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Bericht des Hauptfeldwebel Wendt über den deutschen Gegenangriff im Rahmen des britischen Unternehmens "Battleaxe"

In den frühen Morgenstunden des 16. Juni 1941 wurde das Panzerregiment 5 erstmalig zum Angriff gegen die englischen Stellungen in Richtung Sidi Omar eingesetzt. Nach kurzer Feindberührung kam der Befehl zum Absetzen. Ich hatte den I. Zug an den von seiner Verwundung ausgeheilten und zurückgekehrten Leutnant Kästner abgeben müssen und fuhr in diesem Zug als Gruppenführer mit. Es mag gegen 11.00 Uhr gewesen sein, als ein weiterer Angriff befohlen wurde. Auch dieser wurde nach kurzer Gefechtsberührung wieder abgeblasen. Es erfolgte wieder die Absetzung vom Feind, um sich wieder in Lauerstellung in glühender Hitze bereit zu halten. Kein Baum, kein Strauch, aber Sonne, dreimal Sonne! Die Konturen der Feindfahrzeuge wurden durch das Flimmern in der Hitze derartig verwischt, so daß man manchmal nicht unterscheiden konnte, mit welchen Typ eines Fahrzeuges man es vor sich zu tun hatte. In den Nachmittagsstunden, es mag gegen 16.00 Uhr gewesen sein, wurde das Regiment erneut zum Angriff befohlen. Unsere 5. Kompanie wurde in der Mitte der Abteilung in breiter Front angreifend, der I. Zug in der Mitte der Kompanie, eingesetzt. Mein Zugführer, Leutnant Kästner, mußte sich nach hinten absetzen, da sein Panzer nicht einsatzbereit war. Der Kompaniechef übergab mir wieder die Führung des Zuges und fluchte wie selten über das etwas zu zögernde Angreifen der Kompanie. Ich griff nun mit meinem Zug zügig an und konnte bei Schießhalten mehrere Feindpanzer außer Gefecht setzen. Mit dem Elan meiner gut eingespielten Besatzung ging es in rasender Fahrt frontal auf den, wie ein schwimmender Verband fast querab gegen uns eingesetzten englischen Feind. Ich legte immer wieder kurze Schießhalte ein, in denen mein Richtschütze Tommi jeweils mehrere Panzer abschoß, um so den Angriff des Feindes abzuwehren. Den letzten Schießhalt machten wir auf etwa 400m vom Feind entfernt. Ich konnte beobachten, dass der Feind sich fluchtartig nach rückwarts in Bewegung setzte. Ich stieß mit meinem Panzer sofort nach, um ihm auf den Fersen zu bleiben. Das gegnerische Abwehrfeuer konzentrierte sich besonders auf meinen Panzer. Ich hatte gerade meinem Richtschützen den Befehl gegeben, nun selbst während der Fahrt zu schießen, da sah ich, dass das Rohr meiner Kanone (5cm lang) etwa in der Mitte einen erheblichen Knick hatte. Jetzt schüttelte ich meinen Richtschützen, am Kragen gepackt, nicht zu schießen, um einen Rohrkrepierer zu vermeiden. Wir fuhren aber trotzdem weiter. Jetzt erfolgte ein Treffer einer englischen Pak auf meinem Panzer mit einem Vollgeschoß, das die Panzerung durchschlug. Ich hatte in der Aufregung gar nicht mitbekommen, dass ich im Panzer Verwundete hatte. Erst das langsame Fahren und letztlich das Stehenbleiben meines Panzers war für mich das Signal, dass etwas passiert sein müsste. Ich sprach sofort meine Besatzung allgemein an: "Ist etwas passiert?" Da ich darauf keine Antwort erhielt, sprach ich jeden Einzelnen an: "Tommi, ist was passiert?" Er klagte: "Au, meine Hände, meine Beine tun so weh!" Dem Funker und dem Ladeschützen war nichts passiert, aber unser treuer braver Fahrer, Opi, sagte kein Wort. Ich sprang sofort aus dem Turmluk, um den Richtschützen aus dem Panzer zu bergen und ihn verbinden zu können. Der Funker und der Ladeschütze waren mir dabei behilflich. Während ich beim Verbinden war, fragte ich den Funker, Hagedorn "Was ist eigentlich mit Opi?" Er überzeugte sich und meldete: "Opi sagt kein Wort mehr, er ist tot." Wütend antwortete ich darauf "Quatsch, der Opi kann und darf nicht tot sein, hast du überhaupt seinen Puls gefühlt?" "Nein, ich sehe gleich noch einmal nach!" Die Feststellung ergab, dass er nicht tot war. Mein Befehl lautete, sofort den Gurt klar machen, damit wir Opi bergen können. Nachdem dies geschehen war, erschien plötzlich mein Kommandeur, Major Köhn, und fragte "Mensch, Wendt, was ist denn los?" Ich fluchte und sagte dem Kommandeur "Ich habe zwei Verwundete im Wagen." "Ja, Wendt, Sie haben es aber geschafft. Wir sind durch! Ich rufe sofort den Arzt per Funk." Der Arzt war ganz kurzfristig bei uns und übernahm die Versorgung der beiden Schwerverwundeten. Er mußte den von mir angelegten Verband wieder lösen, weil ich mit primitivsten Mitteln (Stuhlbein) geschient hatte. Bei der Versorgung des Unteroffiziers Thom sagte er dann so beiläufig "Nun mach mal das Bein schön gerade, damit ich die Schiene richtig anlegen kann; das tut ja nicht weh!" Darauf Unteroffizier Thom: "Ja, Herr Oberarzt, wenn ich Winnetou wäre, dann hätte ich keine Schmerzen. Ich bin aber nicht Winnetou." Dabei sah er seinen Kampfgefährten Opi auf der Trage liegen und bat den Oberarzt: "Verbinden Sie doch bitte erst unseren Opi, denn der ist ja viel schwerer verwundet als ich." Diese Geste war ein derartiger tiefer Ausdruck der Kameradschaft, dass sie mir als Erlebnis unvergessen bleiben wird. Ich musste mich abwenden, da dieses Erlebnis mein Inneres dermaßen aufwühlte, so dass ich mich der Tränen nicht erwehren konnte. Nach der Versorgung gingen beide in einem Transport in ein Lazarett. Beide wurden voll geheilt. Diese Erfolge waren nur möglich mit einer so wunderbar aufeinander eingespielten Besatzung, die einander vertraute mit dem Bewußtsein, dass nur eine gute Kampfgemeinschaft den Erfolg erringt. Nachdem die Sollumschlacht entschieden war, wurde ich gefragt, ob ich den Befehl zum Absetzen vom Feinde nicht per Funk gehört hätte. Diese Frage musste ich mit nein beantworten. Auch mein Funker Hagedorn hatte den Befehl nicht gehört. Dies ist auch die Erklärung dafür, dass ich mit meinem Panzer weit abgesetzt von der Kompanie allein in den Gegner vorgestoßen bin. ... Ich denke an die Worte meines Richtschützen, Unteroffizier Thom, der einmal im Panzer zu mir aufblickte und sagte: "Herr Hauptfeldwebel, ich habe ja so viel Angst. Aber wenn ich Sie sehe, dann habe ich keine Angst mehr." Meine Gedanken aber waren: "Lieber Tommie, wenn du wüßtest, welche Angst und wie oft ich schon Angst gehabt habe, dann wäre dein Vertrauen zu mir sicher verloren. Aber so ist es eben. Man muß sich in Situationen, wo es um Sein oder Nichtsein geht, derartig in der Gewalt und in Tucht haben, dass es manchmal hätte schier die Nerven zersprengen können."

Quelle: Bernd Hartmann - Die Geschichte des Panzerregiment 05