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Bittere Erinnerungen von Willi Grießheimer

Dieses Manuskript wurde in Gefangenschaft auf Toilettenpapier geschrieben und gleich nach der Heimkehr – soweit möglich – ergänzt. Die Höllenfahrt vieler deutscher Soldaten von Lager zu Lager am Ende des Krieges nicht nur in den Weiten des Ostens, sondern auch in der Heimat und darüber hinaus unter amerikanischer Regie sind bei den Geschundenen jener Tage bittere Erinnerung. Die Zeit heilt Wunden. Aus den Gegnern des 2. WK sind Verbündete geworden. Ich will nicht anklagen, sondern schildern, zu was Menschen fähig sind.

Neben den abenteuerlichen letzten Kriegstagen, nach Verwundung, Heirat am 5.3.45 während meines Genesungsurlaubs und anschließendem Soforteinsatz bei der Verteidigung Darmstadts, Rückzug nach Oberhessen, Vorbeimarsch der Amerikaner mit –zig Panzern, Entschluss zur Heimkehr, da keine deutschen Linien mehr zu erkennen, musste ich mich notgedrungen wegen meiner Lebensmittelkarten bei den Behörden melden. Dort erhielt ich die Marken, verstand aber das Augenzwinkern des Beamten nicht, der mir sagte, dass jeder sich natürlich noch im Nachbarzimmer beim Amerikaner zu melden hätte.
Seitdem ich meine Leutnantsuniform mit Bauernzivil vertauscht hatte, in Anbetracht der Aussichtslosigkeit unseres Widerstandes, die ich auf meinem Fluchtweg durch Hessen klar erkannte, durchdrang mich immer wieder die bange Frage, was wird aus mir, aus meiner seit sieben Wochen angetrauten Ehefrau und meinen Angehörigen! Diese Gedanken um die nächste Zukunft, um Ernährung, Wohnung usw. ließen mich nicht zur Ruhe kommen, denn ich musste als sicher annehmen, dass das Leben auch nach Beendigung dieses Krieges schwer werden würde. Tag um Tag versuchte ich, meine Meldung beim Amerikaner hinauszuschieben, aber durch häusliche und nachbarliche Verhältnisse gezwungen – im Haus wohnten in einer Wohnung 18 Menschen, die vor der angedrohten Todesstrafe, bei Aufnahme von Soldaten, natürlich Angst hatten – trat ich schließlich zur Meldung zwecks Überprüfung meines Wehrverhältnisses an, die mich ein paar Tage vor Kriegsschluss auch sofort in die Kriegsgefangenschaft brachte, eine Folge auch des Wehrwolfaufrufes unserer damaligen Regierung. Im strömenden Regen begleitete mich meine Frau bis in die Sammelstelle bei jenem bitteren Gang, der den Schlussstrich unter ein Jahrzehnt legte, das uns um die schönsten Jahre unseres Lebens brachte.
So fuhr ich mit einigen Leidensgefährten auf einem Lkw stehend zu einer Sammelstelle in Darmstadt, immer noch gut behandelt und sogar mit einigen Esswaren versorgt in Form von kleinen Päckchen Tee, Keks, Süßigkeiten und sogar Schokolade. Dann ging es abends weiter nach Frankfurt, wo unser Leidensweg begann. Vom Auto heruntergezerrt wurden wir in einen Stall gejagt, durchsucht und beraubt; zu Hunderten zusammengepfercht verbrachten wir die Nacht im Sitzen, konnten sowohl die Schreie der von der „MP“ Geprügelten hören, sowie dauerndes Geschieße. Schlafen konnten wir nicht! Wir fühlten den harten, kalten Steinboden, aber auch unsere erregte Phantasie und die Heimatgedanken ließen das in dieser Lage nicht zu. Im Laufschritt, unter dauernden Kolbenhieben und Tritten, von geladenen MP gejagt, mussten wir unser Gepäck und uns selbst durchsuchen lassen. Wenn wir uns gegen die Wegnahme eines persönlichen Gegenstandes wehrten, gab es erneut Fausthiebe, Tritte und sonstige Misshandlungen, so dass es in uns vor ohnmächtiger Wut nur so kochte. Aber was brachte eine Gegenwehr, die wir waffenlos der Willkür unserer Gegner ausgeliefert waren!
Ich rettete meinen Ehering durch geschicktes Überdecken mit Hilfe des Mittelfingers. So blieb mir nur noch mein Waschzeug mit Handtuch, eine Garnitur Wäsche, mein Notizbuch mit den Ausweisen und einen Bleistift, der mit meiner Sonnenbrille in einer Rocktasche der Aufmerksamkeit meines „Gentleman-Räubers“ entging. Meinen Regenmantel ließ man mir zum Glück, wahrscheinlich wegen der Uniformschulterstücke, auch meine neue Mütze, die, ihrer Hoheitsabzeichen (des „Pleitegeiers“) beraubt, in Kreuznach den Besitzer wechselte, wie so vieles infolge der „Ehrlichkeit“ der amerik Bewachung, aber auch von dt Lagerinsassen! Nach Verlauf eines weiteren Tages, den wir schweigend verbringen mussten, wurden die Gefangenen auf Lkw gepresst und nach Kreuznach transportiert, Parteigefangene wurden abgesondert.
In der Hoffnung, jetzt in ein festes Lager zu kommen, sahen wir uns allerdings bitter getäuscht, denn uns erwartete nur ein großes Feld, das hoch mit Stacheldraht umzäunt und von Doppelposten sorgsam bewacht war. In der hereinbrechenden Dunkelheit sah man die Posten sich an den Wachtfeuer aufwärmen, während wir selbst versuchten, unsere von den bisherigen schlaflosen Nächten geschwächten Körper wach zu halten, um nicht im Regen und der feuchten Kälte einzuschlafen und zu erkranken. Auf ebener Erde und uns dicht zusammendrängend, um uns gegenseitig zu wärmen, verbrachten wir so halb schlafend, halb wachend diese und die kommenden April- und Mainächte, teilweise noch mit Schneestürmen, indem wir uns allmählich mit Büchsen in Erdlöcher einbuddelten, die für manchen von uns später auch das Grab bedeuteten.
Tagsüber mit Sehnsucht auf die Essensverteilung wartend und nachts auf den kommenden Morgen und ein bisschen wärmende Sonne und den innerlich wärmenden Kaffee, den wir uns mit unseren Konservendosenöfen selbst bereiteten und der uns nach durchwachter, feuchtkalter Nacht wie Göttertrank mundete. Mit zerrissenen Stiefeln, zerfetzter Uniform und kaltem Gummiregenmantel saß ich nachts oft auf einer Latrine zusammengekauert und ließ den Sturmregen vorüberziehen. Sonst wagte ich kaum einen Schritt zu laufen, aus Angst, im Schlamm des aufgeweichten Bodens zu versinken oder meine Füße nicht wieder trocken zu bekommen. So zehrten wir von einem Becher Kaffee, 5 Keksen, 2 Esslöffel Milchpulver und Haferflocken und ab und zu etwas Zucker oder Käsescheibchen als unserer täglichen Essensportion. Kein Wunder, dass sich Krankheiten und Zusammenbrüche infolge Erschöpfung häuften. Und zur Krönung sah man Kriegsversehrte mit Bein- und Armamputationen und Blinde daherhumpeln, alte Männer über 60 und Kinder unter 14, denen es so erging, wie uns 24-jährigen! So wirkte sich die Großmut unseres Siegers auf uns aus! Auf vorsichtige Anfragen, die ein deutsches Lagerkommando an das amerikanische richtete, erhielten wir die immer gleiche Antwort: „Transportschwierigkeiten, ihr seid ja selbst daran schuld, durch eure Brückensprengungen und wahnsinnigen Zerstörungen, das Fehlen der Kohle für Eisenbahntransporte – aber es wird sicher besser. Vorläufig müsst ihr euch noch gedulden, wir wollen erst die Zivilbevölkerung unterstützen!“
So hungerten und darbten Tausende schwer und litten unter größten körperlichen und seelischen Strapazen, denn viele wussten seit Monaten nichts von ihren Familien. Nur, dass eine ungeheure Tonnenzahl von schwersten Spreng- und fürchterlichsten Brandbomben über unser Vaterland und die Zivilbevölkerung heruntergeregnet war. Und was Bombenangriffe auf eine wehrlose Bevölkerung bedeuteten, das wusste jeder Frontsoldat zur Genüge. Nicht umsonst kämpfte der deutsche Soldat so verbittert bis zur letzten Stunde!
Nach etlichen Wochen gab es dann, nach der Aufstellung von einigen Kesseln im Camp, statt der genannten Trocken- oder Kaltverpflegung mittags ½ l Wassersuppe mit fünf Bohnen oder Erbsen und ab und zu aus etwas Milchpulver und Zucker und undefinierbaren Einlagen eine dünne Suppe. Rohe Kartoffeln, die man ab und zu aus den schlammigen Äckern herausholte, wurden roh gegessen oder besser aufgefressen, teilweise in einem Aschenfeuer ein bisschen angebrannt, wenn uns die Anzündung eines Feuers trotz Abnahme jeglicher Streichhölzer doch hin und wieder einmal gelang.
Nach einem Monat Kreuznacher Gefangenenzeit erfolgte der Abtransport nach Frankreich, den wir alle nicht fassen konnten, weil Entlassungsparolen auf Grund des beendeten Krieges im Umlauf waren. So bezogen wir dann das „wohlvorbereitete, feste Offizierslager mit Kantine, voller Ausstattung“ usw. Nach längerem, müden Marsch näherten wir vom Hunger schwankende Gestalten uns einer windumwehten Hügelkuppe. In der Ferne zeichneten sich Wachtürme eines Stacheldrahtverhaues ab, das ein Lager von noch größerer Ausdehnung als dem Kreuznacher Camp umschloss. 80.000 „PoW“ vegetierten hier, allerdings wenigstens in offenen Zelten! Von vorbereitetem Lager mit Baracken, Kantine und besserer Verpflegung keine Spur! Wohl aber von Schikanen aller Art, Essensentzug, Brotverknappung, Abzug von Mittags- und Abendkost oder Entlassungsrückstellung! Allerdings fiel das Selbstkochen hier weg und damit auch die Holz- und Heizfrage. Und das alles unter amerik Regie! Während in Kreuznach prinzipiell erst bei Todesgefahr ein Kranker in das Revierzelt kam – dem einzigen Regenschutz des Offiziers-Catches außer dem Zelt der „deutschen Lagerleitung“ – konnte man hier wenigstens mit menschlichen deutschen Ärzten sprechen. In Kreuznach verkörperte nämlich der angebliche „Schlächter von Buchenwald“ den ärztlichen Helfer! Ein Mann, der jedem deutschen Soldaten half, nur dass dieser Arzt vom Amerikaner fast nichts an Medikamenten erhielt.
Ansonsten kühlte hier eine verhetzte „deutsche Uffz-Lagerleitung“ mit vierfacher Verpflegung ihr Mütchen an uns, denn jetzt und hier hatten sie ja das große Wort und wir mussten schweigen. Ausdrücke wie Trottel und Saubagage gehörten zu den vornehmsten, die der Abnahme des Soldbuches vorausgingen und den Strafdienst in der Latrine, am Pissoir, beim Wegebau, Zeltbau usw einleiteten. Gefangene, die sich weigerten, wurden zusammengeschlagen, etliche abgeführt und nie mehr gesehen! In der glühenden Sonnenhitze oder in völlig aufgeweichtem Sumpfland schleppten täglich 500 bis 1000 deutsche Offiziere ihre abgemagerten Knochengerüste zum Wasserholen und Verpflegungskistenempfang kilometerweit durch die Campstraßen von der Verpflegungsabladestelle oder Wasserentnahmestelle bis zur Catchküche! Wenn auch täglich mehr zusammenbrachen infolge völliger Erschöpfung, so traten ja noch genügend andere an ihre Stelle, denn im Sklavenhandel fragt man nicht nach einem Menschenleben! Das Wort Clemenceaus von den „20 Millionen Deutschen zuviel“ besaß hier seine Gültigkeit!
Laut Genfer Konvention erhielten wir PWs hier „dieselbe Verpflegung wie unsere Wachmannschaften“, bestehend aus morgens ½ l Bohnenkaffee, teilweise sogar warm, 150 bis 200 g Weißbrot, 50 g Haschee, alle 10 Tage etwas Corned Beef, Käse oder Fisch in der gleichen Menge. Von dieser Pro-Kopf-Menge mussten wir leben! Die Verteilung der Rationen erfolgte zwischen 5 und 7 Uhr morgens. Um 7 Uhr zählte man uns einige Male, dann wurde das Zelt appellfähig gemacht. Das Stroh wurde in der Mitte vierkantig geschichtet, die amerik Decken kantenweise übereinander gelegt. Der Zeltboden wurde grasfrei gerupft, damit der Staub leichter durch das Zelt hindurch geweht wurde! Alles Maßnahmen zur Seuchenverhütung und Hygiene! Ich glaube, vor Seuchen und Ungeziefer hatte der Ami am meisten Angst! DTT-Pulverspritzungen gegen Läuse und Impfungen gegen Typhus ergänzten den Reinlichkeits- und Gesundheitssinn des Amerikaners.
Die geistige Nahrung in Form von wöchentlich einmal verbotenen und dann wieder erlaubten Vorträgen aller Art konnten wir daher kaum verdauen und so lagen wir meist völlig apathisch in der Sonnenhitze. Beim Erheben torkelten wir mit „Mattscheibe“ oder fielen infolge des Versagens der Blutzirkulation wieder hin, je nachdem es uns mehr oder weniger schwarz vor den Augen wurde. Kriegsversehrte und an Erschöpfungszuständen Leidende konnten in den Zelten liegen bleiben, da sie sich sowieso nicht mehr erheben konnten! Nach drei Monaten, als sich die Entlassungsparolen häuften, besserte sich das Essen. Es wurde dicker und reichlicher und damit auch nahrhafter; jedoch blieb die täglich ausgerechnete Kalorienzahl immer noch weit unter dem Mindestbedarf eines nicht arbeitenden, ruhenden Menschen; sogar noch unter 1500, dem Existenzminimum, zurück; aber von 800 bis 1000 war die Anzahl immerhin auf 1200 bis 1400 gestiegen.
Endlich kam dann die großangelegte, bürokratisch meisterhaft geführte Rückführung und Entlassung, die mich als Kriegsversehrten nach wochenlanger täglicher Ausfüllung von Formularen in das „Entlassungslager“ Heilbronn brachte. Hier brauchte man wenigstens nicht um jeden Liter Wasser stundenlang in der Sonnengluthitze anzustehen. Das Waschen war groß geschrieben, trotz der sonstigen Maßnahmen für Hygiene! Was ein Gemisch von Sonnenhitze, Regen, Staub, Matsch, Stacheldraht, Häckselstroh und Schweiß bei unserer Kleidung ausmachte, konnte man deutlich sehen, da sie ja noch durch das „PW“ in Ölfarbe auf Rockrücken, Ärmeln, dem Hosenboden und Oberschenkeln gekennzeichnet war!
Die kleinen sadistischen Spiele unserer Sklavenhalter müssen jedoch wenigstens erwähnt werden! Die Bestrafungen durch die amerik Lagerleitung, z.B. bei Beschwerden, bestanden aus dem Vorbeimarschieren an vollen Wasserkübeln, die dann anschließend vor unseren durstigen Augen ausgekippt wurden und wir erhielten zwei Tage lang kein Wasser oder auch Vorbeidefilieren an vollen Essenskesseln, die vor unseren entsetzten Blicken in die Latrine geschüttet wurden. Der damalige Lagerleiter in Bad Kreuznach war Captain Goldstein, der uns offen erklärte, so hätten wir auch seine Glaubensbrüder behandelt! Als Lagerleiter war er der „liebe Gott“! Ich selbst hatte damals noch kein KZ gesehen, wusste zwar vom  Vorhandensein solcher Lager, von denen jedoch gesagt wurde, dort würden Kriminelle eingeliefert, die arbeiten müssten, während wir an der Front kämpften!
Aber wie alles im Leben ging auch diese Zeit vorüber. Ein armamputierter Kamerad aus meiner Studentenzeit, der etwas mehr Essen empfing und mir selbstlos einen Teil zukommen ließ und mich manches Mal aufrichtete, half mir über die schwersten Stunden hinweg. Ich kam schließlich als Kriegsversehrter in das Entlassungslager, mit einem Zug 15 km an meiner Heimatstadt vorbeifahrend. Nun änderte sich das Bild der Gefangenschaft.
Schon auf der Bahnfahrt erhielten wir für drei Tage zu zweit einen großen Menükarton als Marschverpflegung, der in 2 x 2 Päckchen mit gleichem Inhalt uns vollauf sättigte,trotz unseres ausgehungerten Zustandes. Zwar mussten wir mit dem Genuss von Fett oder Schinken vorsichtig sein, aber mit Schokolade und Kakao ausgeglichen, ließen wir es uns gut schmecken. Wunderbare Sahnebutter und Orangenmarmelade auf Keksen, Fruchtstangen, Karamellen und sonstige Süßigkeiten als Beigabe; Käse, Corned Beef und Pork, Schinken und andere fleischhaltige Büchsen; Erbsen, Bohnen und Mais, Zucker, Cerial, Büchsenmilch und Kakaopulver, sowie Kaffee und Lemon, Erdnüsse und Drops, kurzum, alles was ein hungriger Mensch sich wünschen kann, war in diesen Päckchen vorhanden.
Der erste Tag war mit Sortieren, Essen und Überlegungen der Zusammenstellungen gänzlich erfüllt. Endlich wieder einmal richtig satt zu sein und nicht in Versuchung zu kommen, einen Esspott sauber auszukratzen oder auszulecken, dieses wunderschöne Gefühl beherrschte uns alle. Kein neidisches Auge, das voller Hunger genau beobachtete, was der andere als Portion erhielt, mehr oder weniger, als man selbst bekam.
Aber man sieht immer wieder, dass eine gesunde Skepsis angebracht ist, denn die Zukunft lehrte uns, dass wir tatsächlich noch nicht entlassen waren! In Heilbronn wurden die Versehrten, über 50-jährige, Gruppe Post und Polizei zunächst in verschiedene Gruppen eingeteilt und dann in ein spezielles Offizierslager abgeschoben. Um unsere Formulare und ausgefüllten Entlassungsscheine kümmerte sich vorläufig kein Mensch. Zwar wurden wir hier von einer wahrhaft deutschen Lagerleitung eingegliedert, die keine Schikanen kannte und nur aus Offizieren bestand, aber für unsere Entlassung etwas zu tun, war sie nicht in der Lage.
Unsere Nerven wurden auf eine große Geduldsprobe gestellt. Aber infolge der reichlichen Verköstigung und verhältnismäßig anständige Umgebung wartete man geduldiger auf das Kommende als früher. Das härtere Lager auf der blanken Erde nahmen wir ohne besondere Aufregung in Kauf. Vielleicht reagierte man jetzt auch dem Schicksal gegenüber abgestumpfter, was sollte uns auch noch erschüttern!
So nahte endlich der 9. Aug 45 und damit die Entlassung für den größten Teil dieses Lagers. Nach schneller Ausfüllung von zwei Fragebogen wurden einige in ein anderes Lager zwecks „politischer Überprüfung“ gebracht, die anderen wurden in Entlassungszonen eingegliedert! Ich kam zur Entlassungsgruppe „Mannheim“. Nachdem ich nicht säumte, mir auch noch für diese aufregenden Stunden meine doppelte Verpflegung zu besorgen, die mir ein Arzt in der letzten Woche meines Heilbronner Aufenthaltes verschrieben hatte und die mich für die Heimfahrt etwas kräftigte, wurden wir in strömendem Regen hinaus vor den Stacheldraht geführt. Um 9 Uhr traten wir den denkwürdigen Schritt durch das Lagertor an, der uns der heiß ersehnten Freiheit entgegenführte. Am Bahnhof Heilbronn halfen uns mitfühlende Bürger auf die bereitgestellten Güterwagen, die wir ohne ihre Hilfe nicht hätten erklimmen können.
Damit endeten die schlimmsten Tage meines bisherigen Lebens und zurück blieb nur die Frage nach dem Warum! Wir kämpften für unsere Heimat, für unseren Glauben, für Ehre und Treue, für unsere Familien, Frau und Kinder. Und wie wurde es uns gedankt? Waren wir Verbrecher? Ich kenne keinen deutschen Soldaten, der sich nicht anständig und fair auch seinen Gegnern gegenüber benommen hätte. Ich hoffe und wünschte mir eine Ehrenerklärung vom eigenen Volk, von der Jugend und von denen, für die wir damals alles auf uns genommen haben!
Zum Nachdenken noch ein Wort von Prof E. von Dombrowski: „Es ist nicht Großes dabei, wenn ein Volk seine Krieger ehrt, die siegreich heimkehren. Aber wie groß und edel müsste ein Volk sein, das seinen Männern, die geschlagen zurückkommen, noch Kränze flicht".