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Tagebuchauszug des Flakoffiziers Helmuth K. als Batteriechef (Teil VI)

Ain-El Gazala, 20.06.1942 15.00 Uhr

Bardia genommen. Fort Capuzzo besetzt, in Tobruk auf 10 km Breite eingedrungen! 18.00 Uhr: Befehl zum Stellungswechsel der Batterie El Adem 16 km südlich Tobruk!
Und ich bin seit gestern krank. Erst 40 Grad Celcius Fieber, dann Mandelschwellung: Angina. Der gute v. Rantzau hat masslos zu schuften. Ich kann mich vor Fieberschmerzen nicht rühren. Aber auf keinen Fall gehe ich von der Batterie weg. Gerade kommt durch: unsere Truppen weit über die ägyptische Grenze hinaus.

In der Wüste bei Acroma, 21.06.042 11.00 Uhr

Hier rollt meine Batterie. ich muss Reifen wechseln. Wahnsinnig heiss, wahnsinnig staubig. 21.06.: Sommers-Anfang in Afrika - dass ich nicht lache! Und ich dabei, trotz Angina. Das Fieber ist Gottseidank seit heute morgen vorbei. Den Ueberweisungsschein fürs Lazarett hatte ich schon.

El Adem, 21.06.1942 18.00 Uhr

Das ist afrikanische Hitze heute: Wasser in Blechflaschen war so heiss, dass man sich beim Trinken verbrannte! Kein Afrika - Latein! Herrgott - war das ein Tag! Afrikanischer Krieg in der Potenz, wie keiner ihn sich vorstellen kann, der ihn nicht miterlebt hat.

Aber schnell trotz größter Müdigkeit kurzer Bericht:
50 km durch staubige Pisten. Tommies werden vorhergetrieben, Verwundete, Leichen, Fahrzeugtrümmer, kleine Gefechte, unsere 2 cm wehrte Panzerspähwagen ab, weiterfahren, Sandstürme, Achsenbrüche, Tieffliegerangriff. Dann Stellungserkundung in El Adem südlich Tobruk. Und am Mittag: Tobruk ist genommen! Es soll bereits als Sondermeldung gekommen sein. Aber die Strassen ringsherum noch voll feindlicher Kräfte. Um 19.00 Uhr sollte ich mit 2 8,8 los zum Panzerbeschuss. Als ich abmarschbereit war, wurde abgeblasen, weil unsere Panzer selber fertiggeworden sind.
Und alls das mit kräftiger Angina, Fieber und Gallenschmerzen. Von der Hitze sind die Lippen geschwollen und geplatzt - es ist hart - sehr hart. Und zu trinken: pro Tag eine Feldflasche Kaffee oder Wasser, etwa 50 Grad warm, zum waschen: 1 Liter Salzwasser. Gestern erhielt ich viel Post nachgesandt. Kann nicht antworten. Keine Zeit, kein Feldpostamt, zu müde ... Einmal schon Fliegeralarm.

El Adem, 22.06.42 00.35 Uhr

Mehr draussen als in der Falle....

Das ist das masslos komplizierte und aufreibende: es gibt keine "Front" im alten gewohnten Sinne. Es sieht um uns herum etwa so aus:

Irgendwie ist hier jeder eingekesselt, das zeigt die Karte, deren Stand sich stündlich verändert, klar. Heute abend war der Tommy bis 1 km nördl. El Adem. Genau genommen sind wir eingeschlossen. Bringt er, auch nur mit schwachen Kräften, die Zufahrtspiste (punktiert) in seine Hand, können wir nicht mehr raus. weil alles drumherum vermint ist.

Heute haben wir ein paar nette Tommies gefangen, wie meine Batterie durch den schmalen, tommiverseuchten Streifen an der punktierten Linie durchfuhr. Beinahe hätten sie uns gefangen, dann schoss meine 2cm ein bisschen, dann kamen sie her und wollten Wasser haben. Die Leute sind enorm verpflegt. Weiss der Deibel, wie das alles rüberkommt trotz der Schiffsversenkungen.

Heute sagte der General, Rommel wollte weiter durchbrechen bis nach Ägypten, bis nach Kairo!Schön wärs ja, aber eine fast unmenschliche Anstrengung. Wir haben jetzt schon quasi die Schnauze voll. (Ich schreibe jetzt so viel, weil ich wegen erhöhter Alarmbereitschaft nicht schlafen darf). Die Panzerdivisionen Rommels sind von 200 auf 30 Panzer dezimiert und damit will er´s schaffen! Aber erst kommt der Halfaya Pass, der schon einmal viel Blut kostete und dzau will sich der Tommy, wie man hört, in Marsa Matruh festsetzen. Na, mal sehen. Dann aber Urlaub. Wenn nur die Angina nicht unliebsame Folgekrankheiten hinterlässt. Noch immer kann ich kaum schlucken, auch Fieber ist noch da.

Tobruk, El Adem, 22.06.42 24.00 Uhr

Unser Rommel ist Feldmarschall geworden! Und er jagt weiter! Und wir mit! Morgen früh gehts wieder vor! Ein Taumel des Vormarsches hat uns erfasst. Afrika gehört uns! Bis Alexandrien wollen wir. Die Spitze soll vor Marsa Matruh, also weit in Ägypten stehen.

Den ganzen Tag warte ich auf Beute. Alles hat der Tomy liegen lassen. 1 Zentner Tee habe ich hier! Keine Ruhe gibts mehr. Aber das Leben ist schön und wild. Atemraubend, berauschend in seinem sieghaften Geschehen.