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Bericht eines POW im Camp 380 in Ägypten

Anfang 1947 feierte ich mein „Zweijähriges Dienstjubiläum“ als POW im Camp 380, nahe des Großen Bittersees in Ägypten. Durch besondere, man kann sagen äußerst glückliche Umstände, hatte mich das Schicksal hierher, in dies afrikanische Land, geweht. Was hatte ich in diesen Jahren nicht alles erlebt. Zur Zeit waren 20 Kameraden mit mir in der Ausladestelle Abu Sultan damit beschäftigt, deutsches Militärgut aus Italien von Frachtschiffen zu entladen und zwecks Vernichtung weiter zu befördern. Engl Soldaten von den 46. Royal Engineers halfen uns dabei.

Eines Tages war es vorbei mit dieser Arbeit, die, obwohl sie nicht leicht war, auch viel Spaß bereitete. Es ging zurück ins Lager 380, zurück zum IGWC (Independent German Working Coy). Einige Tage später wurde ich zum Captain gerufen. Ich wusste sofort, dass es eine neue Arbeit für uns gab. Er bot mir eine „Navy Cut“ an, die ich aber ablehnte, da ich Nichtraucher war. Dann sagte er mir, alle, die bisher in Abu Sultan waren, sollten als Wachpersonal zum ATS (Auxiliary Territorial Service ) Camp wechseln. Dieses Lager befinde sich in der Nähe vom Camp 380 und müsse durchgehend bewacht werden. Die jungen engl Frauen dort seien alle freiwillig im Funkerdienst und tagsüber fast ausschließlich außerhalb des Camps. Ich sollte mich mit meinen Kameraden bei 1st Lt Wellington melden, und er gab mir ein entsprechendes Schreiben mit. Meine Frage, wie die Frauen anzusprechen seien, beantwortete er: „Nur mit Sir.“

Am nächsten Tag meldete ich mich mit meinem „Haufen" bei der Miss. Eine junge, adrett aussehende Frau in Uniform begrüßte uns freundlich und machte uns mit unserer Arbeit bekannt. Die vier Beobachtungstürme sollten Tag und Nacht mit Posten besetzt sein. Als „Waffe" wurden uns Knüppel ausgehändigt. Die Frau Lt teilte uns noch mit, dass diese Tätigkeit nur vorübergehend sein, da ihre Einheit bald nach England zurückverlegt würde.

Bis in den Mai hinein verrichteten wir zur vollsten Zufriedenheit der Damen die uns übertragene Aufgabe. Dann hieß es eines Tages Abschied nehmen, das ATS-Camp wurde aufgelöst und alle Funkerinnen waren froh, Richtung Port Said zu fahren, um auf einem dort vor Anker liegenden Truppentransportschiff Richtung England zu schippern. Als Andenken erhielt ich von Frau Lt ein Stoffemblem ihrer Einheit. Für uns „Bewacher" ging es wieder zurück zur deutschen Arbeits-Kp. Ich meldete mich beim Captain und er freute sich, mich wieder in seiner Nähe zu haben. Er räusperte sich, das war ein Zeichen, dass er mit mir etwas vorhatte. Und schon begann sein Vortrag: „Sie sind jetzt seit mehreren Jahren POW in Afrika, davon etliche Monate als „Interpreter". Ich muss Ihnen sagen, ich war und bin während dieser Zeit sehr mit Ihnen zufrieden. Ich habe bereits schon einmal mit Ihnen gesprochen über die Möglichkeit, Sie als Dolmetscher in meiner Kp zu behalten. Es gibt zwei Möglichkeiten, entweder schicke ich Sie aufgrund von MMC (Mixed Medical Commission) nach Hause, oder Sie bleiben solange in meiner Einheit, bis die letzten Deutschen aus der Gefangenschaft entlassen werden. Sie hätten dann natürlich den Status eines Zivilisten und bekämen ein Gehalt, ungefähr so hoch wie ein Warrent Offz (StFw). Überlegen Sie es sich und teilen mir Ihren Entschluss bald mit." Was sollte ich tun? Ich war hin- und hergerissen. Auf der einen Seite ein gesichertes Leben und gutes Einkommen, auf der anderen Seite ein Leben in Deutschland, wo ich nicht wusste, was mich in dem zerstörten Land erwartete. Ein Punkt allerdings rückte in den Mittelpunkt meiner Überlegungen: Meine Eltern. Als junger, achtzehnjähriger Bursche von Daheim weg, fünf lange Kriegs- und Nachkriegsjahre, außer ein paar Wochen Urlaub, nicht mehr zu Hause. Das war es wohl letztlich, das ich dem Captain mitteilte: möglichst bald zurück in die Heimat zu dürfen. Überrascht war ich, mit welchem Verständnis er meinen Entschluss akzeptierte. Er versprach mir, sofort alles Notwendige zu veranlassen, damit ich mit einem der nächsten Transporte nach Deutschland fahren könne. Ich erhielt zwei große Seesäcke, um sie mit vielen Dingen, die es sicher in Deutschland nicht gab, zu füllen.

In den Briefen von den Eltern war oft die Rede von Zigaretten, Schokolade und vor allem Nähzeug. Dasselbe stand in den Briefen an meine Kameraden. Ich wunderte mich zwar, dass Mutter immer wieder Nähnadeln erwähnte, aber wunschgemäß nahm ich einige Piaster und kaufte auf dem Basar in Ismailia diverse Packungen verschiedenster Nadeln. Wenn ich gewusst hätte, wie begehrenswert sie waren, hätte ich einen ganzen Seesack voll mitgenommen und wäre ein reicher Mann geworden. Ebenso verhielt es sich mit Zigaretten, von Schokolade ganz zu schweigen. Jedenfalls waren meine Seesäcke bald gefüllt.

Vom Captain erhielt ich Mitteilung, dass Mitte Juli von Port Said ein Truppentransporter in See stechen würde. Bis dahin hätte ich Freizeit. Es blieben mir also sechs Wochen. In dieser Zeit ging ich oft im Bittersee baden. Es gab zwei Badestellen in der Nähe vom Lager 380, eine nur für englisches Personal, eine für POW und Soldaten aus Mauritius. Mit diesen freundlich und kameradschaftlich gesinnten Soldaten ging ich öfters die Strecke zum Strand. Mehrere 100 m weiter sah man die Engländer baden. Auf die Frage, warum sie nicht mit ihren engl Kameraden baden könnten, mit denen sie ja zusammen gekämpft hätten und welche die gleiche Uniform trügen, erhielt ich keine schlüssige Antwort.

Dann war es soweit. Vom Captain erhielt ich eine Bescheinigung, dass der Inhalt beider Seesäcke mein Eigentum sei, und ich sie mit nach Deutschland nehmen dürfe. Ich verabschiedete mich herzlich von ihm, oft war er wie ein Vater zu mir, war er für mich da und gab mir so viel Freiheit, wie es ihm möglich war. Lange schüttelte er mir die Hand und wünschte mir alles Gute. Dann fuhr ich nach Port Said, wo ein Heimkehrerschiff vor Anker lag. Mit Wehmut fuhr ich noch einmal die Straße entlang, auf der ich so oft gefahren war.  Ade Afrika! Du warst mir für über zwei Jahre meines Lebens so etwas wie ein Stück Heimat.

In Port Said ging es auf ein „Liberty-Schiff“ (10.000 t). Sie wurden während des Krieges jeweils innerhalb weniger Tage fertiggestellt, um die Verluste durch deutsche U-Boote auszugleichen. Jeder von uns bekam einen festen Schlafplatz und nicht, wie bei der Herfahrt, eine Hängematte. Abends fuhren wir los. Das Stampfen der Maschinen konnte man gut hören. Auf freier See begann das Schiff zu schlingern, bald musste die meisten Kameraden Neptun Opfer bringen, auch ich hatte zwei Tage keinen Appetit. Das Schiffspersonal grinste immer, wenn es mit leckerem Essen an uns vorbei ging. Aber ab dem dritten Tag war alles wieder in Ordnung. Gegen Abend passierten wir Gibraltar, ein herrliches Bild! Ich stand an der Reling, schaute und schaute. Das Wasser war fast spiegelglatt und die leichten Wellen glitzerten silbern auf dem blauen Meer. Auf Backbord grüßte zum letzten Male Afrika herüber, während auf Steuerbord wuchtig die britische Bastion vorbeizog. Dann ging es in den Atlantik und nach 16 Tagen erreichten wir Cuxhaven. Alle schnappten ihre Seesäcke und schnell ging es per Bahn zum TrÜbPl Munsterlager. Das Wetter war herrlich, wie seit 50 Jahren nicht mehr. Uns, die wir aus dem heißen Afrika kamen, konnte es nur recht sein.

Ein paar Tage nach uns kam ein Zug mit Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion an. Wir trafen uns mit Ihnen, waren neugierig darauf, wie es ihnen in Russland ergangen war. Was wir beim Zusammentreffen mit ihnen erlebten, kann man kaum beschreiben. In Ägypten wurde uns ein Film über befreite KZ-Häftlinge gezeigt. Genauso abgezehrt und lethargisch erlebten wir diese Kameraden. Kaum zu glauben, dass die Elendsgestalten einmal kräftige frische Soldaten waren. Auf der einen Seite wir braungebrannten und gutgelaunten Afrika-POW, auf der anderen Seite die kaum noch ansprechbaren, abgemagerten, in blauer Arbeitskleidung steckenden Plennis aus Russland, die kaum noch die Kraft zum Laufen hatten und mit ihren Holzplatinen apathisch herumschlurften. Wir gaben ihnen fast alle unserer Cadbury-Schokolade und Butterkekse. Dabei haben wir erlebt, dass sich einige auf Knien bei uns „Afrikanern" bedankten. Wir waren irritiert und haben uns geschämt. Wir wollten keinen Dank, es war doch selbstverständlich, unseren alten Kameraden eine kleine Freude zu bereiten. Was hatte man bloß aus ihnen gemacht, was hatte man ihnen angetan? Sie hatten das Pech, auf der falschen Seite in Gefangenschaft zu geraten. Dazu muss man sagen, dass dies 1947 stattfand. Der Zustand der Kameraden, die später entlassen wurden, mag anders gewesen sein, weil ich glaube, dass sich mit der Zeit  die Situation in den russ Lagern gebessert hat.

Nach 14 Tagen in Munsterlager bekam ich meinen Entlassungsschein. Damit war ich wieder Zivilist. Mit zwei prall gefüllten englischen Seesäcken und einer geschenkten Fahrkarte brachte mich ein Taxi zur Bahn und ab ging es, Richtung Heimat.

Joachim Will, Bad Säckingen