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Bericht des Dr. Kurt Wolff, Adjutant beim Kommandeur der I. Abteilung des Panzerregiments 5, über die Ereignisse des 02. Juli 1942

Das ist eine Riesenorganisation, solch ein Panzerregiment. Da fahren Munitionskolonnen (und mancher Wagen von ihnen ist vorn im Feuergefecht zusammengeschossen worden), da fransen Betriebsstoffkolonnen nach vorn, Feldküchen und Verpflegungswagen suchen auf den Panzerspuren ihre Kampfkompanie zu finden, zuletzt aber, und als wichtigster Teil, fahren, wenn die Dämmerung heraufzieht und der Feind das Gelände nicht mehr einsehen kann, die I-Gruppen vor: Männer, die die Motoren nachsehen, Vergaser wieder in Ordnung bringen, Federn und Laufrollen einbauen, Kettenglieder erneuern, Kanonen und Maschinengewehre instandsetzen. Das ist ein langes Hämmern und wohl ein Fluchen in der kalten Nacht Aber wenn die Sonne aus dem Nebel aufsteigt, dann rollt das Regiment wieder, langsam, gelassen, aber unwiderstehlich.
Da sind noch tausend andere Dinge, die zusammenlaufen, bis eine Schlacht gewonnen ist. Ich sehe im gelben Mondlicht die langen Kolonnen auf der schwarzen Küstenstrasse vorfahren, hin und wieder, wenn englische Bomber heranbrausen, seitlich in die Wüste ausscherend, aber dann wieder weiterrollend, 40, 50 Kilometerstunden auf dem Tacho, Wasser Betriebsstoff, Munition-Nachschub. Alles ist Bewegung, vorwärts, und die dunkelste Nacht ist nicht anders als der heißeste, glühendste Tag.
Aber das Schönste bleibt doch der Angriff! Herrgott, wenn ich an den letzten 2. Juli denke, mir brennen die Augen! Über 100 Panzer standen allein im Bereich unseres Blickes, abgeschossen, brennend, eine weite Walstatt stählerner Kolosse! Und der Tag hatte begonnen, dass man verzagen konnte! Die Panzerwerkstatt, die 60 km zurückliegt, hatte schon die dort stehenden fast bewegungslosen Panzer an die Straße gefahren, um einen englischen Durchbruch vielleicht noch aufzuhalten.
Aber die deutschen Panzer! Unsere herrlichen, breiten, wummernden Panzer! Uns überläuft heimlich doch der Stolz, dass alles uns ruft, wenn die Gefahr am höchsten! Panzer, Panzer nach vorn!
In der Nacht waren im rechten Nachbarabschnitt Neuseeländer eingebrochen. Wieviel? Keiner wusste es. Der Igel wurde enger zusammengezogen, an jedem Panzer wachten zwei Männer, einer an den Panzerwaffen, einer mit der Maschinenpistole draußen, lauschend, in die Nacht starrend. Der Mond war früh untergegangen, man sah keine zwanzig Meter weit.
Ich selber lag lange wach neben dem Kommandeur, bei mir die Melder und Befehlsempfänger, der Telefonapparat, der uns mit der Division verband. Würden die Neuseeländer auch uns angreifen? Zwischendurch erschienen englische Jäger und Bomber und erleuchteten mit ihren Leuchtfallschirmen die weite Landschaft taghell. Wollten sie den eigenen Truppen den Weg weisen? Weit hinten bei den Trossen fielen die langen Reihen der Bomben. Es geschah zunächst nicht viel. Nur dass die Artillerie schwieg, beunruhigte ein wenig. ...
Aber um 03.00 Uhr kam plötzlich der Befehl: Im Süden jenseits der Höhe, die wir seit Tagen nun schon kannten, wäre eine englische Schützenbrigade eingebrochen und sollte vernichtet werden. Sofort. Unsere eigenen Schützen wären überrannt, Panzer die letzte Hilfe!
Die Kompanien waren im Augenblick gefechtsbereit. Die Motoren liefen warm, durch den Funk klangen die Befehle. Wenige Minuten später ordnete der Kommandeur den Verband. Die Abteilung marschierte. Es dämmerte noch. Im Osten stand der Morgenstern, fahl, langsam verlöschend, und die Nebel, die in der Frühe für eine Weile sich bilden, begannen im morgendlichen Winde zu verwehen. Es war sonst still. Nur der Lärm der Panzer war in der Weite des gelben, wesenlosen Landes. ... Aber dazwischen harte Befehle!
Und dann gewannen wir langsam und vorsichtig die Höhe, die rechts von uns lag. Immer noch keine Sonne, aber schon Licht. Wenig später, als die vorgeschobenen Spähtrupps auf 1200 m Entfernung englische Fahrzeuge meldeten, erkannten die Richtschützen in ihren Zielfernrohren bereits die angesprochen Ziele. Damit begann das Gefecht. Die Neuseeländer, die sich gerade erhoben haben mochten, liefen umher, als wenn es deutsche Stellungen in diesem Gebiet nicht geben könnte. Als sie ihre Geschütze endlich gegen uns eingerichtet hatten, brannten schon rechts die ersten Fahrzeuge.
Es wurde ein rasches Gefecht. Als wir auf 800 m herangekommen waren, langsam, immer uns gegenseitig sichernd, weil wir schon oft auf unerkannte englische Pakstellungen aufgelaufen waren, sahen wir, dass auch von rechts her, also in der linken Flanke des überraschten Gegners, deutsche Pakgeschütze auffuhren und in Stellung gingen. Noch während die linke Kompanie die ersten beiden englischen Pak abschoss, eröffneten die deutschen Panzerjäger das Feuer, um die Verwirrung des Gegners voll zu machen. Ich weiß nicht mehr recht, wie es kam, aber als ich gerade eine englische Karette abschoss und mit dem Glas meinen Treffer beobachtete, schlug neben mir die Sprenggranate eines amerikanischen Pilotenpanzers ein. Ich konnte gerade den Kopf noch etwas einziehen, unbewusst, dann fühlte ich einen kleinen beißenden Schmerz am rechten Arm und sah, als ich nun in meiner Kuppel saß ein wenig Blut auf die Schulter meines Ladeschützen tropfen. Aber mein Ladeschütze hatte bereits den Verbandskasten aus seiner Ecke gerissen, mir den Rockärmel hochgekrempelt und zwei Minuten später einen raschen Verband angelegt. Ich hatte Glück gehabt. Ein kleiner Splitter saß einen Zentimeter über dem Ellenbogengelenk.
Mein Kommandeur rief durch den Funk an, ob seinem Adjutanten etwas geschehen sei. Ich hatte meinem Fahrer befohlen, einen Augenblick zu verhalten und war daher ein wenig zurückgeblieben. Der Angriff ging mit einer solchen Schnelligkeit vor sich, dass die anderen Kampfwagen schon um 400 m weiter vorgekommen waren. Aber ich konnte schon wieder zu ihm aufrücken, lächelnd den kleinen Verband zeigen und weiterfahren.
Was jetzt kam, ist wie eine Fata Morgana gewesen. Während die eine Kompanie weiterrollte und einige links auf 1500 m stehende Piloten angriff, fuhr der Rest der Abteilung in die englischen Stellungen hinein. Und wo vorher nur einige Geschütze, Pak und Transportkaretten gestanden hatten, erhoben sich jetzt aus unsichtbaren Löchern erst zehn, dann fünfzig, dann hundert, endlich wohl an die sechshundert gelbe und braune Tommy-Soldaten, winkten uns zu, halb grüßend, halb abwehrend, einige warfen ostentativ ihre Waffen fort, einige kamen uns eingehakt in Reihe entgegen, genug, die ganze neuseeländische Kampfgruppe ergab sich, da wir schon mitten unter ihr waren.
Unser Kommandeur lachte. Endlich mal wieder ein Fang nach diesen langen Tagen englischer Artillerieangriffe, endlich wieder einmal etwas Greifbares, 4 brennende Panzer, vielleicht 10 zusammengeschossene Selbstfahrlafetten, 8 Geschütze, eine Menge Karetten, Maschinengewehre, Panzerbüchsen. ...
Der Kommandeur hielt die Abteilung an, um die Einheiten zu ordnen und dann gegen die an einem weiter südlich liegenden Djebelhang stehenden Piloten anzugreifen. 14 Stück hatte die vorgeschobene Kompanie gemeldet. Die Granaten schlugen schon in die Reihen der abziehenden Neuseeländer ein.
Aber in diesem Augenblick kam von der Division ein Funkspruch, der uns zunächst fast verwirrte. Südlich der Höhe 63 (das war ungefähr das Gebiet unseres nächtlichen Rastraumes) war- eine starke englische Panzerbrigade durchgebrochen (das sind mehr als 100 Kampfwagen), und die ersten Teile standen bereits im Feuerkampf mit den zum Schutze der Division eingesetzten Flakgeschützen. ...
Wir erfuhren später von gefangenen Panzermännern, dass sie den Auftrag hatten, bis zur Küstenstraße durchzubrechen und mit nachfolgenden Kräften auf Tobruk zu marschieren.
Unser Kommandeur richtete sich weit auf. Heute weiß ich, dass dies eine seiner größten Stunden gewesen ist. Da war jetzt kein General mehr da, keine Pak oder Flak, keine Artillerie, nur eine zusammengeschrumpfte Panzerabteilung, die aus dem Gebiet von Derna bis nach El Alamein kämpfend vorgestoßen war, weit über 1000 Kilometer, die mehr als 250 Feindpanzer, dazu viele Geschütze, Kanonen, Pak und Karetten abgeschossen hatte, und die jetzt Feind vor sich, links und im Rücken hatte, stärker als jemals vorher, in besserer Lage als vielleicht während des ganzen Feldzuges, wissend endlich um die Überlegenheit - und dennoch, dennoch, der Schritt musste gewagt werden. Und gelang!
Zunächst machte die Abteilung kehrt, was einfacher gedacht als getan ist, was durfte es kümmern, dass 12 oder 20 Piloten im Rücken standen. Dann wurde Zug um Zug nach rechts und links verschoben, immer den Feind im Rücken, voll Ungewissheit, zwischendurch die dringenden Funkrufe der Division, die zur Eile, zum Vorgehen, zum Angriff um jeden Preis mahnten. Endlich rollte, während dies alles noch geschah und die schweren Panzer aus dem Gefechtsfeld, da sie eben gekämpft, herausgezogen und sich neu gliederten, fiel die ganze breite Abteilung vor, die gelb und rot aufgehende Sonne jetzt in der rechten Seite, vor und auf den Höhenzug, um so zuletzt auf eine meisterhafte Weise - wir waren wie berauscht - in die Flanke, genau, unvorstellbar genau, in die Flanke der langsam nach Westen vorziehenden englischen Panzerbrigade zu geraten. Da brauchte es der Befehle nicht mehr! Da dieser Aufmarsch gelungen war, ruhig, ganz ruhig und überlegt, ohne rasches Drauflos, aber dafür aus einem klaren, nüchternen Geist entworfen, gestaltet, befohlen, konnte nun der Kampf anheben. Um das Treffen brauchte niemandem bange zu sein. Während die Ladeschützen noch die zweite Granate in die Kanone warfen, stiegen schon die ersten Feuerbrände qualmend auf.
Der Kommandeur und ich, der ich an seiner Seite war, wir atmeten auf. Welch ein Bild! Man muss sich diese flache Höhe vorstellen, die von Westen nach Osten verläuft, und jenseits dieser Höhe eine in gleicher Richtung sich hinziehende, etwa 800 Meter breite Mulde. In dieser Mulde marschierte der Engländer und geriet nun in unser Feuer. Der Führer der vierten Kompanie schoss 7 Panzer ab, fast jeder konnte später 2 oder 3 Abschüsse melden. Bei uns hingegen gab es - außer dem lächerlichen Splitter in meinem Arm, an den ich erst später wieder dachte und der mir vor zwei Tagen rasch herausgeschnitten wurde - 2 Tote und 2 Verwundete. Was will das sagen gegenüber den mehr als 60 Panzern, die wir später zählten? Der größte Teil war brennend abgeschossen worden, der Rest, der vor einem unvermuteten und schier unsichtbaren Gegner (wir standen hinter der Höhe und nur die Kanonen ragten darüber hinweg) geflüchtet war, endete berstend in einem Minenfeld, das die Panzer im Morgendämmern wohl tastend auf einer schmalen Gasse durchschritten hatten, das aber jetzt ihr Verhängnis war. Wieder eine Stunde später stiegen wir langsam den Hügel hinab und durchfuhren, erschüttert fast von unserem Sieg, der so sichtbar war, die Walstatt nach Osten. Als wir in unseren alten Sicherungsbereich einzogen, so als wenn dieser ganze Morgen nicht gewesen wäre - die Piloten, die anfangs in unserem Rücken gestanden, waren von Pak und von einer Haubitzen-Batterie vertrieben worden - da rann uns der Schweiß über unser ermatteten Gesichter, die ungewaschen waren, aber er rann verdient und nach einer ganzen Arbeit. Und morgen dann wieder ein Tag, heiß, drückend, man begreift nicht, wie man es erträgt. Hunderttausend Fliegen kriechen uns im Gesicht herum, unsere Moskitonetze haben wir längst verloren, wer weiß wo, wir haben nur noch Geduld. Die Panzerplatten werden wie glutheiß, das Wasser ist fast ungenießbar. Wenn gegen Mittag der Sandsturm kommt, gelb, undurchsichtig, bleibt nur die Hoffnung. ...
Jetzt ist noch Nacht, und wir wachen. Müde, ungewaschen, verölt, vom nächtlichen Tau der Wüste benetzt. Wir wachen für Deutschland mitten in der bestirnten afrikanischen Nacht.

Quelle: Bernd Hartmann - Die Geschichte des Panzerregiment 05