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Tagebuchauszug des Flakoffiziers Helmuth K. über seine neue Aufgabe

Feuerstellung, den 03.06.1942

Neue Aufgabe! Batterie-Chef einer schweren Flakbatterie! Gestern Abend durch Funk zurückgerufen. Heute morgen übernahm ich eine Batterie, die aus 1 Geschütz, Kdo.-Gerät und Flakmessgerät besteht. Das andere ist zumeist abgezogen; z.T. vernichtet worden. Der General will - mit mir als Battr.-Chef - eine Musterbatterie aufstellen, die in den nächsten Tagen auf 6 Geschütze und voll motorisiert werden soll. Das wäre dann die grösste mot.gl.-Flakbatterie Afrika´s - mit allem ausgerüstet, was das Herz des schweren Flakartilleristen begehrt.
Das Problematische daran ist, dass der General bereits heute Nacht - mit 2 Geschützen - Abschüsse von mir erwartet! An mir soll´s nicht liegen - ich möchte ihm den Wunsch gerne erfüllen und setze meine ganze Ehre drein, hier etwas zu schaffen, das "hinhaut". Aber viel Arbeit wird es kosten. Das ganze Personal wird erst aus Italien zugeführt. Und schon drängt der General.

"Mein" Messoffizier ist der Leutnant von Rantzau, der Sohn des Generals v. Rantzau, der z.Zt. die 2. Division (Leipzig) führt. Ein netter und frischer Junge.

Feuerstellung, den 04.06.1942 - 21.00 Uhr

Eine Nacht und einen Tag in der Batterie. Bis heute mittag fühlte ich mich fremd. Aber jetzt fühle ich mich langsam wieder in meinem Element. Eine Batterie - und dann als Chef - wenn nur die Erfolge kommen. In der vergangenen Nacht war Alarm von 24.00 Uhr - 6.30 Uhr. Wir schossen mit 2 Kanonen. Erfolge: vielleicht ein Abschuss, der ins Meer fiel. Aber es ist nichts zu beweisen. Es gibt wahnsinnig Arbeit. Tausend Dinge sind zu tun, die eine solche Batterie verlangt. Und wieder, wie jeden Abend totmüde. Deshalb gehts ins Bett, dann kommt der Tommy, der hier uns wüst mit Bomben beschmeisst.

Feuerstellung, den 05.06.1942

Heute Nacht fiel ein Geschütz durch Rohrkrepierer aus. Aber es ist gottseidank nichts passiert. Der Geschützführer, ein 18-jähriger Fahnenjunker-Uffz., hat noch ein bisschen gezittert, als es vorbei war. Hat sich aber gut gehalten. Am Schluss der Gefechtstätigkeit hatten wir noch eine Kanone, da an der anderen die Zünderstellmaschine ausfiel. Da schossen wir beim nächsten Anflug mit einer Kanone - und schossen den Burschen ab! Heute Abend konnte ich die Abschussmeldung machen. Der General sagte vorgestern in seiner Art: "Spätestens am 2. oder 3. Tag erwarte ich einen Abschuss von Ihnen!" Da ist er!

Die Leute der Bedienungen sind jung und drahtig. Und ich werde ein besseres Arbeiten haben als seinerzeit mit den Krüppeln der Heimatbatterie. Hier sind schon eine ganze Reihe 18-jähriger Jungens dabei, die schon 1 Jahr dabei sind. Diese Abteilung war schon in Holland (Eben Emael), Frankreich und Griechenland dabei.

Die Karbidlampe gluckst und stinkt, das Radio bringt träumerische Tangos vom Sender Tunis. Und in 3 Stunden kommt der Tommy. Ich habe wieder eine Aufgabe. Ihre Grösse kommt mir erst in den paar Minuten abendlicher Ruhe zum Bewusstsein. Doch ich werde sie meistern, bis zum Letzten. Es ist scheusslich kalt hier, die Nächte sind ungemütlich, und bei den stundenlangen Alarmen friert man mächtig.

Tango - es schleicht sich wieder ein Sehnen nach Samt, Teppichen und Gemütlichkeit ein, das elegante Hotels, rote Tanzräume, Kapellen im Frack, elegante Frauen und kühlen Wein auftauchen lässt aus dem ungewissen Grau der nächtlichen Steppe, über die kaltes Mondlicht flutet und wo Disteln im Winde rascheln.

Deutschland, Heimat, Urlaub. So sehr sehnen wir uns danach, und so gross ist die Angst vor ihren Enttäuschungen. Unter dem Zwang der Not ist sovieles schlecht geworden. Und wir suchen die Liebe und Freundschaft bei jedem Volksgenossen dort drüben, so wie hier jeder uneingeschränkt der Kamerad des anderen ist. Das kennen die drüben nicht. Und doch leiden wohl wir hier die grössere Not, nämlich die unerbittliche Härte eines sich täglich verschärfenden Krieges mit einem (besonders in Afrika) mächtigen Gegner.

Manchmal fragen wir uns: sollen wir überhaupt in Urlaub gehen, wo wir hier über Steppen, Pisten, Dschebel und Wüstensand hinweg ein Gebilde aus einem Guss sind, einem Schicksal geweiht, dem hier so oft todbringenden Einsatz der letzten Faser.

Die Kreuze an allen Frontstrassen mehren sich, und nach Stunden schon liegt über den roten Hügeln der graue Staub, der hier die Lebenden und Toten gleichmacht vor dem verbissenen Kampf eines kleinen, stolzen erwählten Heeres in artfremden, unverständlichem Land.