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Tagebuchauszug des Flakoffiziers Helmuth K. als Batteriechef (Teil I)

Feuerstellung, den 06.06.1942

Ein äusserst seltenes Naturereignis rollt gerade ab:

es regnet!

Bei fast blauem Himmel vergiessen einige dünne Wolken kostbares Nass. Wie wohl und heimelig fühlen die Wassertropfen im Gesicht sich an!

Feuerstellung, den 07.06.1942

Noch arbeitet die Batterie an der Herstellung der Feuerbereitschaft mit 6 fabrikneuen 8,8 cm Geschützen. Den ganzen Tag - Sonntag hiess man diesen Wochentag früher - haben wir geschuftet. Und wenn um 2.00 Uhr der Tommy kommt, werden wir mit 6 Geschützen aufwarten, dass es ihm graust.

2 Kanonen wurden heute am Hafen von Derna aufgestellt zum Seezielbeschuss. Denn in Afrika macht alles die "Achtkommaacht!"

Jetzt, vor einer halben Stunde, wurden bereits 12 englische S-Boote in Bereitstellung in Entfernungen von 12 - 28 km vor dem Hafen von Derna gemeldet. Ich bin gespannt, was sich heute nacht noch tut, evtl. kombinierter Angriff See-Luft. Bei Rommel wendet sich wieder alles zum Guten. Er ist mit der Gruppe "Wolz", d.i. eine Masse geballter Flakeinheiten, von Bir Hacheim nach Norden vorgestossen und hatte heute morgen die Via Balbia bereits erreicht, während die Fremdenlegionäre bei Hacheim, bestehend aus Gaullisten, Indern, deutschen und spanischen Kommunisten, eingekesselt sind.

Der Abt.-Kommandeur hat mich heute abend furchtbar angekotzt, wegen einer Falschmeldung, die tatsächlich Lt. v. Rantzau gemacht hat. Es scheint aber noch was anderes mitzusprechen: ich bin ein Reingeschmeckter vom Stab, gut angeschrieben beim General, und zu allem hin ein ganz junger Oberleutnant. Wenn die mir auf diese Weise das Leben schwer machen wollen, pfeife ich darauf, mich hier aufzureiben, und gehe. Aber das Flakkampfabzeichen, und wenn möglich das EK I, will ich mir doch gern erwerben.

Es ist ja zweifellos ein ganz unverschämtes Glück, dass ich als jüngster Oberleutnant weit und breit die grösste Batterie einer motgl. Abteilung bekomme, und dazu noch als Reservist. Die anderen Herren, die durchweg aktiv sind, nehmen mir das schwer übel. So sind die. Und da soll ich aktiv werden? Nee, niemals.

Heimweh kriege ich immer dann, wenn unser vorsintflutliches Radio, gespeist von einer Autobatterie, schöne Tanzmusik bringt. Aber wegwischen - es gehört nicht hierher. Und Urlaub kriege ich bei den hiesigen Verhältnissen ja doch nicht.

Vor versammelter Mannschaft, die natürlich glotzten und die Löffel spitzten, vergriff sich dieser Oberstleutnant Schonger im Ton derart, dass ich sprachlos war. Zweimal lasse ich mir das nicht gefallen.

Wenn ich nur meine sechsschüssige Flinte schon so weit hätte, dass sie Abschüsse bringt. V. Rantzau wird etwas grossspurig. Na, Kunststück bei so einem Vater. Die Nächte sind hier widerlich kalt. Wir machen den Alarm im Übermantel wie im Mütterchen Deutschland.

Feuerstellung, den 09.06.1942

Morgen früh fliegt ein Fahnenjunker-Uffz. nach Deutschland. Er wird neben Käsetuben und Sardinenbüchsen den 3. Tagebuchband mitnehmen. Dann habe ich 3 in Sicherheit.

Seit 2 Nächten war der Engländer nicht da. Vor 2 Tagen war aber im Hafen von Derna grosse Aufregung. Die ganze Nacht über lagen vor den Hafen die englischen S-Boote unbeweglich auf Lauer. Aber nichts geschah. Ich war heute in Derna, der Luftgaustab ist immer noch schwer durchgedreht.

Heute wurde mir vom Hauptwachtmeister eine Feldpostkarte, die ein Kanonier geschrieben hat, der - einen Tag in Afrika ist und gestern zur Batterie versetzt wurde, überreicht:

"Liebe Freund, Die schönste Grüsse aus Afrika sendert dir Christian. Ich bin Munter und Gesund hier in der Wüste, wir sind mit 10 Man nach Afrika gekomen den es geht hir schwer runt. Die Bomben fallen, Flak schißt Mg Feuer und dan licht hir ein Tote und da ein fer wunderte. Und ein Sonne wärme das ist furg bar. Aber wir kämpfen und sichen wen wir sterben das ist ein soldaten Tot und Soldaten Tot ist das schönste Tot von allen."

So schlimm ist es zwar nicht, besonders er, der gute Christian, hat hier noch gar nichts erlebt. Aber man sieht, wie auch der einfachste Soldat von seiner Aufgabe überzeugt ist. Eins steht fest: die deutschen Fronten stehen, solange es nottut, noch jahrelang. Ich muss den Mann zusammenstauchen, ob seiner Schwindeleien, aber ich zweifle nicht, er wird seinen Mann stehen.