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Tagebuchauszug des Flakoffiziers Helmuth K. als Batteriechef (Teil VII)

GAMBUT, 24.06.42 22.00 Uhr

Und weiter gings. Hier sind wir heute in Stellung. Hoffentlich nicht lange. Der Vormarsch hat eine Geschwindigkeit angenommen, die grausen lässt. Die Kolonnen jagen, im 5m Abstand, ohne Lücke nach vorn. Kein Fahrzeug fährt gegenläufig. Wer hängen bleibt, wird irgendwo angehängt, aber vor muss er. Oft hat ein starker LKW 3 andere angehängt. Die meisten Fahrzeuge sind Beutefahrzeuge. Instandgesetzt, beladen, nach vorn.

Alles rollt, alles ist in Bewegung. Truppen, Lazarette, Flugplatzpersonal, Horstkompanien. Fernsprechkompanien, Flak, Flieger alles immer nach vorne.

In Gambut sind wir heute von El Adem her bei Dämmerung eingetroffen - Flugplatzschutz. Es wäre soviel zu erzählen, aber müde - zu müde. Wir essen den ganzen Tag nichts, aber abends wird gekocht aus besten englischen Konserven. Dazu schwarzer Tee mit Büchsenmilch. Waschen, rasieren: nein. Kein Wasser, keine Zeit. Nur vorwärts! Und dazu Fahrzeuge und Waffen in Ordnung halten.

DIe Tage sind erschreckend heiss. Bis 16.00 Uhr heute 75 Grad in der Sonne! Dann plötzlich ein Sandsturm , der einen nur so japsen liess. Ich fahre während des ganzen Vormarsches selbst. Und dann: Von Tripolis bis Tobruk bin ich jetzt selbst am Steuer gewesen. Ein unbeschreibliches Gefühl, dieses im Siege Durchjagen des Kontinents. Kairo! Unser Ziel. Nur die Lippen sind völlig hin. Hitze und Durst. Heute hatten wir 1/4 Liter Kaffee bis um 20.00 Uhr, dann war der Wasserwagen da, der aus 200 km Entfernung, das bisschen Wasser bringt.

Soll man nun damit die Zähne putzen oder es trinken? Ich pfeife auf die Reinlichkeit. Wir alle begreifen diesen Drang des Tommys nach Osten nicht. Nur vorwärts. Der Tommy hat genug Benzin stehen lassen. Wir tauchen sogar unsere verschwitzten Kleider nur kurz hinein und schon sind sie sauber. Riecht schlecht? O je, es riecht zur Zeit noch mehr schlecht an uns!

SIDI BARRANI, 25.06.42, 18.40 Uhr

Und dieser Tag hat mich als nach Ägypten geführt. Um 12.00 Uhr verliess unser Wagen die Via Balbia, um durch ein kurzes Wüstenstück auf die enge Strasse zu kommen, die ihren Ausgang in Kairo nimmt. Sidi Barrani - bekannt von Rommels vergeblichen weiteren Vorstössen im letzten Jahr - liegt 80 km weit in Ägypten drin. Heute früh halb Sieben kam der Befehl zum Stelungswechsel. Es sind 180 km.

Infolge unserer Bemühungen sind wir nun wieder voll motorisiert. Mit 35 Fahrzeugen ging die Batterie auf den Marsch. Vorn am Platz in Gambut stand Feldmarschall Kesselring und nahm den Vorbeimarsch, der staubigen, bartigen, strahlenden Gesichter ab. Ich meldete ihm und stand währenddessen neben ihm. Jedes Fahrzeug begrüsste er mit "Heil Kanoniere" und in guter Ordnung rappelte der Haufen vorbei.

Auf den Strassen ist ein wahnsinniger Verkehr, besser gesagt, Strom nach Osten, denn in Gegenrichtung fährt höchstens mal ein Meldekrad.

Ich war in Bardia, dass auf hohen Felsen über dem Meer liegt. Nur noch Ruinen, zwischen denen herrliche Blumen blühen. Die ersten Blüten seit langem, und wir banden einen Strauss an den Wagen. Dann Sollum: "Ober"-Sollum - auf dem Berg, "Unter"-Sollum am Meer. Dazwischen eine halsbrecherische Serpentine, deren Kurven der Tommy sauber gesprengt hat. Eine Stunde später liegen wir dort am Berg, ein Fahrzeug hinter dem anderen, mit 1 m Abstand. Ich fahre selbst, der Fuss wurde müde vom Bremsen. Der Fahrzeugstrom ist unbeschreiblich. Ich überholte etwa 2000 Fahrzeuge. Erst jetzt fährt Artillerie vor, Rommels Panzer sind ihr weggelaufen. Und unsere Flieger, und wir als Platzschutz mit, verlegen so rasch als irgend möglich. Wir fahren alle mit englischem Benzin, denn eigenes kommt nicht mehr nach.

Jetzt sitze ich auf einem Feldstuhl neben dem Wagen. Die Stellung ist erkundet und ausgepflockt, dei Batterie wird aber wohl erst bei Nacht hier eintreffen.

2 Beaufighter griffen hier gerade den Platz an, sodass wird unter den Wagen mussten. Bald wirds weiter gehen. Fahrzeuge und Menschen sind bis zum Äussersten beansprucht. Aber es geht um einen grossen Einsatz und jeder ist gewillt, ihn zu gewinnen.

Marsa Matruch sei gefallen oder würde heute fallen, wird hier gemurmelt. Dann gibts als Hindernisse nur noch das Klima und die Natur. Was uns betrifft - wir brausen durch. "Kleine Fische" - "Piccole pesce" pflegen wir mit Geringschätzung zu sagen.

Die Via Balbia kenne ich jetz also von der tunesischen bis zur ägyptischen Grenze. Sie hat uns gute Dienste geleistet, das graue Band im gelben Sand....