liebe aufnimmt.

Eurer, meine lieben Eltern, möchte ich zuerst zum letzten Mal gedenken. Von Euch hatte ich alles, was ich war und besaß ... unendliches Glück zu sein und zu leben, ewig, unauslöschlich! ... Ihr gabt mir mit auf den Weg das Beste und Schönste, was ein neuer, junger Mensch mit ins Leben hinausnehmen kann: die Ehrfurcht vor Gott und den Menschen, den Adel einer menschlichen Herzensbildung, die grenzenlose Weite des Verstehens aller menschlichen Arbeit und Bemühung in ihrer Größe und Schwäche. "Den guten Menschen" habt Ihr mir eingeflößt durch Euer Sein, wie schweren, alten Wein, der ins Blut geht ... (Und wie oft wiesest Du, mein Vater, mir den Weg zur Seele und zum Leib unseres Volkes und Vaterlandes!) Ihr sollt stolz auf mich sein dürfen. Der Herrgott möge Euch alles vergelten, was Ihr Gutes und Liebes an mir getan habt ...

Ihr meine Kameraden von der Fliegerei. Ihr vielen, die Ihr mir schon vorausgegangen seid, und Ihr, die Ihr noch lebt: Wunderbar und groß war die Zeit, die dieser Krieg uns zusammen erleben ließ. Nirgendwo gab es solche Kameradschaft wie unter uns Soldaten der Luft in schweren und auch in ausgelassenen Stunden. Im Leben und auch im Tode eine zusammengeschweißte Gemeinschaft. Stolz waren wir als Flieger, und unser Fliegertod schien uns nie der Schlechteste. - "Wir sanken hin für Deutschlands Glanz, blüh - Deutschland, uns als Totenkranz!" Lebt alle wohl, wir seh´n uns wieder, denn "Herrgott, der im Himmel ist, liebt die Treue der jungen Soldaten".

Ihr, meine Freunde ... und noch so mancher andere Freund. Lehrer und Führer, wie wird mein Herz froh und weit, wenn ich an Euch denke, Kampfgefährten, Fahrtenbrüder, Herzensfreunde! Ihr weint nicht über meinen Tod, ich weiß es. Solches Leben, solche Stunden, solch glühendes Wollen und begeistertes Streben, solche Schönheit der Erde, wie wir sie erlebten - ist der Tod ein zu hoher Preis dafür? Er ist der königliche Abglanz eines unverdient gnadenvollen Lebens. So seid gefasst und innerlich gesammelt und von Herzen froh, wenn Ihr dies Letzte von mir in Händen haltet. Ich ging von Euch und habe bis zuletzt gerungen um das Bild unserer Welt und unseres Lebenswerkes. Ich habe es nicht zu Ende gebracht, es ist in unserer Zeit eine Herkules-Arbeit, aber wir mußten es irgendwann keimhaft grundlegen und daran bauen als Studenten, als Priester, als Werkmann im täglichen Leben. Himmel und Erde sind in Erschütterung geraten, und die Geburtswehen des neuen Zeitalters treiben dem Höhepunkt zu. Baut im Kleinen, wenn Euch das Große noch nicht gelingen will. Baut mitten hindurch durch die Wolkenbrüche der Tagesgeschichte, baut mit unerschütterlichem Vertrauen auf die Sendung Gottes, dessen Werkzeug wir sind zu noch unbekanntem Werk. Baut in Unbekümmerlichkeit und Selbstvertrauen, sammelt im Stillen die lautere und fruchtbare Substanz, das sie da sei, wenn die verkrampfte und hochmütige Welt sie braucht. Wie haben wir uns begeistert an den Idealen unserer Sänger und Dichter und Künstler, der wahren Bewahrer und Stillen im Lande. Wie waren wir damals maßlos entschlossen zu allem Heiligen und Großen, allem Menschenwürdigem und Geistigkeit, aller Begeisterung, Güte und Liebe!

"Seid glühenden Geistes!"

Meine Brüder, setzt fort, was ich nicht mehr konnte: Macht den Menschen wieder zum Ebenbild Gottes, macht ihn frei und zum Helden in Gott, nehmt ihm die Maske des Raubtieres und der Gier.

Wir sind hinausgezogen für unser Volk, jeden Blutstropfen haben wir ihm geschenkt, dass es wachsen kann an Leib und Seele. Unser Herz, unsere Liebe, unseren Geist haben wir ihm gegeben, denn es ist der Raum und die Quelle unserer Kraft. Wer weiß davon? Ihr, nur Ihr wisst es in Stolz und Trauer. Hütet und pflegt die Saat, werdet nie hart und kalt. Liebt die, die Eure Liebe nicht wollen, macht unser Volk zum starken und freien Gottesvolk, steht als Mensch unter Menschen, als Kamerad unter Kameraden...

So habt denn Dank für alle schönen Stunden, die ihr mir geschenkt. Ich war durch Euch so reich und groß. Ihr wart meine Pfeiler zu meinem besseren Ich, Ihr wart mir Freunde in goldener Treue und unwandelbaren Herzen. Beruhigt gehe ich, wenn ich Euch leben weiß.

Nun Ihr alle, betet für mich zu Gott. Ein armer, sündiger Mensch bin ich und der Sünde reichen Sold gezahlt. So sei Gott mir armem Sünder gnädig.

Dann aber hoffe ich auf das ewige Leben in glühender Liebe und unausprechlicher Herrlichkeit. Komm, Herr Jesus! Kommt Ihr alle, meine Guten und Lieben, kommt in die Seligkeit, die Gott, unser Vater, uns bereitet hat!

Lebt wohl, auf Wiedersehen!

Euer aller Paul