Sie sind hier: Startseite » Zeitzeugen » Tagebücher und Erinnerungen » Tagebuchauszug des Flakoffiziers Helmuth K. über den zweiten Angriff auf Tobruk

Tagebuchauszug des Flakoffiziers Helmuth K. über den 2. Angriff auf Tobruk

Bomba-Bucht, den 27. Mai 1942

Wüste, Motorendonnern, Detonationen, Staub, Dreck, wahnsinnige Helle, fieberhafte Spannung, eiserne Geishter unter Schmutz und Schweiss - das ist das Mai-Ende nach Wüsten-Pfingsten. Ich sitze seit gestern Abend an der Bomba-Bucht mit einem vorgeschobenen Kommando des Luftgaustabes. Seit gestern früh rollt der Angriff auf Tobruk. Die Heimat weiß noch nichts davon - unsere Feldpost erzählte denen in der Heimat auch nichts, denn wir dürfen ja nicht, und die OKW Berichte lassen sich Zeit. Aufgrund meines Sonderauftrages wurde ich vom General selbst in die Lage und Planung eingeweiht.

So war die Ausgangstellung.
Lage: Feindliche Kräfte bis 10 km vor Tmimi, insgesamt 4000 Fahrzeuge, weitere feindl. Kräfte überall ostwärts der Linie Tmimi-Süden.
Plan: Das DAK marschiert am 26. morgens Richtung Bir Hacheim, das abends erreicht wird. Nach Passieren stossen die ital. Einheiten nach NO, Richtung Küste vor. Bei Hacheim schwenkt das DAK herum und stösst in breiter Front in nordwestlicher Richtung, also mit verkehrter Front gegen die englischen Truppenansammlungen vor. Ein weiterer Keil wird hart westlich Tobruk an die Küste getrieben. Dadurch soll der Engländer zwischen Ain el Gazala und Tobruk eingekesselt werden. Ein dritter Keil geht zur Sicherung nach Osten vor.

Am Anfang des 2. Tages sieht es so aus - also heute morgen:

(Kurze Unterbrechung: gerade rauscht in der Dämmerung ein englischer Angriff auf uns herab)

Rommel stiess programmmässig bis Hacheim durch. Die Stukas fliegen alle 1 1/2 Stunden einen Einsatz, auf Truppenansammlungen bei Ain el Gazala. Seit 2 Tagen. Gleichzeitig wird Tobruk Tag und Nacht bombardiert. Die Aufklärung litt stark unter der wahnsinnigen Staubentwicklung in der Wüste und auf den Flugplätzen.

Für mich gibt es viel zu arbeiten. Zweimal am Tag ist der General mit dem Storch da. Ich erhalte meine Aufträge, nehme meinen schweren geländegängigen Kübelwagen und die Staubbrille und brause los - durch die Wüste, an der Front herum. Wir sind hier primitiv, aber nett eingerichtet. 4 Offiziere und 13 Mannschaften in 4 Zelten. Bei mir, mit mir wohnt Oberleutnant Schmidt, wird Kaffee gekocht, unser Funkgerät bringt uns Musik aus der Heimat, und draussen am Himmel singen Vickers-Wellingtonmotoren und Flakgranaten ihr Lied. Ein Tiefangriff durch englische Jäger heute abend ging gut ab - nur einige Löcher in den Zelten. Morgen soll ich mit dem General zu Rommel vor. Ich bin gespannt, ob wir ihn finden.

Der Feind hat - weiß Gott warum - ausgerechnet, als sie am meisten drohten - seine Angriffe auf Bengasi und Derna eingestellt. In beiden Häfen, die proppenvoll sind, wird Tag und Nacht wahnsinnig entladen. Auf den Strassen rasen die Kolonnen frontwärts, kaum gestört vom Feind. Prähme der Marine fahren an der Küste entlang bis vor auf unsere Höhe. Gestern wurde ein Prahm, das sind flache eckige Kähne, von 2 englischen Schnellbooten in der Bomba-Bucht angegriffen. 4 Torpedos gingen wegen seines geringen Tiefgangs unten durch, bis es dem Prahm zu dumm wurde und er seine 7,5 cm Kanone nahm und ein Schnellboot versenkte. nicht schlecht, was?

So läuft hier also der Krieg, und alle sind guter Dinge. Der Staub ist furchtbar, Gelegenheit zum Waschen meist keine. Wir sehen aus wie Schweine im wahrsten Sinne des Wortes. Aus Sand und Schweiss bilden sich schmierige Streifen, die Wäsche ist rotbraun, und zu jeder Mahlzeit frisst man viel Dreck.

Im Tornisterempfänger spielten sie eben "Der Student geht vorbei". Aber nicht denken - jetzt ist nicht die Zeit dazu. Hier wird erstmal der "Orlog" fertiggerommelt: Hoffentlich reichts bald zu einer Sondersendung. Da der Tornisterempfänger nur einen Kopfhörer besitzt, haben wir uns - findig wie alle Afrikaner - einen Lautsprecher geschaffen. Kopfhörer im Tropenhelm und wunderbar voll verstärkt schallen die Töne durch´s Zelt. Aber tagsüber ist es heiss. Man verdorrt bei lebendigem Leib, Trotzdem lässt sich die Hitze bis jetzt ganz gut vertragen. Die Nächte sind noch immer kalt. Viele Leute haben entsetzlichen Durst, ich kann nicht klagen, ich trinke nur abends, dann aber viel, denn dann wird es nicht rausgeschwitzt.