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Tagebuchauszug des Hans Greim über den Angriff auf Tobruk

Afrika, den 27. Juli 1942
Angriff auf Tobruk

Nachdem unsere Einheit den Angriff auf die Gazala-Stellung, der als Scheinangriff die englische Aufmerksamkeit an der Küste fesseln sollte, während das DAK durch die Wüste auf Bir Hachheim vorstieß, beendet hatte, gingen wir einer 14 Tage dauernden Ruhe über und setzten uns erneut am 16.6.1942 in Marsch, Im Verband einer Vorausabteilung wurde die Gazala-Stellung umgangen und hinter dem Ort Gazala trafen wir nach unserer Wüstenfahrt die Straße wieder, Unzählige LKW wurden erbeutet und zahlreiche Gefangene gemacht, da ja das DAK bei El Adem bis an die Küste vorgestoßen war, damit gleichsam den im Raume von Gazala eingesetzten englischen Truppen den Rückweg nach Tobruk abschneidend. Bis dahin war unsererseits noch nicht festzustellen, ob seitens der oberen Führung geplant war, Tobruk in der,altbekannten Weise wieder einzuschließen oder im Sturm zu nehmen. Einen Tag lang lagen wir also westlich vor Tobruk. Es war der 18.6.1942.
Am Nachmittag dieses Tages wurden wir von Italienern abgelöst, und es ging wieder durch die Wüste, so dass wir, am Bestimmungsort angelangt, uns SÜdostWärts von Tobruk befanden. Wir waren auf dem Trigh Capuzzo gelandet, unweit des Platzes, der uns im November vorigen Jahres für Wochen Rastplatz gewesen war.
An Nachmittag des 19.6. wurde uns also klar, dass wir auf Tobruk eingesetzt werden würden. Gegen 17.00 Uhr begann die Abfahrt in die Bereitstellung, die aber zunächst noch nicht dort, wo geplant bezogen werden konnte, da der Feind sonst zu sehr auf uns aufmerksam geworden wäre. Im Schutze der Dunkelheit wurde dann die Bereitstellung bezogen. Es war genau 24.00 Uhr als wir, d.h. der Komp.-Führer, 1 Melder und ich, dazu ein Zug der Kompanie in unserem Raum eintrafen. Die noch zurückgelassenen Teile der Kompanie wurden nun herangeführt. In der Zwischenzeit hatte ich Gelegenheit, mich meinem Melder, einem ebenso lange in Afrika eingesetzten Kamerad und Freund, über die Lage und über das, was uns bevorstand, zu unterhalten. Nun, um es kurz zu machen, wir sahen schwarz. Die selbst erfahrene und mitgemachte Belagerungszeit des Vorjahres wollte optimistische Gedanken nicht aufkommen lassen. Mit gemischten Gefühlen warteten wir also auf den Morgen.

Angriffsbeginn: 5.20 Uhr,

Angriffsziel: Bunker 62, 63 und 64.

Marschrichtungszahl 2.

Es kam 3 Uhr, 4 Uhr, 1/2 5 Uhr heran, aber was nicht kam, unsere Kompanie. Wir saßen wie auf Kohlen. Plötzlich, kurz vor 5 Uhr, war sie da. Lagebesprechung, Aufgaben der einzelnen Züge usw. wurden schnell noch einmal durchgesprochen, als schon das Motorengedröhne der Stukas zu hören war. Unsere Aufgabe war es nun, mit der Feuerwalze von Artillerie und Stukas uns in die gegnerische Stellung hineintragen zu lassen. In geöffneter Ordnung trat die Kompanie pünktlich an. Schlagartig setzte die Heeresartillerie mit allen Kalibern ein. Die ersten Stukabomben trafen ihre Ziele ,und in diesem Inferno schritten wir, schön aufgelockert und gutes Marschtempo haltend, vorwärts, den Blick immer auf den Marschkompass, da der durch die Bomben aufgewirbelte Staub alle Sicht nahm. Wir folgten zeitweilig der Feuerwalze so auf dem Fuße, dass wir einmal selbst durch den Luftdruck in die Knie gehen mussten, verursacht durch eine zu nahe gefallene Stukabombe. Die Erde dröhnte und ein Zittern und Bersten hing in der Luft wie am jüngsten Tag. Wunderbar aber klappte die VErbindung innerhalb der Kompanie, die doch durch die geringe Sichtweite sehr erschwert war. Mit unseren Leuchtpistolen und mit Rauchzeichen standen wir in dauernder Verbindung mit unseren Stukas, die jederzeit wussten wie weit wir vorwärts gekommen waren, Schuss auf Schuss unserer Artillerie lag auf der Linie des Gegners und hielt ihn nieder. Welle auf Welle kamen die Stukas und warfen Bomben auf die Stellungen des Gegners und Meter für Meter gewannen wir an Boden. Drahthindernisse wurden durch Anbringung von Gassen durchschritten. Minenfelder überquert, ohne eine einzige Mine zu beseitigen, aber auch ohne auf eine einzige Mine zu treten.
Plötzlich standen wir am Panzergraben. Jetzt wusste jeder, musste es ernst werden* Es war ja allen bekannt, dass der Panzergraben, der etwa 2 m tief und 4-5 m breit war, das letzte künstliche Hindernis vor der dann beginnenden Bunkerlinie war. Ohne einen Befehl geben zu müssen, sah der Komp.-Führer wie links und rechts neben ihm, alles seinem Beispiel folgend, die Kompanie dieses Hindernis überwand, den wenige Meter hinter dem Panzergraben, schon zur Bunkerlinie zählenden Betongraben durcheilte und mit "Hurra!' in die Bunker eindrang, den vollkommen überraschten Gegner im Nahkampf aus seinen Kampfständen herauswerfend. Einzelne Soldaten hatten sich, wohl zum eigenen Schutz gegen Bomben und Granaten in zementierte und abgedeckte Unterkünfte zurückgezogen und wurden nun von uns herausgezogen. Es waren Inder. Schlotternd vor Angst und grau im Gesicht, von einem Bein auf das andere tretend, standen sie mit erhobenen Händen vor uns. Immer größer wurde der Haufen, immer mehr Nester und Stände wurden weggenommen. Die 3 von uns zu nehmenden Bunker waren in unserer Hand. Melder gingen zurück, dem Btl. Durchbruch und Erfolg meldend. Die Gefangenen wurden A abgeführt und weiter ging der Kampf, der uns tiefer in die Stellungen um Tobruk hineinbrachte. Feldstellungen wurden im Sturm genommen und im Begriff gegen ein größeres Werk von Feldstellungen vorzugehen, kam der feindliche Gegenstoß. Unsere Pak, die das Tempo der Infanterie hatte nicht mithalten können, war weit zurück. Überhaupt lag unsere Kompanie 1 - l 1/2 km vor den anderen Kompanien des Btl. Da kam der Gegenstoß. 5 leichte Panzerfahrzeuge griffen frontal an und beharkten uns mit MG. Der Ruf "Panzer von vorn" war doch nicht gerade eine Ermunterung für uns. Zumal jeder wusste, dass wir ohne panzerbrechende Waffen weit vorgestoßen waren. Unser Glück war es, dass es sich nur um leichte Fahrzeuge handelte, die oben offen sind und lediglich ein leichtes oder schweres Maschinengewehr mit sich führen. Sobald dies erkannt war, setzte auch schon die Abwehr ein. Sie war erfolgreich, ja man kann sagen, dass eine regelrechte Jagd auf diese MG-Karetten einsetzte. 4 davon wurden erbeutet, die Besatzung gefangen genommen. Die 5. Karatte konnte sich durch die Flucht dem Schicksal der anderen entziehen.
Aber noch sollten wir nicht in Ruhe gelassen werden. Feindliche Infanterie trat in etwa 1 km Entfernung zum Gegenstoß an. Unsere schweren Maschinengewehre bekamen Arbeit und beendeten sie erfolgreich. Unangenehme, uns alten Afrikanern nur zu gut bekannte Fahrzeuge schoben sich plötzlich in etwa 2 - 3 km Entfernung über den Hang - die gefürchteten Mark II schoben sich näher an uns heran und es war nur eine Frage der Zeit, wann mit ihrem Angriff zu rechnen war. Noch immer waren unsere eigenen Panzer nicht durch die von uns geschlagene Bresche nachgestoßen. Noch lagen wir mutterseelenallein auf freier Pläne. Und wieder versuchte der Feind es mit den Karetten. 6 Stück schickte er nun Diese wollten eine andere Taktik anwenden. Sie wollten uns umfassen. Zwei Stück kamen auch in unseren Rücken. Eine davon wurde unter großem Hallo in Brand geschossen. Das war das Signal für die anderen, in rasender Flucht ihr Heil zu suchen. Eine wurde noch erledigt. In dieser einen
lag außer dem Fahrer und dem MG. Schützen ein Hauptmann, der mit der Pistole diese Karette vorgetrieben hatte. Er ist von uns verwundet worden. Fahrer und MG.-Schütze mussten dabei das leben lassen.
Jetzt war die Situation am scheußlichsten; denn die Mark II hatten sich inzwischen noch näher herangeschoben. Doch da kam die Hilfe. Unzählige Panzer setzten in unserem Abschnitt über den inzwischen überbrückten Panzergraben und stießen vor. Es begann eine wilde Schießerei zwischen Panzern und Pak. Wir hatten uns nun in die schnell gegrabenen Löcher verzogen, und über unsere Köpfe hinweg pfiffen die Vollgeschosse der englischen Pak, darauf antworteten die Kanonen unserer Panzer. Nach etwa 1 Stunde waren die Panzer auf unserer Höhe, überholten uns und drangen weiter vor gegen Tobruk. Viele feindliche Panzer wurden vernichtet und weite Bunker und Stellungen erstürmt. Für uns aber war die Schlacht um Tobruk geschlagen, Wir sind Wegbahner gewesen für unsere Panzer. In unserem Abschnitt wurde der Keil getrieben, der, von uns vorbereitet, den Fall der als uneinnehmbar gehaltenen Feste herbeiführte. Verluste hatten wir. Ein Kamerad, der jüngste Soldat der Kompanie ist gefallen, ein anderer wurde leicht verwundet.
Der nächste Tag sieht uns, weiter im Befestigungsgürtel vorgekommen, damit beschäftigt, Gefangene zu sammeln und in Lager zu bringen.
Am übernächsten Tag sind wir schon wieder auf dem Weg in die Wüste.
Sollum und Halfaya-Paß werden südlich umgangen, die ägyptische Grenze überschritten und in der Höhe von Sidi Barani stoßen wir wieder nach Norden. Bald sind wir in der Nähe von Marsa Matruk, die große Kesselschlacht nimmt ihren Anfang. Tag für Tag Angriff Verfolgung. Schläge nach allen Seiten, mitten in den Feind hinein. Das sind die besonderen Merkmale des Kampfes um Marsa Matruk. Mit die ersten Fahrzeuge, die in die Stadt eindringen, sind die unserer Kompanie. Nur wenige Fahrzeuge sind, uns überholend voraus, unser Generalfeldmarschall und sein Stab.
Marsa Matruk ist gefallen.

Weiter geht der Kampf. Jetzt wieder in der Wüste bald hier, bald dort, keine Ruhe, kein richtiger Einsatz, nur stören, täuschen und locken, so bis heute und nun vielleicht mal ein paar Tage Ruhe - vielleicht - hoffen wir das beste!

Hans Greim