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Tagebuchauszug des Flakoffiziers Helmuth K. als Batteriechef (Teil II)

Feuerstellung, den 10.06.1942 - 11.00 Uhr

Mit dem heutigen Tage steige ich ins 2. Vierteljahr meiner Kriegszeit in Afrika. Und in einem weiteren Vierteljahr kann ich auf eine 6-jährige Dienstzeit zurückblicken. Stolz, aber wehmütig, um diese gemischten Gefühle mit Adverbien zu versehen.

Rommel hat vor einigen Tagen die Kampfgruppe "Wolz" gebildet. Sie sollte ihm helfen, die immer schwerer werdenden Durchbrüche durch die vielfachen englischen Linien zu erzwingen. Mit wechselndem Schicksal kämpft sie nun seit Tagen unter großen Verlusten. Oberst Wolz selbst ist leicht verwundet worden, als er auf eine Mine fuhr, sein Fahrer schwer. Einmal war die Gruppe "Wolz" eingeschlossen, dann konnte die Verbindung wieder aufgenommen werden. Der alte Haudegen steht Rommel prächtig zur Seite. Der Flak scheint wieder der Löwenanteil beschieden zu sein. Bis zur Via Balbia waren sie von Bir Hacheim vorgestoßen, aber nun ist wieder alles in englischer Hand. Ain el Gazala, Acroma, Adem, Hacheim - Wer weiss wie das weiter geht! Der Engländer ist unheimlich stark. Immer neue, bestausgerüstete Divisionen tauchen auf. Und Rommels Mannen kämpfen wie die Berserker. In der Luft scheint der Gegner stark geschwächt zu sein - er greift auch bei uns nicht mehr an.

Feuerstellung, den 10.06.1942

Der Feind flog einen Dämmerungsangriff auf unsere Plätze. Schneidig, aber ohne Erfolg. Das war aber auch schon der einzige Erfolg von uns. Wir waren völlig überrascht und als noch Bomben fielen, war alles durchgedreht. Sie waren ein bisschen nah. Verluste: keine.

Feuerstellung, den 12.06.1942

Habe ich eigentlich schon mal von Orden erzählt? Auch kein schlechtes Kapitel. Zuerst gibts hier nach 4 Wochen Anwesenheit in Afrika einen Orden an Grünweißrotweißschwarzem Band, der die Form einer Münze hat und darauf geprägt den Arco dei Fileni, den "Arco" wie wir ihn nennen. Hierzulande hat er verschiedene Namen, allgemein üblich ist "Schwitzorden, Achsendollar, Agedabia vor und zurück" usw. Dann gibt es den "Stella Coloniale" (zu dem ich auch schon eingereicht sein soll); wie der aussieht, weiss kein Mensch, aber alles redet davon.

Jetzt spielen wir Grammophon "Pres de Mexico" - das erinnert so an die Zeiten im Kasino der Flakgruppe Köln bei franz. Cognac aus flachen Schalen vor lauter Alarmen. Hier klatschen die Zeltwände im Winde, die Benzinlampe zischt hell und heiß, es zieht, Mokka duftet aus den Tässchen, und die Wüste erscheint so weit, so unüberbückbar.

Für heute Nacht plant der Tommy hier ein Luftlandeunternehmen. Wir gehen nicht schlafen, sondern warten voller Spannung auf den Feind. Maschinenpistolen hängen kriegerisch an der Tür, draussen wartet der LKW mit MG´s beladen, hu, wie kriegerisch.

Die Heimat spricht aus jeder zersprungenen Schallplatte.... "Sag beim Abschied - zack- leise Servus - zack, zack".... so knackt es, macht nichts, ist wenigstens Musik. Und es müssten viel mehr Grammophone da sein. Sie tun so gut.... diese alten Platten.

Wann kommt das alles wieder? Laue Abende, Musik, und keine Sorgen, Verantwortung, für Stunden wenigstens. Man sehnt sich danach.

Eintönig geht das Leben in der Flakbatterie. Der Tommy scheint unter Spritmangel zu leiden, denn er kommt nicht mehr. Und ich würde ihm so gerne den Laden mit meinen 6 Kanonen vollrotzen. An der Front sieht´s nach wechselndem Kriegsglück für uns wieder besser aus: Bir Hacheim war gestern endgültig in unserer Hand.

"Mondschein ... kann so romantisch sein" - ach, diese dummen Schlager, sie gehören hier in Afrika verboten.

Gestern war ich in Derna. Im Bazar. Ich kaufte schließlich eine schöne, grosse handgewobene arabische Tischdecke, mit Suren des Korans eingewoben, für 900 Lire. Und ein kleines Deckchen mit echter Silberstickerei, für 180 Lire. Erstere habe ich von 1500, letztere von 240 Lire runtergehandelt. Ein handziselierter Messingteller für 240 Lire hatte es mir auch noch angetan, und er ist wirklich wunderschön.

13.06.1942 20.00 Uhr

Von Rantzau hat heute Geburtstag. Es gab - von der Küche spendiert - ein wundervolles Essen: gebratenes Fleisch. Salzkartoffeln, viel braune Zwiebeln und grünen Bohnensalat mit Zwiebel. Dann fabelhaften Eierpudding mit Kirschkompott. Und heute abend haben wir uns mal wieder das Flakeinheitsessen - Bratkartoffeln - gemacht.

Und nachher kommen die "Gäste" zum Umtrunk.

Aus dem Luftlandeunternehmen wurde nichts. Aber einen tollen Streich hat der Tommy sich geleistet. ----- Uiih! Das war grad ein Dämmerungsangriff. Der Tommy rotzte uns kurz den Laden voll. Ohne Erfolg - die Batterie arbeitete schon ganz anständig. 6 Bostons flogen frech durchs Gelände.

Jetzt kann ich nicht weiterschreiben, denn der "gesellige Teil" des Geburtstags beginnt, nachdem 95 Schuss draussen sind in 4 Minuten.