Sie sind hier: Startseite » Zeitzeugen » Tagebücher und Erinnerungen » Erinnerungen des Truppenarztes der II. Abteilung des Panzerregimentes 5 Alfons Selmayr an die 3. El Alamein Schlacht

Erinnerungen des Truppenarztes der II. Abteilung des Panzeregimentes 5 Alfons Selmayr an die 3. Schlacht um El Alamein

... Plötzlich wieder Alarm. In toller Nachtfahrt geht es zum Mittelabschnitt, um einen Einbruch abzuriegeln. Der Feind war links und rechts von der 15. Panzerdivision eingebrochen, hatte die Italiener spielend kassiert. ... Wir sollen mit 2 Kompanien den Feind aus der Einbruchstelle werfen.
Als wir im Karacho über den Dschebel in eine kleine Mulde vorstießen, bekamen wir ein wütendes Pak- und Panzerfeuer. Im Nu brannten von uns 5 Panzer. Ich verband und versorgte, so gut es eben ging. Ein Leutnant von der 6. Kompanie war total verbrannt, ich konnte ihn nicht mehr erkennen. Noch heute klingt mir seine heisere, dringliche Frage im Ohr: "Doktor, wird's noch, ich habe Frau und Kind zu Hause!". Am Hauptverbandsplatz ist er dann gestorben. Vom KrKw keine Spur, es wird Abend. So lud ich 8 Verwundete, darunter den Leutnant, auf meinen Panzer und zuckelte Richtung Westen. Ich hoffte, an der Telegrafenpiste einen Hauptverbandsplatz zu finden. Zum Glück traf ich einen KrKw der Pioniere, der mir meine Verwundeten abnahm. Mühsam suchten wir unsere Abteilung. Kaum waren wir zurück und wollten essen, als ein Trommelfeuer begann, dass die Erde bebte. Manchmal glaubten wir, es ginge zu Ende, so krachte und klirrte es draußen, und unser kleiner Panzer wackelte richtig bei den Einschlägen. Gott sei Dank hatten wir trotz des starken Beschusses keine Ausfälle. Am nächsten Tag rücken wir wieder vor in das alte Kampffeld der 15. Panzerdivision (Panzerregiment 8). Wild lagen die abgeschossenen Panzer umher. Der Tommy hielt sich immer außerhalb unserer Schussweite, doch mit seinen weitreichenden, uns überlegenen Kanonen beaaste er uns ganz schön. Zum ersten Mal bemerkten wir die materielle Überlegenheit des Gegners. Ein Panzeroffizier wird durch Infanterie durch Kopfschuss getötet. Wegen der Hitze im Wagen und wegen der schlechten Sicht, die Optik war durch den Sand meistens verschmiert, fuhren wir mit offener Turmluke. Meistens hatte der Kommandant auch noch den Kopf außerhalb des Turmes, um sich besser orientieren zu können. Ich machte es auch immer so, denn durch meine Optik sah ich einfach nichts. Daher die großen Verluste bei uns durch Kopfschuss.
Ein Panzer bekam einen Schuss vorne auf den Turm. Das Geschoss ging vorne rein und hinten raus, eine solche Wucht hatten die neuen Tommy-Panzer. Von da ab legten wir immer Kettenglieder vorne auf die Panzer. Ich musste während des Tages mehrmals Stellungswechsel machen, da ich beschossen wurde, obwohl ich immer versuchte, meinen Panzer etwas gedeckt aufzustellen. Ständig hatten wir einen Störsender im Bordfunk - der Tommy hatte die Funkunterlagen des Panzerregiments 8 erbeutet und versuchte nun, uns zu verwirren und in unseren Funk hineinzuquasseln. Am Abend sprach ich mit einem Artilleriebeobachter. Er erzählte mir, dass er nur noch 35 Schuss für die Batterie habe und es ungewiss sei, ob Munition nachkomme. Feine Aussichten, und das bei einem drohenden Angriff. Am 2. November rückten wir noch etwas weiter nach hinten, als meine Abteilung alarmiert wurde, um einen Einbruch abzuriegeln. Das Abwehrfeuer ist zu stark, auch bleibt unsere Infanterie im feindlichen Feuer liegen .... Beim Anfahren winkte mir Oberleutnant Dübois wieder zu. Jetzt bringen sie ihn ebenfalls mit Kopfschuss wieder zurück. Er soll furchtbar aussehen, so dass seine Panzerbesatzung ihn mir gar nicht zeigen wollte. Noch zweimal versuchen wir, den Tommy zu werfen, schmieren aber jedes Mal ab. Eine 8,8 cm Flak fährt zu unserer Unterstützung auf, wird aber schon beim Abprotzen zusammengeschossen. Die vorderste Linie bekommt Granatwerferbeschuss. Eine 2 cm Flak wird getroffen, zwei Schwerverwundete liegen am Boden. Ich fahre los! Wir lagern sie, trotz Feuer, auf unserem Panzer; den einen vorne, den anderen hinten. Ich kniete mich neben den Turm und halte sie fest, damit sie bei der Fahrt nicht herunterfallen. Dann geht's so schnell der Panzer läuft zurück. Plötzlich gewahrt uns der Tommy und beschießt uns mit einer Batterie. Immer 4 Schuss zugleich, mal rechts von uns, mal links von uns, Gott sei Dank schießen sie herzlich schlecht. Aber mir kommt das Tempo natürlich viel zu langsam vor, ich presse mich an den Turm, halte meine Verwundeten und brülle Krause an, schneller zu fahren. Endlich sind wir aus dem Bereich der Artillerie, kriechen gerade eine kleine Anhöhe hinauf da kommen uns feindliche Jäger entgegen. Zum Halten ist es zu spät. Aber anscheinend sehen sie uns nicht und so geht auch dies gut vorüber. Hinter dem Hügel treffen wir unseren KrKw. Uns fällt ein großer Stein vom Herzen. Dann laden wir um, machen Brotzeit und zuckeln wieder zu unserem Haufen.
Die Nacht bleiben wir munter. Beim Morgengrauen setzten wir uns ab, um zu tanken, zu munitionieren und Verpflegung zu fassen. Dabei sehen wir, wie unsere 8,8 cm Flak aus einem sturen Haufen einen herausschießt. Der Kasten fliegt in 1000 Teile, einzelne Fallschirme lösen sich daraus.
Plötzlich kommt Senfft in größter Aufregung und alarmiert! Als wir die Höhe bei der Moschee überschreiten, sehen wir den Salat. Nach Süden zu, so weit man sehen kann, eine Staub- und Rauchwolke, überall brennt es. Von Osten her stoßen feindliche Panzer in Massen vor.
Wir eilen unserer I. Abteilung und dem Panzerregiment 8 zu Hilfe. Aber was können wir noch machen! Zusammen sind wir noch 30 Kampfpanzer, uns gegenüber aber gut 300. Wir erhalten Befehl zum Gegenangriff. Und dies auf einer tischebenen Strecke, vor uns der Tommy nicht nur an Zahl, sondern auch an Panzerung und Bewaffnung weit überlegen. Ich höre im Funk, wie Senfft zu Mildebrath sagt: "Angriff das ist doch Wahnsinn!", darauf Mildebrath: "Stimmt, aber Befehl ist Befehl!". Nach knapp 100 Metern fallen die ersten Panzer aus, wir bleiben hängen. Der vorderste Panzer steht schräg und ist abgeschossen. Ich fahre auf ihn zu. Etwa 50 m vor dem Panzer kommt mir die Besatzung mit 2 Verwundeten entgegen. Meine Frage nach weiteren Verwundeten wird verneint, der Leutnant liege tot im Panzer. Wie sich später herausstellte, war die Meldung falsch. Der Leutnant war nur vorübergehend bewusstlos, krabbelte aus eigener Kraft, allerdings auf der Feindseite, daher von uns nicht einzusehen, heraus, gerade noch rechtzeitig, bevor der Panzer in die Luft, flog. Er wurde dann später von Panzerjägern geborgen. Mildebrath wird verwundet, Senfft übernimmt das Regiment, d.h., was noch von ihm vorhanden ist, so viel ich noch weiß, waren es etwa 20 Panzer. Stabsarzt Stockenberg wird durch Bombentreffer schwer verwundet, so bin ich nun auch Regimentsarzt. Nachts setzten wir uns ab. ... Von der deutschen Luftwaffe sehen wir nicht mehr viel. Einmal griffen Stukas drüben an, bekamen aber ein solches Abwehrfeuer, dass sie ohne genau zu zielen, ihre Eier legten und schleunigst verdufteten, zwei mussten bei uns notlanden. Der Hauptverbandplatz 2/200 wird durch Bomber angegriffen, obwohl in nächster Nähe keine Einheiten lagen und er gut gekennzeichnet war. Es gab viele Tote und großen Sachschaden. ... Verletzungen des Genfer Abkommens sind von beiden Seiten gemacht worden, heute sind jedoch nur wir die schwarzen Schafe. ... Einmal sehen wir, wie Sturmgeschütze der Ariete einen Angriff fahren. Trotz ihrer leichten Panzerung fahren sie tollkühn vor, werden natürlich jämmerlich zusammengeschossen. Die Schlacht um El Alamein ist verloren, der Rückzug beginnt.

Quelle: Bernd Hartmann - Die Geschichte des Panzerregiment 05