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Tagebuchauszug des Hans Greim über einen Rückzugskampf im Januar

Bericht über die Kampfhandlungen am 21.01.1943

Am 20.01.1943 hatte unsere Kompanie das Lösen eines anderen Rgt. zu sichern. D.h., das Rgt. X hatte in vorderster Linie gelegen, Feindberührung gehabt und wollte sich in den Nachmittagsstunden des 20. vom Feind lösen, weil andere Teile des Feindes in der Wüste weiter nach Westen marschierten, die uns sonst alle hätten umklammern können. Ein Lösen vom Feind ohne Verluste ist mindestens ein ebenso großer Erfolg wie ein geglückter Angriff. Unsere Kp. stand also zum Eingriff bereit, wenn sich nicht alles planmäßig abwickeln sollte. Ich stand mit meinen Troßfahrzeugen 1 km weiter zurück. Das Lösen klappte, dauerte allerdings viel länger als vorgesehen. Als das letzte Fahrzeug unserer Kompanie, durchgerollt war, hatte ich mich auch schon aufnehmen lassen, und wir fuhren einige Kilometer zurück. Plötzlich eine neue Auffangstelle. Es war die Höhe 151 an der Via Balbia 18 km westl. Homs, die zur Verteidigung direkt einlud. Eine Kp. unseres Btl. war bereits rechts der Straße in Stellung gegangen, wir gingen links in Stellung. Ich fuhr meine Troßfahrzeuge in ein Wadi unmittelbar hinter der Kompanie, wie das während das ganzen Rückmarsches der Fall war. Das Gelände war von tiefen Wadis durchzogen, die eine Annäherung des Feindes mit Fahrzeugen nur auf der Straße zuließ. Vorsorgehalber war aber vom Chef befohlen worden, tiefe Deckungslöcher auszuheben und vor allem wach zu bleiben während der Nacht.
Richtig, gegen Mitternacht bellt eine Pak von uns los und erledigt einen Panzer auf 30 m Entfernung,1 Spähwagen u. zwei Lkw, Der auf der Straße nachstoßende Feind geht stiften, d.h. er sucht das Weite. Beute, einige Gefangene, 2 Lkw, und 1 kleiner Pkw. Ein Spähtrupp bringt die Beute zurück hinter die eigenen Linien. Vorläufig ist Ruhe, wenn auch hier und dort einmal ein S.M.G. oder L.M.G. loshämmert. Gegen Morgen, es war noch dunkel, setzt wie
mit einem Schlag die feindliche Artillerie ein und hämmert auf unsere Stellungen, dass es nur so eine Pracht war. Wir haben schön die Köpfe eingezogen und im übrigen nur darauf gewartet, bis das Feuer nachlässt, denn dass da etwas kommen musste, war ganz klar. Wir bekamen natürlich den ganzen Segen in das Wadi, und es nimmt mich heute noch Wunder, dass meinen Fahrzeugen, die nicht eingegraben waren, nichts passiert ist. Also das Vorbereitungsfeuer war zu Ende, da ging auch schon die Bescherung los. Links von uns war eine Lüvke von einigen hundert Metern. Ausgerechnet durch diese Lücke muss der Feind kommen. Klar, das er dadurch auf den Troß stieß. Ich sehe jedenfalls in weniger als 30 m Entfernung plötzlich einen Tommy von rechts oben nach links unten laufen. Im Schutze einiger Büsche und Bäume hatte er sich so weit heranarbeiten können. Hinterher kamen aber gleich noch welche. So im Morgengrauen waren sie nur an ihren Gefechtsbeuteln zu erkennen, die sie auf dem Rücken tragen. Zunächst war ich einmal platt. Aber das hat nicht lange gedauert, hier musste nämlich gehandelt werden. Ein Melder wurde von mir zum Kp.-Gefechtsstand losgeschickt, mit der Meldung, dass der Feind beim uns eingebrochen sei und versucht, die Kompanie von hinten anzugreifen. Dann habe ich meinen Fahrern, die beide ihre Gewhhre bei sich hatten, die Ziele angewiesen (zu allem Unglück hatten der Rechnungsführer, der Fourier und die beiden Köche ihre Knarren noch auf dem Wagen) und schon ging die Knallerei los. Leider hatte ich nur meine Pistole, die zwar im Nahkampf gut ist, aber auf 25m - 30m doch nicht ganz sicher wirkt. Es war zunächst eine recht einseitige Sache. Der Tommj antwortete gar nicht mit der Waffe, sondern ich hörte nur zweimal, ziemlich ängstlich "Sergeant" rufen. Langsam haben wir uns an die Buschreihe herangearbeitet. Ich war platt. Einen Tommy hatte ich hinter dem Busch vermutet und 5 lagen dahinter.
Der Feldküchenfahrer hatte zum Glück eine Handgranate, die er auf zweimaliges erfolgloses "Hands up" Rufen warf. Daraufhin fingen die Tommy´s aber auch an, Handgranaten zuwerfen, aber wie, die gingen überall hin nur nicht dorthin, wo wir waren. Wir haben dann feste hineingehalten und auch bleibenden Erfolg gehabt. Als dann 4 Mann der Kompanie zu unserer Verstärkung erschienen, haben wir einen Gegenstoß gemacht, an dem alles dran war. Ca. 30 Tommys haben wir geschnappt und mindestens ebenso viele sind getötet worden. Nun war es aber höchste Zeit, die Zelte abzubrechen. Wir haben in der Zwischenzeit erfahren, dass der Feind von See her mit 40 Booten gelandet war und sich in unserem Rücken befand. Er hatte bereits eine Serpentine besetzt, eine große Brücke, die über ein mächtiges Wadi führte, zur Sprengung vorbereitet und war damit Herr der Situation, so nahm er an. Unser Rgt.-Fhr. hatte uns schon aufgegeben, machte aber mit einer Batterie 8,8 cm Flak doch noch den Versuch, uns herauszuhauen.
Im direkten Schuss auf 200 m mit Sprenggranaten in die vom Tommy besetzten Wadis. Da sind verschiedene Sachen in der Luft herumgeflogen und schon nach wenigen Schüssen haben die, die am drannsten waren, die Hände hoch genommen. 500 Tommys, sagt man, haben sich ergeben. Die Straße war aber wieder frei, die Sprengung der Brücke, die, wenn sie durchgeführt worden wäre, unseren Rückzug vereitelt hätte, verhindert. Unser Rückzug begann. Die Straße, die kurvenreich in das Tal führte, lag unter schwerem Artilleriefeuer. Was nutzte es alles, wir mussten durch. Ein Fahrzeug der Kompanie machte den Anfang, dann folgte ich mit meinen beiden Fahrzeugen, während die anderen Fahrzeuge noch sicherten und dann folgten. Es war eine tolle Fahrt. Rechts, links, vor und hinter uns hauten die Granaten rein, aber nichts passierte. Von den rechten Höhen der Straße schossen S.M.G. des Feindes. Ich sah den Dreck aufspritzen, doch das Schicksal meinte es gut mit uns. Wir sind durchgekommen, der Troß ohne jegliche Verluste, die Kompanie hat 2 Kameraden zu beklagen, die dabei den Tod fanden. Einen konnte ich noch begraben, der andere ist im Feindabschnitt liegen geblieben. 9 Verwundete hatten wir. Dagegen hatte der Feind eine bedeutend höhere Zahl an Toten, Verwundeten und Gefallenen. So traurig die Bilanz dieses Kampfes, nach unseren Ausfällen gemessen ist, so berechtigt ist das stolze Gefühl, dem Tommy, der mit überlegenen Kräften angegriffen hatte, (uns lagen gegenüber 1 Btl. Infanterie, 1 Regiment Artillerie, in unseren Rücken war ein Pionier-Btl., 1 Brigade Infanterie (zwei Regimenter), die gelandet worden waren), so einen kräftigen Schlag versetzt zu haben. Bezeichnend war, dass der Pionier-Hptm des Feindes bei seiner Vernehmung immer wieder betonte, dass er erstaunt gewesen wäre, solch einen Widerstand zu finden. Weiterhin war interessant zu beobachten, mit wie wenig Angriffsgeist die Infanterie vorging. Wir in ähnlicher Situation hätten vor einem solchen lächerlichen Troß, wie wir es waren, nie Halt gemacht. Es waren aber sehr junge Soldaten, Inselengländer, wie ich aus Gesprächen mit den Gefangenen entnahm. Zu erwähnen bleibt noch, dass unsere Artillerie geschossen hat wie der Teufel, bis sie zuletzt nichts mehr zum Schießen hatte.
Es war also ein ereignisreicher Tag, der 21.1., der mir und meinen Kameraden gezeigt hat, dass der Troß auch manchmal in Lagen kommen kann, wo man es dankbar empfindet, dass man seine Waffe griffbereit bei sich trägt. Jetzt sind wir gut ausgerüstet. Wir haben uns ein Tommy-Maschinengewehr erbeutet, genug Munition dazu, wenn es wieder einmal soweit ist, dann empfangen wir den Feind noch etwas eisenreicher. Unser Kdr. hat sich lobend darüber ausgesprochen, dass der Troß sich gleich so ins Zeug gelegt hat. Es war aber nichts besonderes, lediglich Pflichterfüllung oder aber auch Notwehr, wie man es nennen will, denn wenn wir nicht angefangen hätten, oder uns so angestellt hätten wie die Tommys, dann wären wir jetzt beim Tommy, oder wir lägen uns heute noch gegenüber.