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Tagebuchauszug des Flakoffiziers Helmuth K. als Batteriechef (Teil V)

Bir el Ueszat bei Ain el Gazala, den 17.06.1942

23.30 Uhr. Kerzenlicht, matt, trübe. Seit 4.00 Uhr sind wir auf dem Beinen. Der Kanonnendonner von Tobruk dröhnt von Osten. Um 7.00 Uhr setzte sich die Batterie in Marsch, über Um-Er-Zem, Bomba Bucht-Tmimi nach Ain-el-Gazala. Und todmüde jetzt. Deshalb nur kurz. Der Marsch der Batterie ging glatt. Die Stellung ist taktisch schön, aber in übelster Wüste. Der Empfang war herzlich. Die Fahrzeuge waren gerade in die Stellung eingewiesen, da erschienen aus blauem Himmel, pfeifend, fauchend, bombenschmeissend der Tommy mit 8 Hurricane. Erst bewarf er einen flugplatz und schoss mit dem MG. Dann, als ich "Feuer frei" für den leichten Flaktrupp brüllte und meine beiden 2 cm Kanonen von den Fahrzeugen herunter irrsinnig feuerten, beachtete er auch uns und mähte mit widerwärtigen ausdauernden MG-Stössen auf uns herum. Alles außer der Flaktrupp lag flach im Geröll der Steinwüste. Und nichts passierte! Obwohl kein Splitterschutz, nichts, gar nichts da war. Zwei, drei Meter vor mir prallten die Leuchtspurgeschosse auf, doch zum Nachdenken war die Zeit zu kurz. So stellten wir und gegenseitig in "aller" Form (oder in bester Form) vor. Was die 8,8 cm Geschütze nachmittags versäumten, holten sie vor 1 Stunde nach. Eine Maschine kam an, in 3000 m Höhe, wir schossen neun haarscharfe Gruppen, sie verlor an Höhe, fiel, fiel, stürzte, heller Brandschein, aus! Weg war sie! Der Tommy weiß nun, dass wir da sind. Und morgen macht er seine vielseitigen Gegenbesuche. Es wird harte Tage geben, hier dicht am Rande des durch Sondermeldung bekanntgegebenen Kessels. Lt. v. Rantzau such morgen ab 05.00 Uhr die Maschine. Wir sind alle hundemüde, dick verstaubt und verdreckt, die Augen tränen und der Bart spriesst. Es gibt kein Wasser hierherum. Alle Brunnen sind vom Feind kaputtgemacht. Nicht schön, aber interesant. Oder besser: nicht angenehm, aber schön.

Wir fanden hier eine kleine Naturhöhle, etwa 20 m lang, 5 m breit, über mannshoch. Da sammelt sich während der Regenzeit das Wasser. Von oben ist ein Loch gebohrt, da holen sich die Araber dann das Wasser raus. Also ein "Bir" - ein Brunnen. Und in dieser Höhle sitze ich nun mit brennenden Füssen, brennenden Augen und brennender Haut und schreibe, todmüde. Aber nicht mehr viel. Die Schlacht schreitet rüstig vorwärts. Der Tommy wird geworfen. 2 Geleitzüge nach Tobruk, einer von Gibraltar und einer von Alexandria, wurden zum Umkehren gezwungen, nachdem 56.000 BRT versenkt wurden. Rommel schafft es in alter Frische! Nun 1 Stündchen Schlaf, dann ist doch wieder Alarm.

Bir Ueszat, den 18.06.1942, 08.30 Uhr

Durch Bombendonner geweckt. Sehr hohe Angriffe. Nichts zu sehen. Noch furchtbar müde sind wir. Die Knie zittern. Heute gibts wenigstens Kaffee. Das Wasser muss 160 km weit geholt werden. Während der Nacht konnten wir zusammenhängend höchstens eine halbe Stunde schlafen. Und jetzt auch den ganzen Tag auf höchster Alarmstufe. Wir können die Geschütze nicht verlassen.

Die Decknamen der sich hier getroffenen Flakeinheiten sind nett: Kamel (das sind wir), Skorpion, Eidechse, Planet, Klein Erna ... nett was?

15.00 Uhr

Wir schwitzen - es ist furchtbar. Und dabei fast den ganzen Tag draussen an den Geschützen. Jetzt sind alle 6 da. Nur die Schreibstube blieb liegen, durch Tiefflieger.

16.30 Uhr

Die dauernden Angriffe sind zum Auswachsen. Die MG Schüsse von gestern (aus dem engl. Jäger9 lagen bei nachträglicher Prüfung doch verdammt nahe: 2 Meter.

Heute schiessen wir mit Karabiner auf englische Minen, weil wir sie nicht entschärfen können une keine Pioniere da sind. Lt. v. Rantzau ist seit 05.00 uhr weg, um die Absturzstellte zu suchen. Er ist noch nicht zurück. Hoffentlich hat ihm der Tommy nichts getan. Der Feldmarschall rief vorhin hier an: Man sieht: höchstes Interesse an diesem wichtigen Einsatzort. Zur Abrundung des Geschehens bekommen wir morgens Artilleriefeuer vom Tommy.