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Bericht des Oberleutnant Harald Kuhn, Kompaniechef im Panzerregiment 05, über das Leben in der Wüste

Ihr Lieben in der Heimat! Was mögt Ihr Euch für Vorstellungen machen vom Leben und Treiben Eurer Männer in Libyen? Ich schilderte anfangs die Illusionen, mit denen wir nach Süden zogen, und wie sie uns im wahrsten Sinne des Wortes weggeblasen wurden. Nur wenige werden unter Euch sein, die sich aus dem gefärbten Berichten der Kriegsberichter und den brieflichen Schilderungen unserer Kameraden hier ein Bild machen können, das auch nur annähernd der Wirklichkeit entspricht. Fragt einen Angehörigen des DAK nach einigen Jahren, welche EIndrücke ihm am lebendigsten geblieben sind; trotz der glücklichen Eigenschaft des Menschen, Unerfreuliches bald aus seinem Erinnern zu verlieren, würde er antworten: Sandstürme, quälende Fliegenschwärme und trostlose Eintönigkeit.

Alles wahrlich keine geeigneten Fotoobjekte für Kriegsberichter!

Also bekommt ihr Bilder von Palmenhainen, Oasen, Kamelen, Eseln, Arabern oder Bilder aus Tripolis, Bengasi oder Derna vorgesetzt und meint, das sei unsere Welt. Weit gefehlt! All das sieht der kämpfende Soldat nicht oder erst nach Monaten, wenn ein günstiger oder ungünstiger Umstand ihn ins rückwärtige Gebiet führt. Für ihn bedeutet jeder Tag Kampf gegen die Widrigkeiten dieses Landes und fordert immer von Neuem ein hohes Maß an Selbstüberwindung...

...nur die Abende bringen Erholung, wenn der Sturm einschläft, die Fliegen sich setzen, die Temperatur erträglich wird und sich über uns der klare Himmel mit ungezählten Sternen wölbt. Dann suchen die Augen das Siebengestirn, das uns Tausende von Kilometern mit Euch verbindet, und ruhige, friedliche, sehnsüchtige Gedanken erwachen in der unermeßlichen Stille um uns her. Diese Abende allerdings wollen wir genauso wenig vergessen wie die Unbilden des Tages.

Unsern erbittertsten Feind in der Natur beschrieb ich schon, den Sandsturm. Der richtige Ghibli ist im Verhältnis zum gewöhnlichen Sandsturm selten. Er unterscheidet sich durch seine Richtung. Vom Süden kommend ist er bis zu 60 Grad heiß und erreicht wesentlich größere Höhen. Wenn den ganzen Tag der Ghibli weht, kann es geschehen, dass er gegen Abend plötzlich die Richtung ändert, und damit die Temperatur in wenigen Minuten um viele Grade absinkt. Sandstürme machen oft die Sicht über 2 bis 3 Meter auch am hellen Tage unmöglich. Daher sind Kampfhandlungen weitestgehend von ihnen abhängig. Es gibt keinen Schutz gegen den Sand, auch nicht in unseren Zelten, wie es in Zeitungen der Heimat zu lesen ist.

Und wenn kein Sandsturm bläst, - die schlimmsten Stürme gehen im Mai zu Ende, - dann plagt uns die Hitze. Zur Mittagszeit ruht jede Tätigkeit. Selbst an Kampftagen geht es gegen Mittag ruhiger zu. Unsere Wetterfrösche haben schon Temperaturen bis zu 75 Grad gemessen. Eisenteile werden so heiß, dass man sie nicht anfassen kann und auch die unermüdlichen Instandsetzungsdienste müssen ruhen. Ja, es ist auch schon vorgekommen, dass Kleidungsstücke, zum Trocknen auf den Panzer gelegt, verkohlt sind. Später in der Heimat sah ich in einer Wochenschau, wie Soldaten sich auf dem sonnendurchglühten Panzer Spiegeleier brieten. Die Freude der Zuschauer darüber war groß, so gut haben die es da unten, dachte jeder. Ich hätte vor Zorn brüllen mögen! Wenngleich der Vorgang als solcher möglich ist, woher sollen wir denn die Eier nehmen und vor allem das Fett?

Unsere Ernährung ist eines der traurigsten Kapitel dieser Monate. Brot, ledernes Rindfleisch in Büchsen, von unseren Soldaten treffend als "Alter Mann" bezeichnet, oder Ölsardinen und Trockengemüse, selten als Frischvitamin eine Zitrone; Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat dasselbe. Was würden wir geben, um gelegentlich etwas Frischfleisch, Frischgemüse oder Obst zu bekommen, von Eiern ganz zu schweigen! Höchstens dass man einem Araber zu Schandpreisen ein paar Zwiebeln oder eine Melone abhandeln kann. In den Nachschublagern in Bengasi und Tripolis allerdings lagern bessere Sachen, Spenden aus der Heimat in Form von Büchsenobst, -schinken und anderen ungeahnten Genüssen, ja sogar Sekt. Das wird jedoch für bessere Zeiten aufgehoben, nämlich für den späteren Vormarsch der Engländer. Da wurden all diese traumhaften Sachen in die Luft gesprengt.
Hingegen wurde abtransportiert die "zuständige" Verpflegung, also der "Alte Mann", die Ölsardinen und das Trockengemüse. Überschrift: Die Intendantur!

Im Rahmen der Wunschkonzerte des Deutschen Rundfunks wünschte sich ein Afrikasoldat, das Plätschern einer Frau in einer Badewanne zu hören. Ihr lacht? Der Wunsch wurde erfüllt. Für uns ist das Problem Wasser eines der ernstesten, vom Problem Frau ganz zu schweigen. Für Euch ist ein WC eine alltägliche Notwendigkeit uns Selbstverständlichkeit, für uns hier unten eine Fata Morgana. Wir gehen mit der Schippe über die Schulter in die Wüste.

Aber ich will hier vom Trinkwasser sprechen. Das Wasser aus Derna ist berühmt. Aber bis zu uns kommt es nicht. Wir schöpfen aus kleinen, mühsam erbohrten Brunnen, die in stundenweiten Abständen auseinander liegen und nur salziges Brackwasser liefern. Abgefüllt wird es in Einheitskanistern, die innen mit rotem Schutzanstrich vom Rost zerfressen sind und das, was wir in abgekochten Zustand trinken dürfen, ist eine rotbraune, salzige, warme Brühe. Viel Durst bekommt man darauf nicht, das ist das Gute daran.

Nicht zuletzt diese Vergewaltigungen unserer Organismen sind die Ursache eines zeitweise katastrophalen Gesundheitszustandes. Manchmal leiden wir bis zu 60 Prozent gleichzeitig an ruhrartigen Durchfallerkrankungen. Es bleibt niemand davon verschont. Man weiß dabei nicht recht, ob man leben oder sterben möchte. Wenn man über 70 mal am Tag in die Kniebeuge gehen muss, dann weiß man, was man getan hat. Auch Erkältungen mögen häufig die Ursache dieser Durchfälle sein, da sich hier alle Erkältungen auf Darm und Magen schlagen. Die täglichen Abgänge zu Sanitätseinheiten bringen einen Kompaniechef betreffs der Einsatzbereitschaft oft in arge Bedrängnis.

Sicher stehen Euren geistigen Augen im Zusammenhang mit dem Wort Afrika gleich uns - vor unserer Ernüchterung - die Bilder aller möglichen wilden Tiere. Ja, damit können wir aufwarten. Ich nannte sie schon unter jedem Soldaten Rommels bleibenden Erinnerungen: Fliegen! Hunderte, Tausende, ja Billionen und Aberbillionen von Fliegen. Will etwa jemand behaupten, das seien keine wilden Tiere? Kommt her und laßt Euch von ihnen peinigen, dann werdet auch ihr feststellen, dass sie das Wildeste sind, was in Gottes Tierreich lebt, und Ihr werdet Euch selbst nicht wiedererkennen in Eurer eigenen Wildheit durch sie. Oft möchte man verzweifeln und kapitulieren, wenn man 500 totgeschlagen hat und dafür von 1000 neuen umschwärmt wird. Aber der Selbsterhaltungstrieb fordert ihre pausenlose Vernichtung. Deshalb ist hier ein Soldat ohne Fliegenklatsche genauso unddenkbar wie am Nordpol ein Forscher ohne Pelz. Auch die anderen Tierchen hier wie Skorpione, Ratten, Feld- und Springmäuse, Horn- und Sandvipern, ja sogar Vogelspinnen tragen nicht zur Erheiterung der Gemüter bei. Vor dem Schlafengehen heisst es jedesmal gründlich das Zelt abzusuchen, und morgens findet man nicht selten eines dieser Tierchen in seinen Stiefeln. Annehmbar, dafür aber selten sind Wüstenhäschen und Gazellen, damit ist dann aber auch alles genannt.

Ich will diese Kapitel nicht schließen, ohne ein paar Worte über die technische Lage zu sagen.

Mangels ausreichender Erfahrungen waren unsere technischen Vorbereitungen völlig unzureichend. Bald hinter Agedabia, also schon nach wenigen Einsatztagen, begann das große Panzersterben. Staub und Sand verschleißen die Motoren in ungeahntem Ausmaß, das hiesige Gelände ruiniert Laufwerk und Federn nach kürzester Zeit. Ende Mai, also nach nur 8 Wochen, fuhren wir zum Teil schon mit dem dritten Motor. Die Kräder der Division sind bereits vollkommen abgewirtschaftet, den Lastwagen geht es nicht viel besser. Ersatzteile werden nur ungenügend nachgeschoben. Dass wir trotzdem rollen, wenn es darauf ankommt, ist auschließlicher Verdienst unserer Fahrer und Instandsetzungsdienste. Unermüdlich und fast ununterbrochen arbeiten sie und leisten Unglaubliches. Aber wer spricht von ihnen, besonders den letzteren? Wer läßt eine Anerkennung laut werden? Auszeichnungen bekommt nur der kämpfende Soldat. Deshalb ist ihre Leistung höher zu bewerten. Ich muss es noch einmal sagen: Unsere Panzerwaffe ist noch sehr jung und nicht jeder, der in ihr befiehlt, ist in ihr groß geworden. Verständnis für die Bedürfnisse eines Pferdes ist in unserer Armee noch weit mehr vorhanden als für die Bedürfnisse eines Kraftfahrzeuges!

Trotz aller Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten: Der Geist unserer Soldaten ist unerschütterlich: Jeder neue Einsatz verscheucht die Lethargie der Wochen des untätigen Herumliegens und spornt sie wieder zu alter Frische und Tatkraft an, die sie zur Entfaltung ihrer einzigartigen Leistungen befähigt.