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Tagebuchauszug des Flakoffiziers Helmuth K. über das Reisen in Afrika

Bengasi, den 15. Mai 1942

"Anhalter Bahnhof" ist jedem in Berlin Bekannten ein Begriff. Aber auch jedem Afrika-Soldat, nur in wesentlich anderem Sinne. Hierzulande reist man "per Anhalter Bahnhof". Nicht etwa kurze Strecken von Vororten zur "Stadt", nein, über 1000 km Strecken wird diese Beförderungsmethode verwandt. Sie besteht darin, dass z. Bsp. ein von Bengasi nach Tripolis kommandierter Soldat seinen Rucksack aufpackt und auf die Ausfall-Strasse, Richtung Tripolis, also auf die Via-Balbia, marschiert. Dort setzt er sich auf seinen Rucksack und wartet. Bis ein Fahrzeug kommt, das dauert nicht lange, bei dem herrschenden WH, WL und ital. Wehrmachtsverkehr. Dann winkt er, das Fahrzeug hält. "A Tripoli???" - "Si, salite" - "Grazie, avanti". Und schon braust er ab, Richtung Tripolis, per Anhalter Bahnhof. Aber nicht immer geht´s so glatt. Denn nicht jedes Fahrzeug fährt nach Tripolis. 80% der vorbeikommenden Fahrzeuge fahren zum Flugplatz Berca, oder zu einem Munitionslager oder sonst irgendwohin in der Nähe. Dann heisst es wieder warten und es wieder versuchen. Fahrzeuge mit roter Fahne (Munition!) und Fahrzeuge mit Sprit müssen ausgenommen werden - die sind verboten. Andere sind zu voll beladen. Aber irgendwann klappts immer. Und bei dieser Masche sind die Italiener zu bevorzugen. Denn ihre Kameradschaft, Gefälligkeit und Hilfsbereitschaft kennt keine Grenzen. Nie wird man einem "Ita" vergebens winken. Er hält immer. Die Deutschen, besonders die WH-Wagen, fahren oft vorbei, staubend, prustend, stinkend, kalt und ungerührt. Dabei ist diese Reisemethode die einzige Möglichkeit und die offiziell anerkannte. Grössere Trupps reisen selbst so. Sie verabreden sich, da sie auf den verschiedensten Fahrzeugen mitgenommen werden, irgendwo 500, 1000 km weiter mit ihren Kameraden. Und es geht keiner verloren. "Der Anhalter" - Sport in unserer Jugendzeit, heute kriegsmäßiges Verkehrsmittel über Tausende von Kilometern am Rande der Sahara.